Zeitung Heute : Alles auf eine Karte

Realistisch, bescheiden und ernst, das war die Botschaft der FDP im Wahlkampf. Und ihr Chef schwor: Koalition nur mit der Union. Er beharrt darauf mit erstaunlicher Festigkeit

Antje Sirleschtov Armin Lehmann

Himmel und, naja, Hölle können manchmal ganz schön nah beieinander sein. Wer wüsste das besser an diesem Abend als der Mann, der um 18 Uhr 34 im Thomas-Dehler-Haus in Berlin aus dem Fahrstuhl steigt. Noch eine Glastür trennt ihn jetzt von seinen treuesten Anhängern, die da draußen stehen und auf ihn warten. Noch mal tief durchatmen, denn gleich werden sie in ihn herauskommen sehen, werden sofort in frenetisches Jubelgeschrei ausbrechen und ihn mit tosendem Applaus auf die Bühne geleiten. Dann wird er es anknipsen, dieses berühmte Fernseh-Lächeln. Denn ein unfassbar gutes Wahlergebnis hat er seiner Partei an diesem Wahlabend beschert – 10 Prozent. Niemand hat mit so einem grandiosen Sieg gerechnet. Und doch kann Guido Westerwelle wahrscheinlich nicht regieren, landet vielleicht weitere vier Jahre in der Opposition.

Es hat lange gedauert, bis die Liberalen an diesem Abend verstanden haben, was sich da gerade vor ihren Augen abspielt, was das für ein Wahlsieg war. Woche um Woche härtester Wahlkampf liegt hinter ihnen. Alles hat die gelb-blaue Truppe gegeben, um die Deutschen davon zu überzeugen, dass ein Wechsel von Rot-grün zur Union nichts taugt, wenn nicht die FDP fest an der Regierungsseite einer neuen Kanzlerin Angela Merkel steht. Und nun hat es diese FDP wirklich geschafft – und muss mit ansehen, wie ihr großer Regierungspartner erst in den Hochrechnungen, später auch in den Ergebnissen, gnadenlos abschmiert.

„Die Klarheit hat gesiegt“, wird Westerwelle später – auf der Bühne – wie zum Trost in den Jubel der Leute hineinrufen. Und selten eng wird der FDP-Vorsitzende dabei umringt sein von seiner Kompetenztruppe, auch wenn deren Gesichter wie eingefroren aussehen. Hermann-Otto Solms etwa, der Finanzer, zieht die Mundwinkel nach oben, hinter ihm Andreas Pinkwart, der Wahlsieger aus Nordrhein-Westfalen, zeigt Zähne wie bei einem Hochzeitsfoto. Und nur der Graf, der alte Graf Lambsdorff, steht ein bisschen abseits mit ernstem Gesicht auf seinen Stock gebeugt und murmelt etwas von Shakespeare, etwas vom tragischen Held.

Nein, nein und wieder nein: Niemand an diesem Abend scheint es zu bereuen, dass Westerwelle letztes Wochenende erst sein Präsidium und dann, beim Parteitag, auch die ganze FDP zum Schwur auf die Union überredet hat. Es war ein halsbrecherischer Versuch, den er da zum Ende dieses Wahlkampfes unternahm, die Festlegung auf eine Koalition „NUR“ mit dieser Union, die den großen Politikwechsel jetzt verspielt hat. Gewiss, man hätte jetzt genügend Freiheitsgrade, sich die Koalition mit Rot-Grün schön zu reden. Zweitstärkste Regierungskraft wäre man geworden, hätte locker den Vizekanzler stellen, den Sozis Reformfeuer machen und die Grünen Stück für Stück in die Ecke manövrieren können.

Aber es wäre ein Umfallen gewesen, ein schmähliches Geschacher „um Dienstwagen“, wie es Westerwelle am Abend noch im Fernsehen nennen wird. Und womöglich sogar der Beginn der eigenen Marginalisierung. „Es würde uns langsam zerstören“, begründete ein FDP-Grande in der Parteizentrale, warum der Chef jede Journalistenfrage nach einer Rot-gelb-grünen Ampel so standhaft mit „Nein“ beantwortet. „Dafür haben wir nicht sieben Jahre in der Opposition geschmort.“

Gehen wir auf der Suche nach Gründen für diese für manchen überraschende Festigkeit der FDP noch einmal ein paar Wochen zurück: Realistisch sein, bescheiden und ernst – das war die Botschaft, die sich die FDP Ende Mai selbst verordnet hat für diesen Bundestagswahlkampf. Weg mit all den bunten Späßchen, dem grellen Geflirre, das drei Jahre zuvor zwar manchen Wähler wie Licht die Motten in der Finsternis angezogen, viele Sympathisanten allerdings abgestoßen hat. Nur 7,4 Prozent holte Westerwelles blödelnde Spaßgesellschaft 2002. Zu quietschend, zu wenig Vertrauen erweckend für eine Regierungspartei. Weshalb die FDP diesmal ihren Seriositätsrepräsentanten Wolfgang Gerhardt ganz besonders nah an den Spitzenkandidaten Westerwelle heranrückte. Und Letzterer beim Wahlparteitag vergangenes Wochenende sogar vor aller Augen noch mal über seinen Schatten zu springen schien: „Da ist der Mann, der unser nächster Außenminister sein wird“, rief Westerwelle der tosenden Delegiertenmenge zu und ließ sie Gerhardt feiern, als ob der und nicht er selbst der liberale Star sei.

Freiheit und Liberalität, das versprach die FDP den Deutschen und legte dafür ein Wahlprogramm vor, das weit über die Grenzen der Klientelpartei hinaus für viel Anerkennung sorgte. Denn es glänzte nicht nur mit deutlichen Überschriften („Nettoentlastung für alle“), sondern zeigte auch den unbedingten Willen seiner Autoren, mit nachprüfbaren Fakten und einer durchdachten Linie aufzuwarten. Nie zuvor war wohl ein FDP-Programm so sauber durchgerechnet, von der angestrebten Steuerreform bis zum liberalen Bürgergeld. Nie zuvor standen seine Vertreter so selbstlos hinter ihrem Spitzenmann. Weshalb das entschiedene „Nein“ zu den Mehrwertsteuerplänen der Union – die FDP hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon fest an Merkel gebunden – auch zur wohltuenden Nachricht im liberalen Lager geriet und kaum als bloße Selbstdarstellung missverstanden wurde.

Ja, dieser liberale Kurs hat verfangen. 10 Prozent bei der Bundestagswahl, bei jungen Leuten sogar mehr: „Wir wissen jetzt“, sagt einer aus Guidos Spitzenteam, „dass wir wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind“ und nicht mehr nur die Mehrheitsbeschaffer von irgendwem, die Lobbyisten von Apothekern und Handwerksmeistern. Mag sein, dass Guido Westerwelle seine FDP diesmal wieder auf die harten Oppositionssitze geführt hat. Aber der Tag, an dem aus einem Leichtmatrose ein Himmelsstürmer wird, scheint an diesem Abend näher gerückt.

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