Zeitung Heute : Alles auf eine Karte

Sven Goldmann

Beim Achtelfinalspiel Portugal – Niederlande zeigte Schiedsrichter Valentin Ivanov vier Gelb-Rote und 13 Gelbe Karten. Fifa-Präsident Blatter hat Ivanov dafür kritisiert. Wie ungewöhnlich ist dieser Spielverlauf?


Fußballspieler aus den Niederlanden und Portugal stehen nicht im Ruf, die brutale Variante des Spiels zu bevorzugen. In den besten Ligen der Welt werden sie als versierte Artisten geschätzt, die Portugiesen Luis Figo (in Mailand), Deco (Barcelona) oder Cristiano Ronaldo (Manchester) wie die Holländer Arjen Robben (Arsenal), Mark van Bommel (Barcelona) oder Robin van Persie (Chelsea). Ausgerechnet das Achtelfinale zwischen den beiden Künstlerkolonien artete aber zum bisher hässlichsten bei der Weltmeisterschaft aus. Es gab vier Platzverweise und beinahe eine offene Prügelei.

Figo drückte seine Stirn in die Nase von van Bommel, und der fiel wie vom Blitz getroffen, beseelt von der Vorstellung, der Portugiese möge die Rote Karte sehen. Der zierliche Deco trat seinen Gegenspieler Heitinga aus vollem Lauf um – nicht aus sportlicher Not, sondern aus Verärgerung wegen einer Lappalie, die schon ein paar Minuten zurücklag. Auch Barcelonas van Bronckhorst erlebte den Schlusspfiff wegen einer Gelb-Roten Karte nicht als aktiv Handelnder auf dem Rasen und sprach von einem „sehr unangenehmen Gefühl“, aber eine WM sei nun mal nicht mit gewöhnlichen Maßstäben zu messen.

Dabei können sie alle auch anders. Zu sehen ist das Woche für Woche in England, wo man durchaus einen körperbetonten Stil schätzt. Ein Spiel wie das am Sonntag in Nürnberg aber ist in der Premier League undenkbar. Es waren ja nicht die Fouls, die das erwartungsfrohe Publikum entsetzten. Es war der Geist der Unfairness, des Betrugs. Nie würde es ein Profi in England wagen, einen gegnerischen Berufskollegen durch eine schauspielerische Einlage der Gefahr eines Platzverweises auszusetzen oder mit einer Schwalbe einen Elfmeter herauszuschinden. Die Fans würden sich mit dem geschädigten Gegner verbünden und den eigenen Spieler auspfeifen, welche Verdienste er sich auch immer erworben haben mag. Ein ungeschriebenes Gesetz.

Ein Foul aus dem Spiel heraus akzeptieren die Engländer als Teil des Ganzen, für das ein Instrumentarium an Strafen bereitsteht. Verstöße gegen den Geist des Spiels aber werden mit Liebesentzug und Verachtung bestraft. Diese Mentalität nimmt jeder Profi an, wenn er einen Vertrag auf der Insel unterschreibt. Der Deutsche Jürgen Klinsmann etwa karikierte seinen Ruf als Schwalbenkönig (englisch: „Diver“, Taucher), indem er zu seiner Vorstellung bei Tottenham Hotspur selbstironisch mit einer Tauchermaske erschien. Noch immer zählt der heutige Bundestrainer zu den beliebtesten Profis, die je im Norden Londons gespielt haben.

Doch genauso schnell, wie sie die englischen Regeln des Fairplay akzeptieren, schwenken Profis um, wenn sie ins Ausland wechseln oder bei internationalen Turnieren spielen. Das gilt auch für Engländer. David Beckham etwa brachte seine Nationalmannschaft 1998 bei der WM in Frankreich durch eine Tätlichkeit im Spiel gegen Argentinien um die mögliche Qualifikation für das Viertelfinale. Ein Foul hätten die Engländer verziehen. Dass Beckham aber frustriert nachtrat, als das Spiel schon unterbrochen war, haben sie ihm noch für Jahre übel genommen. Ein Boulevardblatt druckte bei der Rückkehr der Nationalmannschaft nach England eine Dartscheibe mit Beckhams Konterfei.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar