Zeitung Heute : Alles eine Frage des richtigen Einsatzes

Derivate verheißen hohe Spekulationsgewinne – doch ohne entsprechende Fachkenntnis können sie das Gegenteil bewirken

Jonas Dowen[Chicago]

„Die einen sagen so – die anderen sagen so! Jedoch weiß man nichts Genaues!“ Mit diesem am Finanzplatz Frankfurt gängigen Spruch werden von kritischen Geistern hin und wieder mögliche Risiken beschrieben, die durch die zunehmende und derzeit wohl eher zügellose Nutzung von Finanz-Derivaten auf den Welt-Finanzmärkten möglicherweise resultierten könnten. Experten, die die jüngst von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel veröffentlichten Zahlen über die Größe des globalen Derivatemarktes in einen großen Kontext stellten, erleiden zunächst einmal einen Schreck. Das Marktvolumen von Derivaten ist nämlich rund fünf Mal so groß wie das Welt-Bruttoinlandsprodukt, also die globale Wirtschaftsleistung.

Dies mag so manchem Betrachter schlaflose Nächte bescheren. So mancher alte Ökonom wird sich an seine volkswirtschaftlichen Grundthesen erinnern, die von der Überlegung bestimmt waren, dass die Menschheit ihren Lebensunterhalt in den unterschiedlichen wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungsphasen der Welt allein dadurch erwirtschaftete, dass sie Güter und Leistungen produzierte. Nimmt man die BIZ-Zahlen, so entsteht der Eindruck, als lebe die Welt heute aus den Erträgen der Derivatemärkte. Wir alle wissen, dass dem nicht so ist. Wir alle wissen aber auch, dass die Entwicklung an den Finanzmärkten ein wesentlicher Faktor für das Wohl und Wehe der Menschheit ist. Doch, so fragen sich besorgte Beobachter, wo liegt die Grenze des Wachstums im Finanzsektor? Oder anders gefragt: Wie weit kann sich die Finanzwelt und hier vor allem die „Kunstwelt der Derivatemärkte“ von der realen Wirtschaft auf dem Globus entfernen? Und daran schließt sich die Frage an, ob boomende und ausufernde Derivate-Positionen eine Gefahr für die Stabilität des Welt-Finanzsystems darstellen können?

Glaubt man Alan Greenspan und Ben Bernanke, dem einstigen und dem aktuellen Notenbankchef der USA, dann leisten Derivate einen wichtigen und sinnvollen Beitrag zur Stabilisierung der Welt-Finanzmärkte. Derivate werden von Greenspan und Bernanke auch als ein wichtiger Grund dafür gesehen, dass sich die Regierungen effizient und damit billig Kapital an den Welt-Finanzmärkten beschaffen können. Doch nicht jeder Experte schließt sich der Meinung der derzeit bekanntesten Notenbanker der Welt an. Warren Buffett zum Beispiel sieht die Lage völlig anders. Das „Orakel von Omaha“ – einer der erfolgreichsten Anleger und zugleich einer der reichsten Männer der Welt – bezeichnet Derivate als „finanzielle Massenvernichtungswaffen“. Die Wahrheit dürfte in der Mitte liegen. Nämlich dort, wo Derivate von Anlegern sinnvoll und kontrolliert eingesetzt werden.

Zurück zu den nackten Zahlen der BIZ. Danach erreicht das globale Volumen des Marktes für Derivate rund 285 Billionen US-Dollar. Zum Vergleich: Das Welt-Bruttoinlandsprodukt (BIP) lag Ende 2005 in etwa bei 59 Billionen Dollar. Mit anderen Worten: Das Welt-BIP erreicht damit gerade einmal rund 20 Prozent des globalen Marktes für derivative Finanzinstrumente. „Die traditionelle Methode des Geldverdienens scheint aus der Mode zu sein“, kritisiert Eberhardt Unger vom Research-Institut „FAIResearch“.

Optionen, Optionsscheine, Swaps, Futures, Zertifikate, strukturierte Produkte und viele andere künstliche Instrumente mehr haben eine Dimension erreicht, die ein hohes Maß an Risiko für die Finanzmärkte birgt. Häufig wird bei Derivaten von „Absicherungsgeschäften“ zur Risikobegrenzung gesprochen. „Doch das gilt nur für einen verhältnismäßig kleinen Teil der Derivate“, sagt Unger. Das riesige Volumen zeigt, dass es sich in der weit überwiegenden Mehrzahl um Spekulationen handelt, die für den Anwender einen raschen und möglichst hohen Gewinn bringen sollen.

Wenn der finanzielle Sektor exponentiell schneller als die reale Wirtschaft wächst, könnte das in der Tat zu Problemen führen. Dies nicht zuletzt auch deshalb, da zahlreiche Derivatearten eine enorme Illiquidität aufweisen, wie bereits einige Krisen in der Vergangenheit gezeigt haben. In diesem Kontext sei lediglich an die Krise des Hedge-Fonds LTCM im Jahre 1998 zu erinnern, die maßgeblich auf den unbedachten Umsatz von Derivaten zurückzuführen war. „Der derivative Markt ist eine tickende Zeitbombe“, sagt Eberhardt Unger. Die Mentalität, die hinter dem großen Umfang an Derivaten steckt, reduziere sich auf folgende Schlussfolgerung: Volles Risiko und keine Angst vor Verlusten.

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