Zeitung Heute : Alles endet im Samba!

NEUKÖLLNER OPER Lilli-Hannah Hoepner und Ronni Maciel holen die brasilianische Bettleroper nach Berlin.

Bertolt Brecht und Brasilien verbindet mehr als nur der gleiche Anfangsbuchstabe. „Brecht ist in Brasilien sehr populär“, erklärt die Regisseurin Lilli-Hannah Hoepner, „diese Beliebtheit stammt noch aus der Zeit der Militärdiktatur.“ Mit dem Autor war es eben leichter möglich, die Zensur zu umgehen und trotzdem Kritik am Regime zu üben. 1978 hat der Liedermacher und Komponist Chico Buarque, kurz bevor er ins Exil nach Italien ging, sogar eine brasilianische Version der „Dreigroschenoper“ geschrieben: „Ópera do Malandro“, was nichts anderes heißt als „Oper der Ganoven“. Buarque spießt die Zustände in Rio de Janeiro, allen voran die Korruption, genauso satirisch auf wie einst Brecht und Weill. In Deutschland allerdings war das Stück noch nie zu sehen, was sich jetzt ändert: Hoepner holt die „Ópera do Malandro“ an die Neuköllner Oper.

Die 33-Jährige liebt Brasilien, es ist für sie so etwas wie eine zweite Heimat. Die gebürtige Berlinerin ging 2003 im Rahmen eines Austauschprojekts erstmals nach Rio. Seither hat sie rund zehnmal dort inszeniert, etwa am Teatro SESC Copacabana - für sie eine wichtige Ergänzung zur Arbeit im System des deutschen Stadttheaters. In Brasilien fiel ihr auf, dass die „Ópera do Malandro“ ein unglaublich beliebtes Stück ist. Es wird die gleiche Geschichte erzählt wie in der „Dreigroschenoper“, nur das Milieu ist ein bisschen anders: Huren statt Bettler. Peachum heißt hier Fernandes de Duran und ist Zuhälter, seine Tochter Polly wird zu Teresinha, der Verbrecher Macheath zum Ganoven Max Overseas, auch eine tragische Tunte namens Geni spielt eine wichtige Rolle. Die Musik von Kurt Weill allerdings hat Buarque vollkommen aufgegeben, nur ein Zitat des Mackie-Messer-Hits „Und der Haifisch, der hat Zähne“ gleich zu Beginn erinnert noch an sie. Ansonsten hat Buarque die Musik völlig neu geschrieben - was Weill im Übrigen ja auch getan hat. Beide Werke sind Neufassungen eines viel älteren Werks, John Gays „Beggar's Opera“ von 1728. Es sind Interpretationen aus dem Geist ihrer jeweiligen Zeit.

Wie also klingt das, was an der Neuköllner Oper zu hören sein wird? Akustikgitarre, Percussion, Klavier, Bläser und Akkordeon kommen zum Einsatz. Dirigent Guilherme Castro hat die Partitur für Berlin neu arrangiert. Buarques Musik vermengt viele Stile: Samba, Bossa Nova und das, was in Brasilien MPB heißt: Música Popular Brasileira, ein Begriff, so schillernd wie das Land. Mit Schlager wäre er nur unzureichend wiedergegeben, weil er ständig seine Bedeutung ändert und zum Beispiel auch Rock- oder Reggae-Einflüsse aufnimmt. Die beiden bekanntesten Songs aus der „Ópera do Malandro“ sind „Pedaco de mim“ („Ein Teil von mir“) und „Geni e o Zepelim“ („Geni und der Zeppelin“). „In Brasilien kann das jedes Kind auf der Straße mitträllern", erzählt Ronni Maciel. Der Choreograf, der die Aufführung gemeinsam mit Hoepner erarbeitet, ist zwar nicht wie der bald 70-jährige Chico Buarque ein „Carioca“, also ein in Rio Geborener, aber er kam nicht weit entfernt in einem Dorf zur Welt. Seit sechs Jahren lebt er in Berlin, er hat sich trotz der Kälte in die Stadt verliebt: „Berlin ist ein Schmelztiegel wie Rio und mindestens so inspirierend“, sagt er.

Für diese Inszenierung - die übrigens im offiziellen Jahr der deutsch-brasilianischen Freundschaft stattfindet - arbeitet Ronni Maciel nicht mit professionellen Tänzern, sondern mit Schauspielern. Eine echte Herausforderung. „Aber ich mag es, Leute an ihre Grenze zu bringen“, sagt er. Ein Leitsatz, den auch Hoepner für sich und ihre Arbeit reklamiert. Nicht als knallige Revue will sie „Ópera do Malandro“ inszenieren. Sondern das Zynische des Stücks, seinen kritischen Geist herauspräparieren. „Ich nehme Brasilien als Land ernst. Für mich besteht es nicht nur aus Caipirinha, Bikini und Fußball. Es ist eine starke Nation, die genauso im Jahr 2013 angekommen ist wie Deutschland.“ UDO BADELT

Premiere 31.1., 20 Uhr. Auch 2./3., 7.-10., 13./14., 16./17., 21.-24. und 28.2.

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