Zeitung Heute : Alles aus Hass

Frank Jansen

Im Irak wurden zwei Deutsche entführt. Wer könnte hinter der Entführung stecken?


Für die Bundesrepublik ist jede Entführung eines Deutschen im Irak ein außergewöhnlicher Fall, für die Iraker selbst sind Geiselnahmen zermürbender Alltag. Sicherheitsexperten sprechen von einer „Entführungsindustrie“, die Extremisten aller Schattierungen sowie unpolitische Kriminelle seit dem Sturz des Saddam-Regimes vor fast vier Jahren betreiben. Tausende Iraker wurden verschleppt, viele blieben verschwunden. Außerdem gerieten mehrere hundert Ausländer in die Fänge von Geiselnehmern. Einige Opfer wurden äußerst grausam hingerichtet, von anderen, wie dem brasilianischen Ingenieur Joao Vasconcelos, fehlt jede Spur. Ein Teil der Entführten kam gegen größere Dollarbeträge frei. Die deutschen Opfer hatten Glück im Unglück: Offenkundig ging es den Entführern der Archäologin Susanne Osthoff sowie denen der sächsischen Ingenieure René Bräunlich und Thomas Nitzschke vor allem um Geld. Politische Forderungen blieben diffus und dienten vermutlich nur dem Zweck, der Bundesregierung eine möglichst hohe Summe abzupressen.

Das könnte im neuen Fall auch so sein, zumal der Ehemann und Vater der Entführten ein betuchter Arzt sein soll. Dennoch ist ein politischer Hintergrund nicht auszuschließen. Möglicherweise wollen die Geiselnehmer die deutsche und die irakische Regierung unter Druck setzen. Eine der beiden Geiseln, der Sohn des Arztes, arbeitet im Außenministerium in Bagdad. Als „Techniker“, heißt es in Sicherheitskreisen. Ob der Sohn den Job nur wegen der Gehaltszahlung angenommen hat oder auch, um eine politische Haltung zu demonstrieren, ist unklar. Doch trifft die Entführung des jungen Mannes, der die deutsche und die irakische Staatsbürgerschaft besitzt, auf jeden Fall das Außenministerium in Bagdad wie die Regierung in Berlin.

Das irakische Außenministerium leitet der Kurde Hoschjar Sebari. Die Kurden sind den sunnitischen Extremisten verhasst. Kurden und Schiiten gelten als Gewinner der US-Invasion. Ein Schlag gegen das Außenministerium wäre durchaus im Sinne der meist sunnitischen Anhänger des Ende 2006 hingerichteten Diktators Saddam Hussein. Außerdem verfemt die sunnitische Terrorszene die Angestellten der von Kurden und Schiiten dominierten Regierung pauschal als Kollaborateure der Amerikaner.

Deutschland genießt bei den sunnitischen Extremisten, seien es nun Saddam-Fans oder Islamisten, einen ähnlichen Ruf. Dass die Bundesregierung unter dem damaligen Kanzler Gerhard Schröder eine Beteiligung am Militärschlag der USA verweigerte, nützt nur wenig. Denn deutsche Instrukteure helfen seit 2004, irakische Polizisten auszubilden. Außerdem wird die Bundesrepublik verdächtigt, die USA im Irakkrieg heimlich doch unterstützt zu haben. Die heftige deutsche Debatte über zwei Beamte des Bundesnachrichtendienstes, die sich während des Krieges in Bagdad aufhielten, dürfte den sunnitischen Extremisten als „Beweis“ für ihre Verschwörungstheorien reichen. Außerdem reicht den sunnitisch-islamistischen Terroristen, die unter dem Banner von Al Qaida den Irak heimsuchen, für ihren Hass auf Deutschland schon der Einsatz der Bundeswehr im weit entfernten Afghanistan.

Etwa 100 Deutsche leben im Irak. Die meisten sind vermutlich Iraker mit deutschem Pass oder deutschstämmige Ehepartner. Und die Angestellten der deutschen Botschaft muten sich Bagdad zu.

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