Zeitung Heute : Alles anders

Ariane Bemmer

Wie eine Westberlinerin die Stadt erleben kann

Neulich sprach ich mit einem Polizisten im höheren Dienst, der lange im Ausland gedient hatte und über beträchtliches Unerschütterlichkeitspotenzial verfügte. Er sagte zu mir, man müsse im Leben immer flexibel bleiben. Zu mir sagte er dann noch: Sie sehen genauso aus, als würden Sie sich im Büro auch immer nach demselben Muster verhalten, oder? Ich überlegte nicht lange, sondern nickte gleich, so überzeugend war die Rhetorik seiner Frage. Erst, als er hinzufügte: Bestimmt zickig, erhob ich Einspruch. Ich habe später nochmal darüber nachgedacht. Beschränkt man sich am Ende selbst, wenn man sich ähnlich bleibt? Oder ist man umgekehrt erst dann man selbst, wenn man berechenbar wird?

Kurz vor dem Gespräch mit dem Polizisten war ich mit einer Freundin im Urlaub, für die Mode ein Spaß ist, wie sie immer sagt. Für mich ist Mode eher ein Problem. Immerzu muss man in neuen Kollektionen Dinge finden, die möglichst genauso aussehen, wie die Dinge, die man schon aus den vorhergehenden Kollektionen ausgesucht hat. Keine Experimente. Grau, Schwarz, Blau, mal ein Tupfer Grün, aber nicht zu schrill. Nun also diese Freundin, mit Schals geschmückt, bimmelnd vor lauter Ketten, wehend im Auftritt. Sie hängte mir Reifen an die Arme, Tücher um den Hals – und wie sich die Blicke änderten, die ich anzog. Halb schob ich es auf die heitere Urlaubsstimmung, halb nahm ich mir vor, auch in Berlin mehr Spaß in der Mode zu sehen, Kleider ihres Effektes wegen anzuziehen und nicht wegen ihrer Unscheinbarkeit. Aber kaum stand ich den ersten Tag nach dem Urlaub wieder vorm eigenen Kleiderschrank schlug der Trott unnachgiebig zu. Grau, Schwarz, Blau stand ich vor dem Spiegel und wurde gleich ganz trübsinnig. Schnell zog ich alles wieder aus. Ich kramte nach der roten Bluse und dem bunten Gürtel, nahm die Brosche, die ich als Souvenir im Urlaub gekauft hatte und verschenken wollte, und steckte sie mir unten ans Hosenbein. Jeder Schritt funkelte jetzt, ein Anfang war gemacht. Jetzt muss ich nur noch im Büro anders reagieren als früher. Bisher hat mich aber noch niemand angesprochen. Am Ende haben die Kollegen mich noch gar nicht erkannt?

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