Zeitung Heute : Aller Heiliger

Die Faszination des Papstes ist ungebrochen. Rom bereitet sich auf die größten Feierlichkeiten vor. Welche Fragen stellen sich?

Martin Gehlen Robert Birnbaum

Das Konklave beginnt am 18. April. Wer hat den Termin festgesetzt – und wie konnte er bestimmt werden, obwohl noch nicht alle Kardinäle in Rom eingetroffen sind?

Die Kardinäle haben genaue Vorschriften, wann sie mit dem Wählen beginnen müssen: zwischen dem 17. und 22. April. Es sind zwar noch nicht alle Kardinäle in Rom, aber die fehlenden haben über ihre Büros den Termin mitbestimmt.

Was geschieht mit den Kleidungsstücken von Johannes Paul II.?

Die offiziellen Kleidungsstücke werden in den Archiven des Vatikans aufgehoben. Was mit der persönlichen Habe geschieht, regelt vermutlich das Testament des Papstes, das in polnischer Sprache verfasst ist und 15 Seiten umfasst. Zunächst soll es ins Italienische übersetzt und dann am heutigen Donnerstag eröffnet werden.

Gibt es eine Kleiderordnung für Päpste, die auch in ihrer Freizeit gilt?

Es gibt eine Kleiderordnung, die im Kirchenrecht festgelegt ist. Ein Papst kann also nicht im zivilen Anzug herumlaufen. Selbst beim Skifahren war Johannes Paul II. darum in einer weißen Papstrobe gekleidet. Der verstorbene Fuldaer Erzbischof Johannes Dyba erzählte gerne davon, dass er einmal mit dem Papst zusammen im Meer gebadet habe. In Badehose, so Dyba, habe der Heilige Vater ausgesehen wie jeder andere Mensch.

Am Mittwoch trauerte die katholische Kirche in Deutschland. Wäre es denkbar, dass ein Deutscher Papst würde?

Dieser Fall ist denkbar, aber unwahrscheinlich. Kardinal Ratzinger verkörpert zu sehr das traditionelle Kirchenbild von Johannes Paul II., er hat die meisten harten Forderungen nach innen durchgeboxt und daher viele Gegner. Als mögliche deutsche Kandidaten kämen der Mainzer Kardinal Karl Lehmann oder der Kurienkardinal Walter Kasper in Frage. Lehmann hat mehr als jeder andere katholische Oberhirte den Streit mit Johannes Paul II. riskiert. Er steht für ein Kirchenbild, das weniger zentral ist, das reformoffen ist sowie die Eigenheiten der Ortskirchen stärker respektiert.

Das Siegel ist zerbrochen, der Fischerring auch. Wie kam es dann zu Entscheidungen wie beispielsweise der, die diplomatischen Beziehungen zu Taiwan zu beenden?

Diese Entscheidung ist noch nicht endgültig, wurde aber schon zu Lebzeiten von Johannes Paul II. vom Vatikan erwogen. Der Vatikan ist der einzige europäische Staat, der diplomatische Beziehungen zu Taiwan unterhält.

China dagegen hat 1951 alle Beziehungen zum Heiligen Stuhl abgebrochen und alle ausländischen katholischen Priester des Landes verwiesen. Dennoch existiert eine katholische Kirche in China, die jedoch gespalten ist. Fünf Millionen Menschen gehören der offiziellen, von Peking anerkannten Kirche an. Sie wird vom Staat kontrolliert, ihre geistlichen Führer sind von den Behörden genehmigt worden. Daneben gibt es eine papsttreue Untergrundkirche, der schätzungsweise vier bis zwölf Millionen Mitglieder angehören und die von den Kommunisten verfolgt wird. Viele ihrer Priester und Bischöfe sind in Arbeitslagern, möglicherweise auch der einzige von Johannes Paul II. „in pectore“ ernannte Geheimkardinal.

In jüngster Zeit suchten aber beide Seiten nach Wegen für eine Annäherung. Der Vatikan möchte die Katholiken in China aus dem Untergrund holen. Peking möchte, dass die Kurie ihre Beziehungen zu Taiwan abbricht. Als Gegenleistung verlangt Rom jedoch die Freiheit, Bischöfe ohne staatliches Vetorecht zu ernennen. Diese Forderung stößt bei der chinesischen Führung auf Ablehnung: Sie fürchtet, dass solche Bischöfe bald eine ähnliche Rolle spielen könnten, wie bei den friedlichen Revolutionen in Osteuropa.

In den vergangenen Tagen haben die Spekulationen über eine Annäherung durch zwei Zeichen neue Nahrung erhalten: Hongkongs Bischof Joseph Zen erklärte, der Vatikan sei zu einem Abbruch der Beziehungen zu Taiwan bereit. China sprach dem Vatikan offiziell sein Beileid zum Tod des Papstes aus.

Allerdings hat Taiwans Präsident Chen Shui-bian die Erlaubnis erhalten, an der Beisetzung des Pontifex teilzunehmen.

Gibt das Testament den Namen des Kardinals „in pectore“ bekannt?

Den Namen des vermutlich chinesischen Geheimkardinals kannte nur Johannes Paul II. Auch in seinem Testament wird der Name nicht erwähnt.

Kommt der Kardinal „in pectore“ zur Papstwahl?

Nein, das wäre vermutlich für ihn zu gefährlich. Vielleicht ist er sogar Gefangener in einem Arbeitslager.

Die Sicherheit am Tag der Beisetzung ist vermutlich die größte Herausforderung für Rom. Wie soll die gewährleistet werden?

Für die Beisetzungsfeierlichkeiten mit 200 Staatsgästen aus aller Welt herrscht „Alarmstufe eins“: Die italienischen Behörden haben mindestens 15000 Sicherheitskräfte mobilisiert, der Luftraum über Rom wird größtenteils gesperrt, Flugabwehrraketen sind in Position gebracht. Auch wird die ewige Stadt am Freitag innerhalb des sechzig Kilometer langen Autobahnrings für jeglichen privaten Autoverkehr gesperrt sein.Vor allem die Anwesenheit von US-Präsident George W. Bush bereitet den Sicherheitsexperten Kopfzerbrechen.

Bundespräsident, Bundesregierung und Oppositionsführung reisen in einem einzigen Flugzeug nach Rom. Ist das überhaupt erlaubt?

Verboten sind Polit-Gruppenreisen hier zu Lande jedenfalls nicht, sondern im Gegenteil üblich, schon aus Sparsamkeit. Sicherheitsbedenken sind dabei noch nie jemandem gekommen. Die Maschinen der Flugbereitschaft gehören zu den penibelst gewarteten im Luftraum, Piloten und Techniker sind sehr erfahren – beste Voraussetzungen für eine sichere Reise. Dass beispielsweise in den USA Präsident und Vize nie zusammen fliegen, stammt aus der Zeit, als der Befehl über die Atomstreitmacht wichtig war. Außerdem ist das US-System viel stärker auf den Mann an der Spitze ausgerichtet.

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