Zeitung Heute : Aller Anfang ist schwer

Jedes Jahr werden in Berlin neue Privatschulen gegründet. Nur mit viel Engagement setzen sie sich durch

Susanne Vieth-Entus

Unermüdlich gründen Berliner Eltern und Vereine eigene Schulen. Jahr für Jahr kommen neue Initiativen hinzu. Aber von einem „Boom“ will Andreas Wegener, Geschäftsführer der Privaten Kant-Schule, dennoch nicht sprechen: „Es gibt Zulauf, aber der Aufbau einer Schule ist schwierig.“ Er weiß von den Schwierigkeiten, die eine Schulgründung mit sich bringt. „Es reicht nicht, dass fünf Eltern sagen, ich will nicht in eine staatliche Schule“, sagt Wegener, der als Vorsitzender des Berliner Privatschulverbandes einen guten Überblick hat.

Was so ein Start bedeutet, weiß die Mitbegründerin der Freien Schule Charlottenburg . „Wir dachten, wenn wir anfangen, dann wird es schon werden“, erzählt Anne Blumenthal. Mit nur sechs Kindern ging es im Sommer 2003 los. Das Ziel war eine Schule, die sich konsequent an Pestalozzi und Montessori orientiert.

Bis heute besteht die Schule aber nur aus 16 Schülern zwischen sechs und elf Jahren, die altersgemischt unterrichtet werden. „Wir würden gern mehr Kinder aufnehmen, aber unsere Räume sind so klein, dass wir nur für 16 Kinder eine Betriebsgenehmigung erhalten haben“, berichtet Blumenthal. Bis heute habe man keine anderen Räume als die im Siegmundshof 17 am S-Bahnhof Tiergarten (Tel. 32304633) finden können, obwohl man sich – wie der Name verrät – eigentlich in Charlottenburg ansiedeln wollte.

Wie es jetzt weitergeht? Man hält sich über Wasser mit zinslosen Darlehen, ehrenamtlichen Helfern und Spenden, nutzt die Sporthalle einer benachbarten Oberschule und Spielplätze in der Umgebung. Die Eltern zahlen im Monat 150 Euro. Eine Mutter bietet Yoga an, andere Eltern putzen und machen die Öffentlichkeitsarbeit. „Man braucht viel Durchhaltevermögen“, sagt Anne Blumenthal im Rückblick, „aber ich würde es wieder machen, so oft ich es auch verfluche.“ Dass sich die Schule bald auflöst, glaubt sie nicht, denn „alle sind sehr motiviert“.

Langsamer als erhofft geht es auch in der anthroposophischen Johannes- Schule Berlin voran. Sie wurde 2004 gegründet, residiert in der Bundesallee 38 (Tel. 848 50 2810). Anfangs waren auch nur sechs Schüler beisammen, jetzt sind es über 50: eine gemischte erste und zweite Klasse und eine dritte Klasse. Ebenso wie die Freie Schule Charlottenburg hat die Johannes-Schule einen Kredit bei der Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken (GLS-Bank) aufgenommen, weil sie noch keine staatlichen Zuschüsse bekommt. Das könnte sich aber bald ändern: Da die Johannes-Schule auf dem Weg ist, als Waldorfschule anerkannt zu werden, hofft sie darauf, unter die Fittiche einer anderen Waldorfschule genommen zu werden. Wenn man eine Trägerschule findet, zahlt der Staat Personalzuschüsse, ohne dass man die mehrjährige Bewährungsfrist abwarten muss.

„Man braucht viel Herzblut, um eine Schule zu gründen“, sagt Marianne Knobloch, die in der Verwaltung der Schule arbeitet. Konkret bedeutet das: niedrige Gehälter für alle, Fachlehrer werden stundenweise honoriert, die Eltern zahlen das Darlehen ab, helfen beim Frühjahrsputz und malern. Das regelmäßige Putzen macht eine 1-Euro-Kraft. Die Familien zahlen je nach Einkommen im Schnitt 150 Euro pro Monat.

„Geld ist nicht so schnell zu machen“, sagt Alain Moser, Geschäftsführer der Neugründung Moser-Schule/Schweizer Gymnasium , die zunächst „Mehrsprachige Schule Berlin“ hieß. Eigentlich war im Sommer 2005 der Start mit zwei fünften Klassen geplant, aber nur eine mit 16 Schülern kam zustande. Inzwischen hat die Ganztagsschule in der Badenschen Allee 31/32 (Tel. 323 046 33) aber etliche Neuanmeldungen – trotz eines monatlichen Schulgelds von 600 Euro.

Nicht ohne Probleme war auch der Anfang des Gymnasiums Tüdesb in Spandau, Wilhelmstraße 25-30 (Tel. 36289213). Auch hier mussten Eltern und Sponsoren gehörig mithelfen, damit das ambitionierte türkische Vorhaben, das die Eltern monatlich 330 Euro Schulgeld kostet, in Gang kam. Inzwischen ist Mitbegründer Soner Eroglu aber optimistisch, kann auf zwei siebte und zwei achte Klassen verweisen und hat im zweiten Jahr des Bestehens endlich eine Schulleiterin gefunden, die die vom Senat verlangten Voraussetzungen erfüllt, bestätigt ein Sprecher der Bildungsverwaltung.

Auch in diesem Jahr haben etliche Träger Anträge auf Schulgründungen gestellt, darunter die Sudbury-Schule , die Initiative Freie Schule Kreuzberg und die Interkulturelle Gesellschaft Mitra e.V. Was aus diesen Anträgen wird, ist noch unklar. Der Anteil der Privatschüler in Berlin liegt jetzt bei gut fünf Prozent und damit unter dem Bundesdurchschnitt.

Freie Träger informieren: Die Johannes-Schule stellt ihr Programm freitags 18 -20 Uhr vor. Die geplante Sudbury-Schule präsentiert sich auf zwei Veranstaltungen: in Friedrichshain, 23. Februar, 19.30 Uhr, Café Größenwahn Kinzigstr. 9 und in Kreuzberg, 5. März, 14 Uhr im Nachbarschaftszentrum Urbanstraße 21. Die Private Kant-Schule öffnet ihre Türen am 18. Februar, 10- 14 Uhr, Körnerstraße 11. Mehr Infos unter www. freie-schulen-berlin.de

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