Zeitung Heute : Alles dreht sich um den kritischen ersten Augenblick

Der Tagesspiegel

Von Ingo Bach

Auf den Gesichtern der Pfleger macht sich Ekel breit. Fast gleichzeitig greifen sie zu den bereit liegenden Gummihandschuhen. Vom Kopf bis zu den Zehen ist die Haut des Patienten mit grindigen Flecken bedeckt. „Mangelnde Hygiene“, kommentiert Oberarzt Torsten Schröder knapp. Wer so selbstzerstörerisch am Alkohol hängt wie der regungslose Mann auf der Krankenliege, der hat andere Sorgen als die tägliche Dusche.

„Können Sie mich hören?“, fragt der Oberarzt immer wieder und immer lauter. Er zieht die Augenlider des Patienten auf und prüft die Reaktion der Pupillen. Da erst bewegt sich der Kranke langsam, stöhnt und lallt unverständliche Worte. Er ist weit weg, aber nicht bewusstlos. Mit Mühe überstand er gerade einen epileptischen Anfall – weil der Alkoholpegel in seinem Blut unter die gewohnte Grenze gefallen war. Ohne das Gift kann sein Körper nicht mehr. Und dabei hatte er noch Glück: eine Wohnung und einen Kumpel, der den Notruf wählte, als er zusammenbrach. Nun liegt er auf dem Flur der Notaufnahme der Charité – und bekommt nicht viel mit von der Hektik um ihn herum und den Versuchen, mit ihm zu reden. Aber Lebensgefahr besteht nicht, und so entscheidet Schröder, den Kranken auf die Überwachungsstation zu legen, wo er Zeit hat, wieder zu sich zu kommen.

Der Epileptiker ist der dramatischste Fall an diesem Abend. Doch Ruhe herrscht hier selten. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen in der Rettungsstelle des Charité-Bettenhochhauses in Mitte. Und dazwischen oft ein langes Warten. 40 000 Kranke im Jahr, 110 jeden Tag suchen bei den Notärzten nach schneller Hilfe. Akute Lebensgefahr, wie Herzinfarkte oder schwere Unfälle, ist eher eine Ausnahme. Der Rest ist Routine eines Hausarztes: Grippe, Verstopfung, Hexenschuss, Kopfschmerzen oder Ohrensausen. Oft reichen Nasentropfen oder ein Abführmittel zur Behandlung aus.

„Am meisten Trubel haben wir, wenn die Hausarztpraxen Feierabend machen – also am Abend und am Wochenende“, sagt Schröder. Richtig heftig werde es an den Tagen, an denen das Fernsehen nur ein mieses Programm zu bieten hat. „Dann gehen die Leute aus Langeweile in die Kneipe, betrinken sich und landen schließlich irgendwann bei uns.“

Gerade liefert eine Polizeistreife einen orientierungslosen Mann ein, den sie auf einer Parkbank gefunden hat. Für die Diagnose braucht Schröder nicht lange: 2,8 Promille Blutalkohol. „Normalerweise dürfte der nicht mehr stehen können“, sagt Schröder. Kann er aber doch, will sogar sofort wieder raus aus dem Krankenhaus. Gegen seinen Willen dürfen die Ärzte hier niemanden festhalten, das wäre Freiheitsberaubung. Aber bei diesem Alkoholpegel wäre der Mann auf der Straße eine Gefahr für sich und für andere. Also redet der Arzt mit Engelszungen auf den Betrunkenen ein und überredet ihn schließlich dazu, sich im Ausnüchterungszimmer auszuschlafen.

Je später es wird, desto mehr füllt sich der Wartesaal der Notaufnahme. Patienten und Angehörige halten sich an den alten Zeitungen fest, die auf den Tischen liegen, und zählen die Minuten. Jede Triefnase müssen die Ärzte begutachten, sie dürfen niemanden wegschicken. Es könnte ja etwas Ernstes dahinter stecken. Trotzdem spricht keiner der Ärzte oder des Pflegepersonals davon, dass hier teure Kapazitäten verschwendet würden. Schließlich geht es um die eigene Existenzberechtigung. Und manches Wehwehchen, das sich nach der Behandlung als harmlos herausstellt, hat vorher die Patienten in Panik versetzt. „Schmerzen können sehr beängstigend sein, wenn man nicht weiß, was sie bedeuten“, sagt Schröder. „Wenn wir den Patienten klarmachen, dass sie nicht bald sterben werden, dann warten sie auch die nächste Sprechstunde ihres Hausarztes ab.“

Rettungsstellen sind für die Kliniken ein Zuschussgeschäft. Pro Patient erstatten die Krankenkassen gerade mal um die 25 Euro – viel zu wenig, um die teure Technik und das Personal zu bezahlen. Die Charité zahlt jährlich einen zweistelligen Millionenbetrag drauf. Aber weil nach der ersten Hilfe rund zehn Prozent der Patienten stationär aufgenommen werden und die Krankenkassen entsprechend zahlen, lohnt sich der Aufwand für das Krankenhaus wieder.

Drei Ärzte tun hier rund um die Uhr Dienst, dazu pro Schicht sieben Pfleger und Schwestern. Ausstattung und Technik sind vom Feinsten, denn die Rettungsstelle wurde im vergangenen Jahr für 11,2 Millionen Mark (5,7 Millionen Euro) von Grund auf saniert. Dazu gehört auch der Reanimationsraum, in dem beispielsweise Infarktpatienten sofort umfassend behandelt werden können. Ein großes Zimmer von antiseptischer Sauberkeit, in dessen Mitte ein einzelnes Bett unter einer OP-Leuchte steht. Drum herum Hightech: Beatmungsgeräte, Monitore, Computer und Defibrillatoren.

In dieser Schicht bleibt der Raum unbenutzt. Der letzte Reanimationsfall liegt zwei Tage zurück. Dafür sind alle anderen vier Behandlungsräume belegt. Hinter vorgehaltener Hand hört man Kritik bei den Medizinern. „Wer seit einer Woche Schnupfen hat und dann schließlich zu uns kommt, der hat den Sinn einer Notaufnahme nicht begriffen“, sagt ein Arzt. „So einer stiehlt uns Zeit.“ Das bekommen die Kunden schon zu spüren – indirekt. Nicht die Reihenfolge des Eintreffens ist entscheidend, sondern die Dringlichkeit. Bei der Aufnahme begutachtet eine erfahrene Schwester, wer sofort Hilfe braucht und wer etwas warten kann. Der Patient mit Herzproblemen wird sofort in den abgeschirmten Behandlungstrakt durchgewunken, die ältere Dame mit Verstopfung muss erst mal im Wartezimmer Platz nehmen.

Die meisten fühlen sich dennoch gut behandelt. „Die Ärzte und Schwestern sind hier sehr freundlich“, sagt ein Patient, der sich fast den Finger abgeschnitten hat. Und ein anderer meint: „Das hier ist ein Uniklinikum, da arbeiten die besten Leute. Deshalb bin ich hierher gekommen.“ Der Laborbefund, der beim Hausarzt erst nach Tagen vorliegt, ist hier schon nach einer halben Stunde fertig. Fachärzte können jederzeit von den anderen Stationen des Klinikums hinzugezogen werden.

Diese Vorteile lassen die Patienten hier auch in den Nachtstunden geduldig ausharren. Seit einer Stunde sitzt ein 30-Jähriger auf dem Behandlungsstuhl, muss im Minutentakt das Gespräch unterbrechen, um Blut auszuspucken. Er hat vor wenigen Tagen eine Zahnoperation hinter sich gebracht. An diesem Abend riss die Wunde urplötzlich wieder auf – gerade als der Freizeit-Gitarrist den Sound für sein nächstes Konzert checkte. Die HNO-Ärztin, die ihn behandeln sollte, musste zu einem dringenden Notfall. Seine Band muss nun erst mal ohne ihn spielen – obwohl er gehofft hatte, rechtzeitig wieder zurück zu sein. Doch daraus wird nichts, er muss warten. „Ich habe ja keine Schmerzen.“ Er sagt das ohne Bitterkeit. „Hier geht es nach Hackordnung, und ein echter Notfall ist natürlich wichtiger.“ Und spuckt wieder Blut in die bereitstehende Schale.

Im Nebenraum erholt sich der Epilepsie-Patient – frisch gewaschen und am Tropf. Ein Neurologe ist angefordert, der Hirnschäden ausschließen soll, ein Hautarzt mildert den Ausschlag mit einer Kortisonsalbe. In ein paar Stunden wird der Patient wieder „gesund“ sein, jedenfalls für den Augenblick der Ausnüchterung. Doch vom Alkohol ist er nicht weg. Wo langfristige Hilfe nötig wäre, da stößt das Notfallteam der Charité an seine Grenzen. Mehr ist auch standesrechtlich nicht möglich. „Wir dürfen den niedergelassenen Ärzten mit einer langfristigen Therapie nicht die Arbeit wegnehmen“, sagt Oberarzt Schröder. Hier dreht sich alles nur um den kritischen ersten Augenblick.

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