Zeitung Heute : Allerletzte Lieder

Ein Mann erstach seinen Nachbarn – der hatte sich über Nazimusik beschwert. Nach einem Freispruch wird der Fall jetzt neu aufgerollt

Frank Jansen[Halle]

Das Messer hat eine schwere, spitze Klinge, etwa 17 Zentimeter lang. „Das Messer hat mir eine Art Sicherheitsgefühl gegeben“, nuschelt Andreas S. Wie er da sitzt, in seinem zu großen Anzug, kann man sich in seinen Händen kaum dieses Messer vorstellen. Doch Andreas S. hat zugestochen – vier Mal. Am Abend des 29.April 2000, in einem Plattenbau in Halberstadt. Das Opfer hatte keine Chance. Die Klinge traf den Frührentner Helmut Sackers am Unterschenkel, in die Brust und in die Magengegend. Ein Stich öffnete die Bauchschlagader. Sackers verblutete in wenigen Minuten. Trotzdem ist Andreas S. ein freier Mann. Nun wird der bizarre Fall wieder aufgerollt.

Der 33 Jahre alte Umschüler sitzt am Dienstag als Angeklagter im Landgericht Halle. Er schaut die zwei Schwestern, die zwei Söhne und die Tochter von Helmut Sackers nicht an. Sie alle haben Nebenklage eingereicht. Sie hoffe, dass die Schwurgerichtskammer das Geschehen „sehr intensiv“ untersuchen werde, „und dass ein gerechtes Urteil herauskommt“, sagt die Schwester Irmgard Sackers-Bükers auf dem Gerichtsflur. Der Tagesspiegel zitierte den Fall vor drei Jahren in seiner Liste mit 97 Todesopfern rechter Gewalt seit der Wiedervereinigung.

Am Abend des 29. April 2000 dröhnt aus der Wohnung von Andreas S. Musik. „Es war so laut, dass wir den Fernseher nicht mehr hören konnten“, sagt Heide Dannenberg. Sie wohnt damals mit Helmut Sackers in der fünften Etage des Plattenbaus, Andreas S. in der sechsten. Sackers meint, das Horst-Wessel-Lied zu hören, die verbotene Hymne der NSDAP. Der 60-Jährige, 1990 aus dem Rheinland hergezogen und erklärter Nazigegner, ruft die Polizei. Zwei Beamte kommen und ermahnen Andreas S. Sackers steigt die Treppe hoch und droht mit einer Anzeige. Alles Weitere ist bis heute unklar.

Der Freund von Andreas S. bricht auf, die beiden jungen Männer haben einen Kasten Bier ausgetrunken. Man geht auf die Straße, offenbar zusammen mit der Verlobten von Andreas S. Möglicherweise treffen die drei im Treppenhaus auf Sackers, der seinen Hund ausführen will, möglicherweise gibt es Streit. Der Freund von Andreas S. steigt in ein Taxi. Später, im oder vor dem Eingang, treffen Andreas S. und Freundin noch einmal auf Sackers. Das Paar gerät mit dem Frührentner aneinander – weil Andreas S. sich ärgert, dass Sackers die Polizei geholt hat? Oder hat Andreas S. Sackers aufgelauert? Klar ist nur, dass Andreas S. zusticht. Der Täter klingelt bei Nachbarn, um einen Krankenwagen zu alarmieren. Die Polizei nimmt ihn fest und durchsucht seine Wohnung. 86 CDs und Schallplatten von Landser, Kraftschlag, Triebtäter, Freikorps und anderen braunen Brachialbands werden von den Beamten beschlagnahmt. Auch Videokassetten und Broschüren rechtsextremer Vereinigungen wie der Kameradschaft „Hamburger Sturm“ und des international agierenden Skinhead-Netzes „Blood & Honour“. Beide Organisationen sind inzwischen in Deutschland verboten. Doch der rechtsextreme Hintergrund scheint die Justiz im Fall Sackers nicht zu interessieren.

Die Staatsanwaltschaft Halberstadt erhob nur Anklage wegen Körperverletzung mit Todesfolge, da eine vorsätzliche Tat nicht nachzuweisen sei. Das zuständige Landgericht in Magdeburg sah keine Schuld und sprach Andreas S. im November frei. Sackers habe Andreas S. angegriffen, befand das Gericht. Der Angeklagte habe sich aus Angst, Sackers hätte ihn die Kellertreppe hinunterwerfen wollen, mit dem Messer verteidigt – Notwehr. Nach dem Urteil habe Andreas S. gegrinst, erinnert sich Heide Dannenberg. „Das kann ich nie vergessen.“ Eine Geldstrafe des Amtsgerichts Halberstadt wegen der Nazimusik hob das Landgericht Magdeburg sogar wieder auf.

Im Juli 2001 verwarf der Bundesgerichtshof den Freispruch und verwies den Fall an das Landgericht Halle. Vordergründig ging es nur um eine Verfahrensrüge. Das Magdeburger Gericht hatte die Freundin von Andreas S. nach ihrer Aussage vereidigt, ohne sie zu belehren, dass sie als Verlobte des Angeklagten diese Prozedur verweigern kann. Der Bundesgerichtshof deutete allerdings auch Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Zeugin an, denn mindestens einmal hat sie gelogen.

Gegenüber der Polizei hatte die Verlobte ausgesagt, sie habe die Tat gar nicht mitbekommen. Im Magdeburger Prozess behauptete sie, Sackers habe seinen Hund auf sie gehetzt und ihren Freund attackiert. Kommende Woche soll sie nun in Halle aussagen. Am Dienstag huscht die schmale Frau mit dem trotzigen Blick in den Prozesspausen zu Andreas S., mit dem sie inzwischen verheiratet ist, und tuschelt. Und Andreas S. präsentiert in seiner Aussage eine dramatische Version. Sackers habe ihm schon vor dem Eingang einen Kopfstoß versetzt. Das ist neu. Genau wie die Behauptung, Sackers habe ihn im Eingang „zu den Briefkästen geschleudert“. Andreas S. sagt auch, er habe nicht zur rechten Szene gehört und Musik aller Art gesammelt, „das war schon krankhaft“. Am Tatabend hätten er und sein Freund Heavy Metal und Techno gehört, keine rechtsextremen CDs. Dennoch versucht der Anwalt der Angehörigen von Sackers, den rechtsextremen Hintergrund des Falles auszuleuchten. Wolfgang Kaleck beantragt, das Gericht solle die gefundenen Platten und Videos in Augenschein nehmen. Andreas S.blickt an die Decke.

Helmut Sackers habe sich nicht alles gefallen lassen, hat Heide Dannenberg vor dem Prozess gesagt. „Er hat doch genau das getan, was immer verlangt wird: Als Nazimusik gespielt wurde, hat er Zivilcourage gezeigt.“

Der Fall hat inzwischen bundesweit Aufmerksamkeit erlangt. Der ehemalige Bremer Bürgermeister Hans Koschnick ruft mit anderen Prominenten angesichts der Prozesskosten, die den Angehörigen Sackers als Nebenkläger bevorstehen könnten, zu Spenden auf. Die Tatumstände müssten dringend im neuen Prozess geprüft werden, sagt Koschnick. Und warnt davor, „nazistische Übergriffe wie diesen hier abzutun, als seien sie ein Wirtshausstreit“.

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