Zeitung Heute : alle Runter kommen sie

Unser Autor kommt aus einer Hochbettfamilie. Nun baut er eines für seine Tochter – und lernt die Vielfalt der Konstruktionen und einen Profi kennen.

Karl Grünberg

Alles begann damit, dass meine zehnjährige Tochter sich vor mir aufstellte, die Arme vor der Brust verschränkte und sagte: „Papa, ich will ein Hochbett.“ „Oh je“, dachte ich. „Was denn für eins?“, fragte ich. „Eine Hochetage will ich, so wie du als Kind auch eine hattest.“ Ihre Augen funkelten streitlustig. Hätte ich doch nur meinen Mund gehalten.

Ich komme aus einer Hochbettfamilie. Mein Vater baute mir eines, das hatte drei Ebenen und ging über das ganze Zimmer. Meine Eltern schliefen auf einem, das hatte eine richtige Treppe. Auch für meinen Bruder verdoppelte sich die Spielfläche durch die zusätzliche Etage.

Für mich war das viel mehr als ein Bett. Es sparte Platz und schaffte Privatsphäre. Es war wie eine Höhle, in die konnte ich mich zurückziehen, ordentlich die Luke zuknallen und böse Worte auf die Köpfe meiner Eltern herabschleudern. Es war meine Spielwiese und mein Klettergarten, die Leiter nahm ich nur in Notfällen, ansonsten hangelte ich mich nach unten.

Wer nun nach Angeboten in Katalogen und Möbelhäusern sucht, dem fällt auf: Das Hochbett ist gnadenlos unterrepräsentiert. Nur in den Kinderabteilungen werden sie angeboten, oft als einfache Modelle. Objekt ausgefallener Designkultur ist das Hochbett in höchst seltenen Fällen. Dafür scheint es einfach zu sperrig zu sein. Hat das Bett knapp unter der Zimmerdecke nur als Accessoire für Junggebliebene und abenteuerlustige Kinder überlebt?

„Hochbetten haben ein schlechtes Image“, sagt Thorsten McCarthy. Der Berliner verdient sein Geld damit, anderen Menschen solche Betten zu bauen, und listet gleich mal die gängigen Klischees auf. „Möglichst billig, aus dem Katalog, schnell aufgebaut, wackelig, nicht schön.“ Zum Glück suchen seine Auftraggeber das Gegenteil, wenn sie zu McCarthy in den Kreuzberger Keller kommen, wo der 44-jährige Zimmermann seine Werkstatt hat. Er trägt schwere Schuhe, eine Baseballmütze, die Arbeitshosen überzieht Holzstaub – und der kräftige Händedruck verrät den Handwerker.

Er erzählt, wie ihn mehr und mehr Freunde einspannten, als sie ihre Hochbettträume verwirklichten, und er erkannte, dass es da eine Marktlücke gab. Der Berliner, der den Nachnamen seiner schottischen Frau übernommen hat, entdeckte eine ungeahnte Befriedigung bei der Arbeit: „Ich brauche für das Bauen meine ganze Fantasie und Kreativität.“

McCarthy ist für jeden Hochbettspaß zu haben: Kletterwände, Schaukeln, Bullaugen, Rutschen. Er kreiert luftige Schlafstätten, die an Schlösser erinnern, mit Türmen, kunstvoll ausgefrästen Fenstern und Sternen. Für Erwachsene baut er das Schloss Neuschwanstein nach, integriert Bücherregale, Schreibtische oder experimentiert mit Plexiglas, um mehr Licht auf Hochetagen hineinzulassen. „Nur ein einfaches Hochbett zu bauen, das tut mir fast in der Seele weh“, sagt McCarthy.

Und während er von seinen Kreationen schwärmt, beginne ich zu bereuen: dass ich die Reihen der Hochbettenanhänger verlassen habe. Ja, ich gestehe: Ich habe die Seiten gewechselt – ich bin wieder zu einem Bodenschläfer geworden.

McCarthy zeigt mir ein Foto von einem Piratenhochbett, und plötzlich erinnere ich mich an früher. Wie ich nach oben kletterte, mir ein Buch schnappte, es mir gemütlich machte und die Welt da draußen weit unter mir zurückließ. Das war mein Refugium. Ob es sich heute auch noch so anfühlen würde?

Es würde sich auf jeden Fall wie ein kleiner Schatz anfühlen. Das merke ich, als ich McCarthy nach dem Preis für ein Hochbett frage. „Zwischen 800 und 2000 Euro“, sagt er. Eine gute Investition? „Berlin wird teurer, viele können sich große Wohnungen nicht leisten. Wer wenig Platz hat oder Nachwuchs bekommt, der stellt sich ein Hochbett oder eine Hochetage rein“, sagt McCarthy.

Er erzählt von einem DJ aus Neukölln, der mit seiner Freundin in einer Zweizimmerwohnung wohnt– „zu klein zum Umdrehen“, meint er. Hochbetten sollten Abhilfe schaffen. Während Thorsten McCarthy schuftete, legte die Freundin eine Punkplatte nach der anderen auf. „Du stehst doch auf Punk, oder?“ Ja, tat er, schließlich spielte McCarthy früher als Drummer in einer Berliner Punkband.

Oder diese Doppeletage, die er für zwei kleine Jungs bauen sollte, die sich ein Zimmer teilten. Während McCarthy unter der Decke hing und eine Reckstange zwischen beiden Etagen anbrachte, lugte einer der Jungs ins Zimmer. Der Sechsjährige fragte staunend: „Ist das das schönste Hochbett, das du je gebaut hast?“

Ich bin enttäuscht, keine Bettromantik, sondern nur praktische Überlegungen wie Platzmangel und Mietpreise bringen das Hochbett zurück? „Doch“, beschwichtigt Thorsten McCarthy. „Romantik ist auch dabei.“ Und er erzählt von Eltern, die mehr Spaß am Planen und Entwerfen hatten als ihre Kinder und McCarthy zusammen.

Hochbetten sind nun mal Orte der Sehnsucht. So sieht es Sylvia Heinlein, die das Kinderbuch „Ein Hochbett für Hein“ geschrieben hat. Heinlein hat sich damit ihren unerfüllten Kinderwunsch von der Seele geschrieben: „Ich hatte nie ein Hochbett. Keines der Kinder, die ich kannte, hatte eines. Dabei habe ich mich sehr, sehr lange nach einem gesehnt.“

Die Autorin erinnert sich an ihre behütete Kindheit im Westdeutschland der 60er und 70er Jahre: „Hochbetten hatten damals den Ruch des Subversiven, Revolutionären, sie waren keine anständigen Betten und gehörten nicht in ein kleines, ordentliches Reihenhaus.“ Sie bewunderte natürlich die „coolen, freakigen Jungs“ mit langen Haaren, die sich welche selber bauten.

„Alternatives Design“, nennt es Professor Herbert Lindinger, kreiert als Widerstand gegen Massenware und Althergebrachtes. In seiner Geschichte des Industriedesigns beschreibt Lindinger, wie die Studentenbewegung das vorherrschende „Teuer-Design“ ablehnte und lieber Möbel selber baute. Mit den aufbegehrenden Studenten eroberte das Hochbett die deutschen Schlafzimmer.

Zurück zu meiner Tochter, ihrem Schlauchzimmer und meinem Versuch, mein erstes Hochbett zu bauen. Es gab keine Ausreden. Allein ich und meine beiden linken Hände waren gefragt. Einen Thorsten McCarthy konnte ich mir nicht leisten. Ich kämpfte einen Anflug von Panik nieder, setzte mich an meinen Rechner – und innerhalb von Minuten öffnete sich mir ein ganzes Universum an Tipps, Skizzen und Videoanleitungen zum Hochbettenbau. Ein Mann brauchte in einem Video nur 52 Sekunden dafür – im Zeitraffer.

Schwebend oder feststehend, das ist im Hochbettenbusiness die Frage. Übersetzt: Wenn die Wände tragen und näher beieinander stehen, kann das Bett direkt an der Wand festgemacht werden. Das spart Kosten und Platz. Wenn nicht, braucht es teure, stabile Balken. Kostenfaktor: je nach Modell zwischen 250 und 600 Euro. Zeitaufwand: zwischen 12 und 40 Stunden.

Fast hätte ich die Idee und damit meine Familientradition über Bord geworfen und meiner Tochter mein größeres Zimmer zum Tausch angeboten. Im Internet fanden sich nämlich auch eine ganze Reihe von Horrorgeschichten über Kinder, die beim Toben aus dem Hochbett gefallen sind, mit gebrochenen Beinen, Nasen und Gehirnerschütterung im Krankenhaus gelandet sind, selbst von Todesfällen ist die Rede. Experten raten deshalb: Hochbetten erst ab sechs Jahren, Toben und Springen auf der Matratze besser nicht, hohe Geländer, Hochbett an der Wand festmachen.

Nach diversen Skizzen, Dutzenden neuen Ausmessungen, Beratungsgesprächen im Baumarkt über das richtige Holz – Fichte oder Birke –, einer Woche Bauzeit stand es endlich: mein erstes selbst gebautes Hochbett. Stolz präsentierte ich es meiner Tochter. Sie war begeistert und kommt seitdem kaum noch aus „ihrer Höhle“, wie sie es nennt, heraus.

Was sie nicht weiß: Seitdem ich McCarthy getroffen habe, klettere ich ab und zu heimlich die Leiter hoch, wenn sie nicht da ist. Ich mache es mir gemütlich, lese Comics, schaue an die Decke und fühle mich geborgen. Wie früher. Vielleicht tauschen wir die Zimmer ja doch noch.

Wer sich von Thorsten McCarthy beraten lassen möchte, erreicht ihn unter www.hochbettenberlin.de

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