Zeitung Heute : Alles anders

David Ensikat

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Einsam und alt bin ich geworden. Ersteres wegen des Fußballs und zweiteres wegen der Zeit. Das mit der Zeit klingt vielleicht etwas wohlfeil, ich meine es aber gar nicht so. Eigentlich meine ich die Zeitwahrnehmung. Aber Zeitwahrnehmung ist ein so langweiliges Wort. Es sollte nicht so weit vorn in dieser Kolumne stehen.

Immer öfter rufe ich aus: „Nein, das kann’s ja gar nicht geben, das soll schon fünf Jahre her sein!?“ Es können auch zwei oder zehn Jahre sein, gemeint ist immer dasselbe: Irre, wie schnell die Zeit vergeht. Und es bedeutet auch immer dasselbe: Kinder, was bin ich alt geworden.

Eine Wissenschaftlerin hat nämlich herausbekommen, wie Zeitwahrnehmung und Älterwerden zusammenhängen. Je älter wir werden, desto weniger überrascht uns. Immer mehr Tätigkeiten sind Routine. Junge Leute sagen am frühen Morgen: Sieh mal einer an, kaum ist man aufgestanden, schon gibt es Frühstück. Ältere überrascht das nicht mehr. Routinetätigkeiten nimmt unser Hirn kaum noch wahr, also meinen Routiniers in derselben Zeit viel weniger zu erleben als Greenhörner. Frühstückszeit – verlorene Zeit. Schlimm, was?

Schlimm vor allem deshalb, weil es nur ein Rezept gibt, wieder mehr Zeit zu haben, also wahrzunehmen: Man muss lauter Dinge tun, die man noch nie getan hat. Überraschende, neue, ungewohnte Dinge. Kaum hat man sich eingerichtet in der Welt, hat gelernt, was einem behagt und was nicht, muss man wieder alles über den Haufen schmeißen.

Damit wären wir beim Grund meiner aktuellen Einsamkeit. Alle gucken Fußball, ich nicht. Ich suche Menschen, die mit mir die Freizeit verbringen, Gespräche führen, Kinofilme gucken, meinetwegen auch spazieren gehen. Aber alle gucken Fußball. Ich kann das nicht, es langweilt mich.

Und genau da muss ich nun ansetzen, muss freiwillig Fußball gucken, muss mir Lieblingsmannschaften aussuchen und Chips und Bier besorgen. Das brächte frischen Wind ins Leben, ich würde die Zeit wieder wahrnehmen, ein Jungbrunnen! Was aber, wenn alle anderen ihr Leben zeitwahrnehmungsbedingt auch ändern? Wenn sie nun während der EM spazieren gehen und Gespräche führen? Dann bin ich wieder ganz allein.

Heute Abend: Deutschland – Tschechien.

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