Zeitung Heute : Alle vier Chefs der Berliner S-Bahn müssen gehen

Die Bahn will Fahrgäste und Senat wegen Chaos im Betrieb entschädigen

Klaus Kurpjuweit

Berlin - Der Aufsichtsrat der Berliner S-Bahn hat am Donnerstag den gesamten Vorstand des Unternehmens gefeuert. Das komplette Auswechseln der vierköpfigen Geschäftsführung mit Tobias Heinemann an der Spitze ist die Konsequenz der mehrfach falschen Angaben der S-Bahn an das aufsichtsführende Eisenbahn-Bundesamt. Ein Interimsvorstand soll nun die Geschäfte weiterführen. Die Bahn kündigte zudem an, Fahrgäste und auch den Senat für die nicht erbrachten Leistungen entschädigen zu wollen. In welcher Form stehe noch nicht fest. Hier müsse es Gerechtigkeit für alle Fahrgäste geben. Zudem will die Bahn mit der BVG über zusätzliche Angebote der BVG reden, so lange der Verkehr bei der S-Bahn eingeschränkt ist.

Die S-Bahn hatte sich nach dem Bruch eines Rades am 1. Mai zu bestimmten Fristen bei der Überprüfung ihrer Züge verpflichtet, sich aber nicht daran gehalten. Daraufhin hatte das Eisenbahn-Bundesamt einen großen Teil der Fahrzeuge stillgelegt. Seit Dienstag gibt es deshalb Zugausfälle und Verspätungen. Auch am Donnerstag setzte sich das Chaos fort.

Nach der offiziellen Version hat die bisherige Geschäftsleitung in der Sondersitzung des Aufsichtsrats am Donnerstagnachmittag geschlossen ihren Rücktritt angeboten. Der Bahnvorstand hatte jedoch bereits in der Nacht zuvor die neue Leitung verpflichtet. Chef der S-Bahn wird der bisherige Regionalbereichsleiter Nordost der DB Regio, Peter Buchner. Auch seine drei Kollegen kommen von der Bahn.

Die bisherigen vier Geschäftsführer haben nach Angaben von Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg weiter geltende Arbeitsverträge mit dem Konzern. Über weitere Schritte werde man entscheiden, wenn die Ursache der Versäumnisse geklärt sei. Sicherheit sei und bleibe oberstes Gebot. Einen Zusammenhang mit Sparmaßnahmen gebe es dabei nicht. Die technischen Probleme seien unabhängig von Einsparungen aufgetreten. Werkstattkapazitäten in einem Ausmaß vorzuhalten, wie es jetzt in dieser Ausnahmesituation erforderlich wäre, sei unwirtschaftlich, sagte Homburg weiter.

Die S-Bahn hatte, wie berichtet, Werkstätten geschlossen, fahrfähige Züge verschrottet, Mitarbeiter versetzt oder nach Hause geschickt, um dem Konzern einen Gewinn überweisen zu können. Im vergangenen Jahr waren es rund 56 Millionen Euro. Sobald sich die neue Leitung einen Überblick verschafft habe, wolle man mitteilen, wann die Züge wieder planmäßig fahren.

Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) zeigte sich erfreut. Jetzt müsse alles getan werden, um die Sicherheit im Betrieb und die Zufriedenheit bei den Fahrgästen wiederherzustellen. Junge-Reyer hatte zuvor gedroht, den Verkehrsvertrag des Senats mit der S-Bahn, der noch bis 2017 gilt, vorzeitig zu kündigen. Die verkehrspolitische Sprecherin der Linken in Berlin, Jutta Matuschek, forderte die Bahn auf, den „Kurs des Auspressens der Berliner S-Bahn zugunsten eines Börsengangs der Deutschen Bahn AG zu beenden“. Ähnlich äußerten sich der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) und die Gewerkschaft Transnet. Nach den persönlichen müsse es auch strukturelle Konsequenzen geben, forderten VBB-Chef Hans-Werner Franz und Transnet-Vorstand Reiner Bieck.

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