Zeitung Heute : Alleinerziehende sind oft arm

40 Prozent beziehen Hartz IV / Verband beklagt strukturelle Benachteiligung / Schwesig fordert Entlastung.

Berlin - Alleinerziehende in Deutschland sind besonders häufig von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen. Von allen alleinerziehenden Müttern oder Vätern beziehen fast 40 Prozent die staatliche Grundsicherung. Im Vergleich zu Paarfamilien sind sie bundesweit fünf Mal häufiger auf Hartz IV angewiesen. Das ergab eine Untersuchung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung, die am heutigen Montag vorgestellt wird. Der Studie zufolge hätten Reformen im Unterhalts- und Steuerrecht den finanziellen Druck auf Alleinerziehende in den vergangenen zehn Jahren deutlich erhöht. „Wer Kinderarmut bekämpfen will, muss die rechtlichen und familienpolitischen Rahmenbedingungen für alleinerziehende Eltern verbessern“, sagte Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung.

Derzeit wächst jedes zweite der insgesamt 1,9 Millionen Kinder, die von staatlicher Grundsicherung leben, in einer Ein-Eltern-Familie auf. „Die familien- und sozialpolitischen Maßnahmen erreichen alleinerzogene Kinder oftmals nicht“, sagte Miriam Hoheisel, die Geschäftsführerin des Verbands alleinerziehender Mütter und Väter, dem Tagesspiegel. „Die strukturelle Benachteiligung Alleinerziehender führt zu einem erheblichen Armutsrisiko, und die Einkommensarmut der Eltern wiederum zur Bildungsarmut der Kinder.“ Ihr Verband fordert wie die Bertelsmann-Stiftung, den Entlastungsbetrag für Alleinerziehende zu erhöhen. Zudem sollten die Begrenzungen beim Unterhaltszuschuss wegfallen. Bisher ist der Zuschuss, der gewährt wird, wenn der unterhaltspflichtige Elternteil nicht zahlen kann, auf maximal sechs Jahre limitiert. Die Kinder dürfen zudem nicht älter als zwölf Jahre sein.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) fordert angesichts des hohen Armutsrisikos mehr steuerliche Förderungen. „Alleinerziehende müssen auch steuerlich entlastet werden, um Familie und Beruf zu vereinbaren“, sagte sie der ZDF-Sendung „Wiso“. Die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen, Elke Ferner, verlangte einen höheren Steuerfreibetrag für Alleinerziehende. Helfen könne es auch, Betroffene in den Genuss des sogenannten Kinderzuschlages kommen zu lassen, sagte Ferner dem Tagesspiegel. „In Verbindung mit dem Mindestlohn wäre damit viel gewonnen.“ Bisher kommt der Kinderzuschlag als Hartz-IV-vermeidende Leistung oft ausgerechnet bei Alleinerziehenden nicht an, da dafür Unterhaltszahlungen gegengerechnet werden.

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