Zeitung Heute : Allein in der Fremde

Unternehmen suchen sprachkundige Mitarbeiter, die im Ausland ihre Geschäfte führen

Philipp Eins
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Foto: Jann Aulbert

Die Koffer sind gepackt, um 10.15 Uhr startet der Flieger in die USA. Neben Hemd und Anzug kommen Broschüren und Verträge ins Gepäck. Ganz egal, ob es dabei um Maschinen oder Produkte der chemischen Industrie geht – wer als Außenhandelskaufmann unterwegs ist, muss in fremden Sprachen sicher verhandeln können.

Doch das Feilschen um Preise und Liefertermine ist nicht einfach. Wer lediglich Englisch auf Schulniveau spricht, könnte Probleme bekommen. „Jede Kultur hat ihren einen Business-Knigge“, sagt Axel Thurow, Leiter der Friedrich-List-Schule für Wirtschaftssprachen in Berlin. Umgangsformen im geschäftlichen Umfeld sind zum Beispiel in Japan, den USA und Skandinavien völlig verschieden. Viele Geschäftsführer und leitende Angestellte beschäftigen daher Fremdsprachenkorrespondenten, die sie bei wichtigen Terminen im Ausland begleiten – oder die Verhandlungen gleich selbst übernehmen.

„Fremdsprachenkorrespondenten müssen dolmetschen und übersetzen, kennen sich aber zugleich mit Wirtschaft aus“, sagt Thurow. Neben Lehrgängen zum kaufmännischen Assistenten bietet die staatliche Einrichtung eine zweijährige kostenfreie Ausbildung zum Fremdsprachenkorrespondenten an. Intensives Training in zwei Wirtschafssprachen ist dabei Pflicht. Zur Auswahl stehen Englisch, Spanisch und Französisch. Hinzu kommen Kurse in Wirtschaftslehre, Rechnungswesen und Sekretariatspraxis.

Sechs bis acht Stunden täglich verbringen die Azubis in der Schule, davon einen Großteil in Multimedia-Sprachlaboren. „Mit Kreide und Schiefertafel können Sie keinen modernen Sprachunterricht machen“, sagt Thurow. Vier- bis achtwöchige Praktika im europäischen Ausland ergänzen den Unterricht.

Während Englisch bei jeder Kombination vorgegeben ist, können die Schüler zwischen Spanisch und Französisch wählen. „Die meisten tendieren zu Spanisch, weil diese Sprache in Lateinamerika weit verbreitet ist“, so der Schulleiter. Das könnte ein Fehlschluss sein. Denn wenn es um Wirtschaftsbeziehungen geht, machen Spanien und Lateinamerika nicht das Rennen.

Für knapp 63 Milliarden Euro wurden im Jahr 2007 französische Waren in Deutschland gekauft. Damit ist Frankreich noch vor den USA der wichtigste Handelspartner Deutschlands. Umgekehrt betrug der Exportumsatz im selben Zeitraum mehr als 91 Milliarden Euro. Fach- und Führungskräfte sind daher gut beraten, neben Business-Englisch auch einige Worte Französisch zu sprechen – selbst wenn sie auf einen Übersetzer zurückgreifen können. „Beim Smalltalk an der Kaffeemaschine erfährt man manchmal mehr als in offiziellen Sitzungen“, sagt Françoise Weber, Leiterin des Fachbereichs Wirtschaftssprachen an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Auch eine dritte Fremdsprache zu erlernen sei sinnvoll. „Dafür haben jedoch immer weniger Wirtschaftsstudenten Zeit“, so Weber. Durch das verschulte Bachelor-Studium ist Freizeit knapp geworden.

Aus diesem Grund schätzt Weber, dass vor allem die Nachfrage nach exotischen Fremdsprachen wie Chinesisch unter Fach- und Führungskräften mittelfristig zurückgehen wird. „Ich spreche selbst ein paar Worte“, sagt sie. „Denkweise, Grammatik, Aussprache – Chinesisch hat nirgendwo Anknüpfungspunkte zu unserer Sprache, was das Lernen sehr schwierig macht.“ Den Studenten der Frankfurter Uni geht das ähnlich. Von 60 Studienanfängern, die sich für den dreijährigen Chinesisch-Lehrgang eingeschrieben haben, hielten nur zehn Studenten durch. Wer mit Asien Handel treibt, wird also auch in Zukunft auf Übersetzer angewiesen sein.

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