Zeitung Heute : Alles ändert sich - und bleibt

GERD APPENZELLER

So nahe zusammen in der Politik sind Ende und Anfang nur in wenigen Momenten. Ein Bundespräsident scheidet aus dem Amt, sein Nachfolger wird vereidigt. Bundestag und Bundesrat tagen aus diesem Anlaß heute gemeinsam in Bonn. Es wird gleichzeitig die letzte Sitzung des Parlamentes in jener Stadt sein, die ein halbes Jahrhundert lang vertrauensbildendes Synonym für die Bundesrepublik Deutschland war. Ab heute tritt das große Berlin in die Fußstapfen des kleinen Bonn, wie Johannes Rau in die von Roman Herzog treten wird. Und so wie Berlin tritt auch Johannes Rau ein großes, ein Verantwortung forderndes Erbe an. Das verbindet das neue Staatsoberhaupt mit der neuen Hauptstadt über die Zufälligkeit der zeitlichen Parallelität hinaus. Die vielen selbstquälerischen Debatten zu denkbaren oder tatsächlichen Unterschieden zwischen der Bonner und der Berliner Republik werden plötzlich relativiert. Der Bogen der Kontinuität spannt sich über all den Wandel.

Roman Herzog war ein Glücksfall für das höchste Amt im Staat. Daß er, am Beginn, zweite Wahl gewesen sei, weil Helmut Kohl den Sachsen Steffen Heitmann als Kandidaten favorisiert hatte, ist so falsch oder richtig wie die Vermutung, das gelte dann auch für Johannes Rau, weil der 1994 in der Bundesversammlung gegen Herzog unterlegen sei. Die Qualität eines Politikers definiert sich nicht aus dem Votum derer, die ihn wählen, sondern aus seinem eigenen Wesen und Charakter heraus. So betrachtet, waren und sind beide erste Wahl. Wahrscheinlich werden die Gegner des Wuppertalers Rau auch noch einsehen, was schon die Kritiker des bayerischen Schwaben Herzog schnell begreifen mußten: Das Präsidentenamt bietet in seiner Unabhängigkeit auch gereiften Persönlichkeiten einen Rahmen, in dem sie noch einmal wachsen können.

Was hatte man Roman Herzog nicht alles angedichtet: Daß er konservativ und provinziell sei, ungewandt und wenig kontaktfreudig, kaum geeignet, jemals aus dem Schatten Richard von Weizsäckers heraustreten zu können. Die ihn kannten, warnten schon früh vor Mißverständnissen: Zurückhaltung sei nicht gleichbedeutend mit der Unfähigkeit zur Kommunikation; die Bereitschaft zuzuhören, nicht zu verwechseln mit einem Mangel an Urteilskraft; Bescheidenheit schließlich kein Indiz für fehlende Standfestigkeit - und, nicht zuletzt, sei Prinzipientreue mit Liberalität sehr wohl vereinbar. Roman Herzog erwies sich auf eine ganz eigene Art als souverän. Er war bei aller Bürgernähe distanzierter, als er wirkte. Er brauchte den Glanz des Amtes nicht, er genoß ihn wohl auch nicht, sondern nutzte ihn, um durchzusetzen, was ihm wesentlich war. Die große Zustimmung, die er gerade in den neuen Ländern fand, erklärt sich zu einem erheblichen Teil auch aus seinem unprätentiösen Stil. Roman Herzog war in seiner etwas barocken Art der modernste Präsident, den die Bundesrepublik je hatte. Keiner vor ihm hat die Wirkungsmechanismen der Medien so subtil wie er in das Kalkül gezogen und durchaus instrumentalisiert, etwa wenn es darum ging, Aufmerksamkeit für Reden zu wecken, die ihm wichtig waren. Keiner hat so virtuos wie er auf dem Klavier des Miteinanders von Politik und Wirtschaft spielen und dennoch immer Abstand halten können.

Johannes Rau ist Herzog in seinen Tugenden durchaus ähnlich. Ein gewisser Biedersinn verbindet sich mit absoluter Redlichkeit und Treue zu seinen Grundsätzen. Die vielen Anekdoten über die Bibelfestigkeit von "Bruder Johannes" reflektieren ja nur die Oberseite einer tiefsitzenden protestantischen Innerlich-keit. Die Tugend der Verläßlichkeit und seine immense Politikerfahrung werden sich vielleicht schnell als dringend notwendige Gegengewichte zu einer Bundesregierung erweisen, die nur langsam aus ihrer pubertären Phase herauswächst. Raus oft belächeltes Motto "Versöhnen statt spalten" stammt aus einer Zeit, in der Deutschland noch geteilt war. Es ist aktueller denn je. Vielleicht ist auch Johannes Rau selber aktueller, als viele glauben.

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