Zeitung Heute : Alles Ansichtssache? Zur Neubewertung von Forschung

Wie haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler früher gearbeitet, wer galt überhaupt als Forscher? Und wie stellen sich frühere Forschungsergebnisse aus heutiger Perspektive dar?

„Die Forschungsleistungen von Frauen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts sind zum Teil einfach nicht zur Kenntnis genommen worden“, erklärt Peter Diderich, der sich mit der Wissensproduktion reisender intellektueller Frauen beschäftigt.

Mit dem wechselseitigen „Vergessen“ konkurrierender wissenschaftlicher Leistungen ist auch Ralf Modlich konfrontiert – er vergleicht „Literaturwissenschaft Ost“ und „Literaturwissenschaft West“ im Umgang mit dem Mexikanischen Revolutionsroman.

Welche Um- und Neubewertungen im Spiel sind, wenn eine Hebräisch-Grammatik aus dem 16. Jahrhundert vom Hebräischen ins Lateinische übersetzt wird, untersucht Melanie Lange. „Selbst eine Grammatik ist Wissens-Deutungen ausgesetzt“, resümiert die Stipendiatin. Manchmal hängt von einem wissenschaftlichen (Fehl-)Urteil über lange Zeit hinweg das Schicksal eines Schriftstellers ab: So leidet der mittelalterliche Dichter Ulrich von Winterstetten unter dem Stigma eines Nachahmers und des angeblich Althergebrachten. Doch Lisa Kranig hat gute Argumente dafür, dass sein lyrisches Werk, in ein intertextuelles Diskursfeld eingebettet, neu zu bewerten ist.

Wissenschaftliche Forschungsergebnisse sind von sich kontinuierlich neu konfigurierenden Grundannahmen abhängig. Ist Wissenschaft also nur Ansichtssache? Sicher nicht! Darin sind sich die vier Promovenden einig. Gerade deshalb müssen auch die eigenen Bewertungsgrundlagen immer wieder selbstkritisch hinterfragt werden.

Durch die interdisziplinäre Vernetzung der Promovierenden, das wissenschaftliche Sightseeing nach rechts und links, wird der dazu nötige Perspektivwechsel besonders gefördert. WKT

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