Zeitung Heute : „Alles dürfte zierlicher werden“

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Ulrich Witzel lehrt als Ingenieur und Biomechaniker an der RuhrUniversität Bochum.

Wie hat sich unser Schädel im Vergleich mit dem des Frühmenschen verändert?

Er hat sich von der mehr äffischen Konstruktion mit kleinem Gehirn und großen Kauwerkzeugen langsam verändert in einen rundlicheren Schädel mit einem ganz anderen Augen-Stirnbereich. Die Überaugenwülste haben sich zurückgebildet und der Kiefervorbau, die Schnauze, ist reduziert. Zudem ist der Zahnbogen verkleinert worden und die Kinnspitze hervorgetreten.

Was war die Ursache?

Die zubereiteten und schon vorzerkleinerten Nahrungsmittel. Sobald der Mensch die Arme frei hatte und Steinwerkzeuge und Feuer zum Braten und Kochen einsetzte, musste er nicht mehr wie die Tiere sein Essen mit dem Kiefer zerkleinern.

Und was hat das mit den Augenwülsten zu tun?

An einem lang gestreckten Kopf wie dem des Neandertalers oder des Gorillas sind die Schläfengruben tiefer, und die beiden Augenhöhlen mit ihren papierdünnen Knochen mussten durch die beiden Augenwülste stabilisiert werden, damit sie durch den hohen Kaudruck des starken Neandertaler- oder Gorilla-Gebisses nicht verletzt oder gar zerdrückt wurden. Bei uns stabilisiert die steile Stirn die Augenhöhlen, so dass die Überaugenwülste wegfallen konnten, die Natur hat sie eingespart.

Warum tut sie so etwas?

Eine Masse-Minimierung ist für die Natur eine willkommene Sache, weil man während der körperlichen Entwicklung zum Ausbilden von weniger Knochen-Substanz eben weniger Nahrung aufnehmen muss. Und es ist weniger Energie zum Unterhalten der Struktur nötig.

Bei aller gebotenen Vorsicht: Wie könnten wir uns künftig noch verändern?

Langfristig sehe ich eine Veränderung unserer sämtlichen Gelenke und der zugehörigen Bänder und Muskeln. Alles dürfte zierlicher werden. Der Schädel könnte noch runder und die Zahnbögen kürzer werden, weil wir permanent Weichnahrung zu uns nehmen. Dabei werden wir auch weniger Zähne haben; der Weisheitszahn als dritter Mahlzahn ist bei manchen Menschen schon nicht mehr ausgebildet. Das Gesichtsprofil wird dadurch immer kleiner und die Schneidezähne weichen gegenüber Nase und Stirn zurück.

INTERVIEW

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