Zeitung Heute : Alle Vögel waren schon da

Soldaten, Krisenstäbe, Schutzzonen – für die Rügener eine Bedrohung. Denn sie fürchten nicht die Grippe. Sie fürchten um ihre Existenz

Sven Goldmann[Bergen Rügen]

Nebel. Gefrorene Äcker, kurvenreiche Straßen, auf denen man keine Menschen sieht. Deutschlands größte Insel erinnert im Februar an die schwedische Provinz Schonen, in der Henning Mankell seinen Kommissar Wallander nach Mördern suchen lässt. Die Natur taucht die Stimmung in ein trübes Grau. Auf Rügen scheint die Zeit stillzustehen. Lange bevor es ein Bundesland Mecklenburg-Vorpommern gab, hat Bismarck einmal gesagt, in diese Provinz wolle er sich zurückziehen, bevor der Weltuntergang kommt, denn dort passiere alles 100 Jahre später.

130 Jahre später ist Angela Merkel nach oben an die Küste gereist. Juristisch gesehen ist die Bundeskanzlerin so etwas wie eine späte Amtskollegin Bismarcks, und sie ist nicht gekommen, um dem Weltuntergang zu entfliehen. Im Gegenteil. Soldaten patroullieren über Rügen, sie tragen weiße Schutzanzüge und Masken, die wie High-Tech-Rüssel aussehen. Stündlich gibt es neue Meldungen, von Katastrophenalarm und Krisenstäben, von Straßensperren und Schutzzonen. Wer in diesen Tagen auf Rügen blickt, der muss denken, dass die Apokalypse hier ihren Anfang nimmt. Seit vor acht Tagen vier tote Schwäne positiv auf das Virus H5N1 getestet worden sind, herrscht der Ausnahmezustand auf Rügen. Es ist eine Laune des Schicksals, dass die Vogelgrippe hier ihren Weg nach Deutschland gefunden hat. Diesen Makel hat die Insel nicht zu verantworten und doch schwer daran zu tragen. Der Begriff „Rügen-Virus“ macht die Runde. Das ist griffiger als H5N1.

Rügens Beliebtheit hat gelitten in den vergangenen Tagen, aber es ist gar nicht so einfach, überhaupt auf die Insel zu kommen. Wie im Sommer, zum Beginn der Urlaubszeit, stauen sich die Autos bis weit nach Stralsund hinein vor dem Rügendamm, der einzigen Verbindung zum Festland. Diesmal kommen keine Urlauber. Die Bundeswehr rückt an, das Technische Hilfswerk ist schon da. Gemeinsam errichten sie am Rügendamm eine Desinfektionsstation. Immer wieder wird die Zufahrt gesperrt. Wer Rügen verlassen will, muss langsam über ein mit Desinfektionsmitteln getränktes Kunststoffvlies fahren. Radfahrer gehen durch eine Wanne, die Reifen der LKWs werden abgesprüht. Das dauert. Mancher Rügener erreicht den Arbeitsplatz auf dem Festland pünktlich zur Mittagspause. Eine Frau schimpft im Radio: „Das ist der Witz des Jahrhunderts. Hier unten sprühen sie uns ab, und da oben fliegen die Vögel und scheißen drüben aufs Festland.“

Nein, Rügen freut sich nicht über den Besuch. Die Einwohner empfinden den Einfall von Presse, Bundeswehr und Politik nicht als Unterstützung, sondern als Bedrohung. Die Straßensperren und Desinfektionsschleusen seien blinder Aktionismus. Panikmache, die sie die Existenz kosten könne. Die Menschen hier fürchten nicht die gesundheitlichen Folgen der Vogelgrippe. Sie haben Angst vor wirtschaftlichen Konsequenzen. Rügen lebt vom Tourismus. „Wenn das so weitergeht, können wir dicht machen“, sagt Gerd Peters, ein kugelrunder Mann Mitte Dreißig. Er führt in der Inselhauptstadt Bergen das Hotel Ratskeller. Am Montag hätten zwei Gruppen ihre Buchungen abgesagt. „12 000 Euro Umsatz weg, und das ist nur der Anfang“, sagt Peters. „Und das alles wegen ein paar toter Schwäne.“

Mittlerweile sind es mehr als 100 Vögel, in denen das tödliche Virus nachgewiesen wurde. Die meisten von ihnen liegen an der Ablegestelle der Wittower Fähre im Westen der Insel. Der Fährbetrieb ist seit Montag eingestellt. Früh am Morgen ist die Polizei gekommen und hat die Zufahrten gesperrt. 100 Meter vor der Wasserlinie haben die Beamten eine Sicherheitsschleuse errichtet. Keiner darf an den Strand. „Anweisung von ganz oben“, sagt ein Polizist. Vier Halbwüchsige biegen auf Fahrrädern um die Ecke. „Wir haben was zu melden!“ Ein toter Schwan im Schilf, gut 100 Meter von der Sperre entfernt. Die Jungs sind stolz auf ihren Fund. Dürfen sie bis ans Wasser ran? „Was heißt dürfen“, sagt einer. „Wir machen’s einfach.“ Und wenn die Bundeswehr kommt? „Na, wenn schon!“

Die Bundeswehr steckt noch im Stau. Erst zum Anbruch der Dunkelheit treffen am Montagabend zwei weiße Reisebusse ein auf dem Parkplatz von Gingst. An Bord ist die Panzergrenadierbrigade 41 Vorpommern. Militärisch korrekt trennen sich die Soldaten sofort in zwei Gruppen. Die eine tritt an zum Wasserlassen an einem Zaun, die andere zur Zigarettenpause. Der Stabsveterinär sagt: „Hallo, Jungs, schön, dass ihr hier seid!“ Er hält ein Grundsatzreferat zur Vogelgrippe mit vielen lateinischen Begriffen. „Es geht um den Ruf Deutschlands, wir müssen Schaden abwenden von unserem Land und der EU. Noch Fragen?“ Nein, keine Fragen.

Am Dienstagmorgen beginnen die Soldaten mit der Arbeit. Tote Vögel einsammeln, zu Fuß oder mit Booten in den flachen Schilfgewässern. Der Einsatzleiter ist Armin Taubenheim, ein stämmiger Oberstleutnant. Er war schon am Wochenende auf Rügen, „am Sonntagabend um kurz nach sieben bin ich wieder weg, eine halbe Stunde später hat die Landrätin den Katastrophenfall erklärt, wurde ja auch langsam Zeit.“ Es ist nicht zu überhören, dass Oberstleutnant Taubenheim nicht viel hält von der Landrätin.

Kerstin Kassner hat ihr Büro in einer Gründerzeitvilla im Zentrum von Bergen. Nein, die Landrätin ist nicht zu sprechen, sagt die Dame im Vorzimmer. Frau Kassner macht sich rar. Sie hat viel Kritik einstecken müssen, weil sie in den ersten Tagen nach dem Fund der toten Vögel zur Ruhe gemahnt hat. Sie hat sich lange geweigert, den Katastrophenalarm auszurufen, weil das eben mehr sei als ein verwaltungstechnischer Terminus, der den Einsatz der Bundeswehr ermöglicht. Das hat den Rügenern imponiert. Kerstin Kassner sei eine von ihnen, sagt der Hotelier Gerd Peters. Eigentlich habe die Landrätin nur einen Fehler gemacht: „Sie hätte die Fundstellen der toten Vögel rechtzeitig weiträumig absperren müssen, damit da draußen nicht so viele Politiker und Journalisten ihr Unwesen treiben.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar