Zeitung Heute : Allein im Lärm

Ein Leben mit Tinnitus-Geräuschen ist schwierig, aber möglich

Sebastian Tilch

Es begann alles Silvester vor sechs Jahren. Erika Gensler war früh schlafen gegangen, da wurde sie plötzlich von einem lauten Geräusch wach. Doch da war nichts, was Lärm machte. Das Pfeifen war in ihrem Ohr und ging nicht mehr weg. Beunruhigt suchte sie ihren Arzt auf. Diagnose: Tinnitus.

Tinnitus, im Volksmund auch Ohrensausen genannt, ist ein dauerhaftes Geräusch, das nur vom Betroffenen selbst gehört wird. Zum Teil sogar erstaunlich laut. Manche hören es nur auf einem Ohr, andere auf beiden, wieder andere im ganzen Kopf.

Bei etwa acht Millionen Bundesbürgern pfeift, klingelt, rauscht oder brummt es. Und die Tendenz ist steigend. Doch nur wenige Betroffene nehmen das Störgeräusch als so belastend wahr, dass von einem Krankheitssymptom gesprochen werden kann. Denn den meisten gelingt es, die Störgeräusche weitgehend zu verdrängen, erklärt Birgit Mazurek, Leiterin des Tinnituszentrums an der Charité Berlin. Bei einigen werden sie allerdings zur unerträglichen Dauerbelastung. Schlafstörungen oder Depressionen sind die Folge, und manche flüchten sich sogar in den Selbstmord.

„Anfangs war es ganz schlimm. Pfeifen, zischen – es gab kein Geräusch, das nicht dabei war“, erzählt Erika Gensler. Durch das ständige Störgeräusch fühlte sie sich völlig isoliert und wäre ihr Mann nicht gewesen, hätte sie sich wohl umgebracht.

In den meisten Fällen entsteht Tinnitus durch eine Schädigung der Hörzellen im Innenohr. Die Hauptursache ist eine mangelnde Durchblutung des Innenohrs. Oft tritt dies bei Patienten mit Altersschwerhörigkeit auf. Immer häufiger aber auch bei jungen Menschen als Folge starker Lärmbelastung in der Disko oder bei lauten Konzerten.

Daneben kann auch Stress Tinnitus auslösen. Denn dabei verengen sich unsere Adern, was sich ebenfalls auf die mangelnde Durchblutung des Innenohrs auswirken kann. Zudem ist unser Gehör direkt mit dem Gefühlszentrum im Gehirn, dem Limbischen System, verbunden, wo Stress verarbeitet wird. Dabei werden die Sinneszellen im Ohr zusätzlich erregt.

Tinnitus kann in der Akutphase vom HNO-Arzt mit blutverdünnenden Infusionen behandelt werden. Sie sollen die Sauerstoffversorgung im Innenohr verbessern. Infusionen sind jedoch nur in den ersten drei Monaten sinnvoll. Und nicht selten bleibt der Erfolg aus. Die Methoden der Akutbehandlung haben auf einen chronischen Tinnitus allerdings keinen Einfluss. Denn der Tinnitus verselbstständigt sich innerhalb des ersten Jahres. Der Patient empfindet das ständige Störgeräusch zunehmend als Dauerbedrohung. Diese negative Bewertung verankert den Tinnitus im Gehirn. Nicht einmal das Durchtrennen des Hörnervs kann dann noch für Ruhe sorgen.

Aber auch chronischer Tinnitus kann behandelt werden. Die gängige Methode ist die so genannte Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT). Dabei soll der Patient die zuvor erlernte negative Bewertung des Tinnitus wieder verlernen und ihn dadurch nicht mehr als störend empfinden. Die Behandlung verspricht also keine eigentliche Heilung, sondern eine Verbesserung der Lebensqualität durch eigene Mithilfe.

Zu Beginn der Therapie wird der Patient ausgiebig über die Mechanismen zur Entstehung und Verstärkung seines Ohrgeräusches aufgeklärt. Je mehr er über seinen „Mann im Ohr“ weiß, desto eher kann er seine Angst davor abbauen. Dazu kommen eine psychologische Betreuung und Entspannungsübungen. Ein wichtiges Element der Therapie stellt der so genannte Noiser dar. Er ähnelt einem Hörgerät und gibt ein feines Rauschen von sich. Dies soll das Gehirn vom Tinnitus ablenken und wieder die Aufmerksamkeit für äußere Geräusche wecken.

Tägliches Training

Es hat lange gedauert, bis Erika Gensler eine Besserung durch die Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT) feststellen konnte. Vor allem der Noiser und tägliches autogenes Training haben ihr sehr geholfen. Sie kann jetzt wieder ein normales Leben führen. An den Tinnitus denkt sie immer seltener.

Bei drei Viertel der Patienten, so das Ergebnis einer aktuellen Studie der Charité, ist die TRT erfolgreich. Auch wenn das Ohrgeräusch noch da ist, sind die Patienten in der Lage, wieder ein geregeltes Leben zu führen.

Hoffnung auf eine schnellere Linderung könnte eine neue Therapieform geben, die zurzeit am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim (ZI) getestet wird. Grundlage dafür sind neuere Erkenntnisse aus der Neurologie. Mittels Magnetencephalographie (MEG) konnte gezeigt werden, dass bei Tinnituspatienten bestimmte Hirnregionen, die zur Wahrnehmung von Geräuschen dienen, verändert sind. Durch gezieltes Training können diese Veränderungen zum Teil wieder zurückgedrängt werden. Erste Testdurchläufe mit Patienten konnten noch keinen eindeutigen Erfolg zeigen. Weitere Testläufe sind gestartet, erste Ergebnisse sollen in den kommenden Monaten bekannt gegeben werden.

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