Zeitung Heute : Allerlei und alles Große

Töne, die einen früh am Morgen erreichen, können es in sich haben.Worte, die plötzlich glasklar vor uns stehen.Nicht immer ist das so.Der Erfolg der alten "Klassik zum Frühstück" beruhte darauf, daß hier viel Unvorhersehbares geschah.Seit der Reform 1993 ist die Sendung sehr kultiviert und meist vorhersehbar.Es ist angenehm, ihr zuzuhören.Seit Montag zeigt sich, daß es auch anders geht.Da sitzen keine geschulten Moderatoren vor dem Mikrofon, sondern prominente Berliner, die keinen Hehl daraus machen, daß es ihnen nicht gerade leichtfällt, sich zu so früher Stunde Gedanken zu machen.Am Anfang klingt es noch nach Besinnungsaufsatz: die Bedeutung von Musik für das eigene Leben.Doch bei Beispielen angelangt, kommt man schnell in Fahrt.Gisela Oechelhaeuser erzählt uns, wie ihr musizierender Bruder bei einer bestimmten Passage immer Handstand machte, Nele Hertling, wie ihr Großvater Klaviere zu Schiff nach Südamerika brachte.Von Peter Raue hören wir, daß Orffs "Carmina Burana" im Münchener Volksmund die "bayerische Neunte" heißt (leider aber nicht, daß Elly Ney, die er uns besser erspart hätte, eine ziemlich schlimme Nazisse war).

Nicht Experten also, sondern Temperamente und Geschmäcker, denen man gerne begegnet, weil es nicht um Weisheiten geht, sondern um Erfahrungen, in denen man sich wiederfinden kann.Mindestens eine Erkenntnis vermittelt uns "Klassik zum Frühstück" diese Woche: Die Liebe zur "großen" Musik braucht Seitensprünge, zum Albernen, zur Schnulze, zur U-Musik.Frau Oechelhaeuser, die "Brüche und Widersprüche" liebt, stellt neben Bach, Beethoven und Elgar eine schrille Nudel vor: Florence Foster Jenkins, die, kaum einen Ton treffend, sich an Mozart vergreift.Christoph Stölzl gehörte einst einer Jazzband an (was man seiner Musikauswahl anhört), bewunderte aber auch Karl Richter.Da belehren uns Aretha Franklin (Stölzl) und der bayerische Volkskomiker Weiss Ferdl (Raue), daß das Reich der Klassik nicht hermetisch sein muß.Doch letztlich scheinen musikalische Erinnerungen auch der Verklärung zu verfallen.Es darf geschwelgt werden, und Erwähnungen von Interpreten, denen man einst begegnete, haften schnell das Attribut "groß" an.Erstaunlich ist bei fast allen die Neigung, auf das Arsenal der Großen zurückzugreifen.Die aparteste Musikauswahl hatte Nele Hertling, die aus einer Musikerfamilie stammt.Doch Bach, Mozart, Beethoven, Brahms kommen, zuweilen mit den gleichen Stücken, immer wieder vor.Beethovens Neunte, Mozarts Requiem, Wagners Tannhäuser: Nach so viel Gewichtigem, das uns diese Woche Radio 3 zu früher Stunde beschert, sind wir eigentlich ganz froh, wenn am Montag bei "Klassik zum Frühstück" die Normalität einkehrt.CHRISTIAN DEUTSCHMANN

Heute ist Lutz von Pufendorf, Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Kultur, Moderator der "Klassik zum Frühstück", morgen und als letzter Promi Wilfried Rott.Er leitet das SFB-Kulturfernsehen.

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