Zeitung Heute : Alles auf Rot setzen

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

Robert Ide

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Haben Sie eine Krawatte?“, fragte mich die Frau am Eingang und versuchte ein verbindliches Lächeln. Ich schüttelte verschämt den Kopf. Doch die Dame mit den zurückgesteckten Haaren ließ sich nicht irritieren. „Sie können sich selbstverständlich eine von uns leihen, wir haben eine große Auswahl.“ Ich probierte ein erleichtertes Lächeln, da stellte sie schon die nächste Frage: „Haben Sie Ihren Ausweis dabei?“ Ich holte mein Personaldokument aus der Jacke und legte es auf den Tisch; und während sie meine Daten in den Computer tippte, gab sie zu bedenken: „Der Ausweis ist abgelaufen.“ Pause. „Na, weil Sie offenbar zum ersten Mal bei uns sind, mache ich mal eine Ausnahme.“ Ich bedankte mich artig, suchte mir eine Krawatte aus und trat ein in die lila ausgeleuchtete Welt, in der gebräunte Männer in gebräunten Sakkos bunte Geldchips auf grüne Spieltische werfen.

Ortstermin im Casino über dem Alexanderplatz: Rentner gruppieren sich um golden umrahmte Tische, Frauen bestellen sich ein Glas Sekt an der Bar nach. Es ist seltsam still hier. Man hört nur das leise Klicken der Chips, die von russisch flüsternden Männern sorgfältig gestapelt werden. „Nichts geht mehr“, ruft der Spielleiter. Streichhölzer werden an Zigarren gehalten, Eis klirrt in Cocktailgläsern. Es ist Mittwoch; Feierabend in Berlin.

Ich war überredet worden, hierher zu kommen. „Ich brauche dringend Geld“, meinte eine Freundin zu mir und zerrte mich hinein in die Welt des Glücks. Es wurde leider ein teurer Abend für mich. Am Roulettetisch setzte ich erst auf Schwarz, dann auf Ungerade und schließlich auf ein paar Zahlenreihen. Manchmal wurden mir ein paar neue Chips zugeschoben, doch meist sah ich, wie der Spielleiter meinen Einsatz mit regloser Miene an sich nahm. „Du musst dich konzentrieren“, sagte meine Begleiterin, die bedächtiger spielte. Doch ich konnte nicht. Ich betrachtete all die konzentrierten Leute um mich herum – mit ihren Geldbündeln in den weiten Jacketts und ihrem gedämpften Getuschel zwischen den Spielrunden. Ich merkte, dass mich diese Welt des Glücks wohl nie in sich aufnehmen würde.

Nur noch wenige Euro hatte ich übrig, als ich völlig aus der Fassung geriet. Eine ältere Frau mit silbernem Kleid und einem tiefen Ausschnitt drängte sich an mich heran, um sich zum Tisch vorzubeugen. Ihre Brüste schmiegten sich an meinen Körper, während sie ihre Chips von sich warf. Sie sah mich nicht an. Ich räusperte mich irritiert, da trat ein Mann von hinten auf sie zu und flüsterte ihr ins Ohr: „An der Bar steht ein Glas Champagner für Sie bereit.“ Die fremde Frau löste sich von mir und ihrem Spiel. Ich sah ihr nach, setzte mein Restgeld auf Rot. Die Kugel rollte, mein Herz raste, nichts ging mehr.

Es kam Schwarz. „Wir verschwinden besser“, sagte meine Freundin und nahm mich an die Hand. Und ich dachte: Wem nützt schon das Glück im Spiel?

Das Casino Berlin befindet sich im Hotel „Park Inn“ am Alexanderplatz. Zur Einstimmung empfiehlt sich das „Roulette-Magazin“. Die Redaktion dieser Zeitschrift setzt sich nach eigener Aussage dafür ein, „dass Spielverluste vermieden werden und Casino-Besuche erfolgreich enden“.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben