Zeitung Heute : Alles auf Zucker

Dank Glycotope werden Antikörper verträglich

Glycotope wächst. Der Mitarbeiterstamm des Biotechnologie-
Glycotope wächst. Der Mitarbeiterstamm des Biotechnologie-

In der modernen Krebstherapie kommen seit einigen Jahren Antikörper zum Einsatz. Sie können Krebszellen aufspüren und gezielt markieren, womit umliegende, gesunde Zellen bei der nachfolgenden Bestrahlung geschont werden. Damit ist diese zielgerichtete Radioimmuntherapie mit Antikörpern in vielen Fällen erfolgreicher als die herkömmliche Chemotherapie, die Zellen auf breiter Front vernichtet. Künftig soll es auch Antikörper geben, die Krebszellen direkt eliminieren können, indem sie mit einem radioaktiven Stoff zu einem Medikament kombiniert werden.

Einziger Nachteil: Nicht bei allen Patienten funktionieren die Antikörper. „Das liegt an der Art und Herkunft der Zuckerketten, die dem Antikörper anhaften“, erklärt Hans Baumeister, Biochemiker und Geschäftsführer bei Glycotope. „Denn der Zucker beeinflusst entscheidend die Aktivität, Haltbarkeit und Verträglichkeit des Antikörpers oder anderer Biopharmazeutika wie Proteine oder das für die Bildung roter Blutkörperchen eingesetzte EPO.“ Konventionell werden diese Zucker aus Hamsterzellen gewonnen, die aber anders funktionieren als menschliche Zellen. Um diese sehr komplexen Zucker zu verbessern und damit das jeweilige Medikament erfolgreicher einzusetzen, hat Glycotope über Jahre ein spezielles Verfahren entwickelt und jetzt zur Marktreife gebracht. Diese patentierte GlycoExpress-Technologie baut auf ein neuartiges vollhumanes Herstellungsverfahren für Zuckerketten, das auf Zelllinien basiert, die für diese Anwendung gezielt entwickelt - im Fachjargon „glycoengineered“ - wurden. Die Technologie ermöglicht es beispielsweise einen in der Krebstherapie eingesetzten Antikörper für 100 Prozent der Patienten verträglich zu machen, statt wie bisher nur für 30 Prozent. Eine wahrlich bemerkenswerte Steigerung, die durch eine absolut preiswürdige Technologie möglich wird.

Das findet auch die Jury des Innovationspreises Berlin Brandenburg. „Die Innovation der Glycotope GmbH stellt eine substanzielle Verbesserung für die Herstellung von Biotherapeutika dar“, heißt es in der Laudatio. „Mit zwei gehaltenen Patenten, der Zulassung von zwei glycooptimierten Produkten durch das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) und damit der Freigabe der GlycoExpress-Technologie für die Produktion, kann die Marktreife der Innovation als erwiesen betrachtet werden.“

Lobend wird auch erwähnt, dass im Zuge der Entwicklung und Umsetzung der Technologie Glycotope, das seinen Sitz auf dem Campus Buch hat, seinen zu 80 Prozent im Labor tätigen Mitarbeiterstamm in den vergangenen drei Jahren von 27 auf aktuell 70 steigern konnte. Damit ist das Unternehmen in mehrerlei Hinsicht ein Aushängeschild für die Biotechnologie-Region Berlin-Brandenburg.

„Schon die Nominierung war eine tolle Sache“, sagt Baumeister. „Aber der Preis ist natürlich noch besser und ehrt uns als hochinnovative Firma in der Region.“ Mit dem Preisgeld soll jetzt etwas für alle Mitarbeiter getan werden, vielleicht ein Event. Ein Teil des Geldes könne auch in den Kindercampus einfließen, den Glycotope im Sommer für die Mitarbeiterkinder in Zusammenarbeit mit dem Gläsernen Labor Buch plant. Tong-Jin Smith

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