Zeitung Heute : Allergisch regieren

Fast jeder zweite Deutsche ist Allergiker. Nun will die Bundesregierung helfen. Wie soll das gehen?

Adelheid Müller-Lissner

Etwa 40 Prozent der Deutschen leiden unter Allergien – und die Zahl der Betroffenen steigt. Verbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) spricht von „einer der großen Plagen der Menschheit“. Allergien verursachen auch volkswirtschaftliche Schäden: „Die Allergiepäpste der Charité versichern uns, dass es sich um 25 Milliarden Euro im Jahr handelt“, sagt Seehofer. Pünktlich zum Beginn der jährlichen Pollenflugsaison hat sein Ministerium deshalb einen „Nationalen Aktionsplan gegen Allergien“ vorgelegt.

Obwohl die Zahl der Betroffenen groß ist, gibt es noch keine Zusammenfassung der vorhandenen Informationen und zu wenig Forschung in Deutschland. Hier will die Bundesregierung ansetzen. Verbraucher sollen die Stoffe, gegen die sie allergisch sind, besser erkennen können. Für Lebensmittelallergiker ist die Kennzeichnung von Produkten besonders wichtig. In manchen Nahrungsmitteln sind Allergene enthalten, die denen aus Bäumen, Gräsern oder Getreiden ähneln. Zusätzlich zu einer vorhandenen Pollenallergie kann es deshalb wegen Kreuzreaktionen auch noch zu einer Nahrungsmittelallergie kommen.

Bei verpackten Lebensmitteln gilt für zwölf wichtige Allergene bereits eine strenge Kennzeichnungspflicht, Ende 2006 wurden im EU-Recht auch Weichtiere wie Muscheln aufgenommen. Allerdings beschränken sich die Hersteller oft auf allgemeine Sätze wie: „Das Produkt könnte Spuren von Erdnüssen enthalten.“ Seehofer will nun darauf hinwirken, dass die Angaben präziser gefasst werden. „Wir setzen hier aber zunächst auf freiwillige Vereinbarungen“, sagt der Minister. Seehofer wünscht sich auch, dass alle Bäcker und Metzger Allergikern kompetent Auskunft über die Inhaltsstoffe ihrer Produkte geben können. Denn bei unverpackter Ware werden zurzeit noch gar keine Angaben gemacht.

Im Bereich der Kontaktallergien kann sich Seehofer zusätzlich Verbote für bestimmte Farbmittel vorstellen – zum Beispiel bei Stoffen, die bei Tätowierungen unter die Haut eingebracht werden. Der Grenzwert für Nickel in Ohrsteckern und Piercingschmuck, den die EU im Jahr 2005 einführte, hat den Verbraucherschutz bereits verbessert. Zusätzlich sollen Gespräche mit der Wirtschaft dazu führen, dass Kosmetika und Reinigungsmittel ohne bekannte sensibilisierende Duftstoffe auf den Markt kommen. Nach Auskunft des Ministeriums könnte bei der Herstellung von Kleidung auf bestimmte Gerbstoffe, Formaldehyd und Farbstoffe problemlos verzichtet werden.

Zugenommen haben in den vergangenen Jahren neben der Hausstauballergie auch die Reaktionen gegen Pollen, die Heuschnupfen und Asthma verursachen können. Der Natur kann zwar auch ein Aktionsplan schwer Einhalt gebieten. Seehofer setzt jedoch auf verstärkte Aufklärung. Vielen Bürgern sei noch nicht bekannt, dass das Einatmen von Tabakrauch die Allergieanfälligkeit von Kindern erhöhe oder dass das Stillen in den ersten sechs Lebensmonaten für das weitere Leben eine Schutzfunktion habe. Außerdem soll ein Maßnahmenprogramm erarbeitet werden, mit dem das aus den USA stammende Traubenkraut eingedämmt wird, eine Ambrosia-Art, die sich hierzulande schnell verbreitet und ein Pollenallergen besitzt.

Forschungsbedarf sieht der Plan im Bereich Chemikalien in Bekleidung und Kinderspielzeug. Außerdem soll im Internet eine Allergiedatenbank aufgebaut werden. Der Minister versicherte, man wolle dabei eng mit dem Allergie-Centrum der Charité zusammenarbeiten, das am vergangenen Wochenende eine Erklärung zu Missständen in diesem Bereich veröffentlicht hatte.

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