Zeitung Heute : "Alles, alles Liebe": Ihr seid eingebildete Juden und deutsch bis auf die Knochen

Inge Zenker-Baltes

Seit ihrem ersten Buch ist der Name Barbara Honigmann ein Synonym für Autobiografisches, verbunden mit Reflexionen über das Judentum. Das Thema lässt die 1949 in Ost-Berlin geborene Autorin nicht los. Hartnäckig bannt sie es in ihrem unverwechselbaren Erzählgestus, erzeugt unbeirrt die immergleiche Atmosphäre, platziert die meist melancholischen Stories von Fremdheit und Selbstfindung im immer gleichen Umfeld. Ihre Arbeiten versteht sie selbst als Sichern von Erinnerungen. Dabei kündet die nicht ohne Stolz präsentierte Ahnengalerie gerne von männlichen Vorfahren, "von meinem Urgroßvater, meinem Großvater, meinem Vater und mir", Männern des Wortes, Journalisten, Schriftstellern, Gelehrten. Ihrem Vater setzte sie 1991 in "Eine Liebe aus nichts" ein berührendes Denkmal.

Von jüdischer Tradition wollten beide Eltern - Kommunisten, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Exil in Großbritannien nach Ostdeutschland zurückgekehrt waren - nichts wissen. Barbara Honigmann selbst hat mit Mann und Söhnen Deutschland vor 16 Jahren verlassen und ist Mitglied der großen jüdischen Gemeinde im elsässischen Straßburg. Für ihr Werk hat sie am 14. Oktober in Berlin den Kleist-Preis erhalten.

Die Fremde aus der Großstadt

Ihr jüngstes Buch, ein kleiner Briefroman mit dem Titel "Alles, alles Liebe", erzählt vom Treiben einer Clique junger Ostberliner Künstler. Auch Anna Herzfeld gehört dazu, eine jüdische Regisseurin, die unverhüllt autobiografische Züge trägt und wie die Autorin in der Freizeit großformatige Bilder malt. Sie will ihr berufliches Glück in der Provinz versuchen und geht im grauen November 1975 ans Prenzlauer Theater, um ein Stück mit dem Titel "Der Furchtsame" zu inszenieren. Vom ersten Augenblick an empfindet sie die Provinzstadt als feindlich. Hinter den Theaterkulissen wird gegen die arrogante Neue aus der Großstadt intrigiert, und mit dem neugierigen Kneipenwirt, der ihr ein spartanisches Zimmer vermietet hat, muss sie allabendlich ein Bier trinken. Das alles kann nicht gut gehen, und tatsächlich endet die Geschichte im Desaster.

In ausufernden Briefen hält Anna Kontakt zu ihrer Ost-Berliner "Horde", beklagt den deprimierenden Daseinskampf, überschüttet die Freunde mit widersprüchlichen Bestandsaufnahmen und Eindrücken, mit unausgegorenen Gefühlen, ihrem Verfolgungswahn und ihrer Einsamkeit. Die antworten geduldig und teilnahmsvoll: Eva, ebenfalls Jüdin und erfolglose Schauspielerin, Kulissenschieber Alex und "der kleine Matti", die ehemaligen Liebhaber, dazu jüdische Gefährten aus Riga und Moskau, schließlich ihr schöner Geliebter Leon, ein undurchsichtiger Außenseiter. Annas Freundinnen himmeln ihn an, die Männer mögen ihn nicht. Ihm schreibt sie schwärmerische, narzisstisch-fordernde Liebesbriefe. Scheinbar ist sie von ihm besessen, doch verzehrt sie sich wohl mehr nach der Liebe selbst als nach Leon. Bei ihren Wochenendbesuchen in Berlin verpassen sich die beiden fast immer. Und nach dramatischem Hin und Her findet die große Liebe ein hässliches Ende.

Die Liebe dauert einen Sommer

Zerbrochene Beziehungen, Krisen und Misserfolge scheinen programmiert zu sein im Dasein der egozentrischen Anna, was sie selbst auf den Nenner bringt: "Im Sommer war ich verliebt und wollte mich als Regisseurin in der Provinz behaupten. Im Herbst sind meine Inszenierung und meine Liebe verfallen. Und nun ist Winter - Theater und Liebe kaputt!" Aber auch die anderen Mitglieder der Clique sind nicht gerade Gewinner, obwohl sie als Prominenten- und Emigrantenkinder viele Freiheiten genießen. "Unfertig und fertig zugleich", haben sie schon ein kleines bisschen Leben hinter sich, dem sie gleichzeitig nachtrauern und zu entrinnen suchen. Sie treten auf der Stelle und versuchen panisch, ihre Perspektivlosigkeit durch Aktionismus zu tarnen, sie teilen Bücher, Schallplatten und ab und zu auch mal das Bett, proben ein Theaterstück von García Lorca, philosophieren im Stammcafé und lesen Lenin vor dem Einschlafen. Sie betrachten sich als Elite, tun andere verächtlich als "Spießer" ab und kokettieren mit ihren jüdischen Wurzeln, wie Leon in einem bitteren Brief an Anna schreibt: "Ihr seid aber bloß eingebildete Juden, denn ihr seid deutsch bis auf die Knochen... Eure Eltern sind Bonzen und Funktionäre, die dieses Scheißland mit zu verantworten haben, in dem ihr euch so unglücklich fühlt".

Zum Thema meint die Autorin in einem früheren Essay: "Fragt man mich, ob ich deutsch oder jüdisch sei, würde ich schon deshalb sagen jüdisch, um mich von den Deutschen abzugrenzen". Doch verfallen ihre Figuren nur ganz vereinzelt in antideutsche Polemik oder Hasstiraden, wie man sie zum Beispiel von Maxim Biller kennt, vielmehr gesteht sie: "In meiner Arbeit, in einer sehr starken Bindung an die deutsche Sprache, kehre ich immer wieder zurück". Noch deutlicher als in ihren anderen Büchern kultiviert Honigmann in "Alles, alles Liebe" einen Erzählstil gesprochener, nicht ausformulierter Sprache. Besonders die Protagonistin droht manchmal in die Rolle eines altklugen Kindes abzugleiten, das sich an großen Lebensweisheiten versucht. Der intime, meist süffig geschriebene Briefwechsel besticht durch die Schlichtheit, mit der eine Vision vom ganz großen aufregenden Leben skizziert wird.

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