Zeitung Heute : Alles fließt - aber wo fließt es hin?

KLAUS TÖPFER

Wer aus dem All auf unseren Planeten blickt, würde ihn wohl eher "Wasser" als "Erde" nennen.Aber der Schein des Überflusses trügt, denn das meiste, was man da sieht, ist viel zu salzig, also für den Menschen ungenießbar.Das wirklich nutzbare Naß befindet sich vor allem an den Polkappen, in Flüssen und Seen sowie gleich unter der Erdoberfläche.Es ist dieses Wasser, die einzige bedeutende natürliche Ressource, die uns Überleben, Gesundheit und eine gesellschaftliche Entwicklung sichert.

Schließlich ist es kein Zufall, daß sich die Menschen der Frühzeit an Flüssen, Seen und anderen Wasserquellen ansiedelten.Hier fanden sie nicht nur das Lebensmittel Wasser, sie konnten und können es auch für eine Vielzahl weiterer Zwecke nutzen: für Ackerbau und Viehzucht, zum Putzen und Kochen, für kommerzielle und Sportfischerei, Erholung, zur Stromerzeugung und zum Warentransport.In der Industrie dient das Wasser gleichermaßen als Grundstoff wie eben (bei Flüssen oft: leider) auch zur Entsorgung von Abfällen.

In Regionen, wo die Ströme reichlich fließen, betrachten viele Menschen das Wasser als ewig anhaltende, ständig verfügbare Ressource zum relativ günstigen Preis.Das ist unglücklicherweise eine Illusion.Auch im Überfluß sollte Wasser als kostbar angesehen werden, weil wir nicht ohne es leben können.Es ist unersetzlich, weil wir auf nichts anderes ausweichen können, und empfindlich, weil es durch Eingriffe des Menschen ungenießbar werden kann.

Zum Glück für die Menschen hat die Natur für das Wasser eine kontinuierliche Reinigung vorgesehen, bei der das Wasser im Kreislauf von der Erdoberfläche verdunstet.In Form von Regen oder Schnee kommt es zur erneuten Nutzung zurück.Betrachten wir das Gesamtvolumen des Wassers in diesem Prozeß, so ist ironischerweise genug Süßwasser auf oder unter der Erde vorhanden, um alle Bedürfnisse des Menschen zu decken, heute und in der absehbaren Zukunft.

Doch das Süßwasser ist nicht gleichmäßig über die Welt verteilt - das gilt sowohl bei der Verteilung der Vorräte als auch für den Zeitpunkt der Lieferung.Ausgedehnte Trockengebiete oder nur sehr selten beregnete Zonen auf der Erdoberfläche belegen das, ebenso das Hin und Her von Überflutungen und Trockenheit in anderen Regionen.

Wir sehen also: Alle Probleme, die wir mit dem Süßwasser haben, sind entweder Mengen- oder Qualitätsprobleme.Und die Verschmutzung wiederum kann eine spezielle Form der Knappheit erzeugen: So kann Trinkwasser für jeden erdenklichen Zweck benutzt werden, während wohl niemand gern Wasser trinken will, das vorher zum Baden oder Waschen benutzt wurde; zumindest nicht ohne vorherige Aufbereitung.Dennoch kann dieses Wasser immer noch etwa zur Bewässerung von Getreidefeldern dienen, zudem kann es wieder zu Trinkwasser gereinigt werden.Aber das kann sowohl teuer als auch zeitraubend werden.

Was können wir also tun, um Mensch und Ökosystem auch in Zukunft mit Süßwasser zu versorgen? Der einzig erfolgversprechende Weg besteht in einer integrierten, multidisziplinären Vorgehensweise - so, wie es bereits im Kapitel 18 der Agenda 21 festgehalten ist.Ein integiertes "Wasser-Management" muß Angebot und Nachfrage berücksichtigen, aber auch die biologischen, chemischen und physikalischen Faktoren, die die beiden Waagschalen beeinflussen.Im Rahmen des UN-Umweltprogramms (UNEP) arbeiten wir daran, diese Fragen zu klären.Ziel muß es sein, allenthalben die partikulären Interessen und Verantwortlichkeiten zusammenzufassen - innerhalb und außerhalb der Vereinten Nationen.

Für eine grundlegende Analyse bedarf es der Mitarbeit von Hydrologen, Geologen, Botanikern und Zoologen, überdies müssen gesellschaftliche Zusammenhänge untersucht werden: Wie wird das Land genutzt, womit befassen sich die Menschen dort (Industrie)? Aber bei der Entwicklung einer gerechten und dauerhaften Wasserversorgung sind sozioökonomische Faktoren noch wichtiger als diese wissenschaftlichen und technischen Fragen.Gerade sie jedoch sind schwer zu benennen und zu quantifizieren; da geht es um Regierungs- und Verwaltungsstrukturen, um den jeweils geltenden rechtlichen Rahmen, um den Stand der technischen und steuerlichen Überwachung und schließlich um den kulturellen Hintergrund, der das Verhalten der Menschen bestimmt.

Diese sozialwissenschaftlichen Faktoren sind natürlich nicht so leicht zu messen wie die Wasserqualität.So entstehen schnell weitere Fragen: Wie kann man die Angemessenheit der vorhandenen institutionellen Strukturen bestimmen? Welche Kriterien greift man heraus, um zu klären, ob der rechtliche Rahmen den Bedürfnissen der Wassernutzer genügt? Wie lassen sich kulturelle Gewohnheiten und politische Realität in ein einheitliches Gewässermanagement integrieren? Wie passen konkurrierende Nutzungsvorstellungen in diesen umfassenden Rahmen? Und welche Rolle spielen die politischen Realitäten beim Interessenausgleich?

Wir beginnen gerade erst, Methoden und Herangehensweisen für die präzise Formulierung solcher Fragen zu entwickeln, und genaue Antworten darauf sind entscheidend für den Erfolg eines solchen Gewässermanagements.Noch einmal in aller Deutlichkeit: Ein Versagen bei der Bereitstellung genießbaren Wassers bedeutet im Extremfall Krankheit und Tod für die Menschen weiter Landstriche.

Doch schon aus den bekannten Tatsachen können wir Handlungsanweisungen ableiten.So wird ja nur ein kleiner Teil des Trinkwasserangebots vom Menschen direkt verbraucht.Weltweit werden die größten Mengen Süßwasser zur Bewässerung von Anbauflächen genutzt: Der Anteil des Ackerbaus kann 75 Prozent des Gesamtverbrauchs in einem Versorgungsgebiet ausmachen.Und dieses Wasser ist gleichsam verloren, denn es wird von den Pflanzen (etwa in den Früchten) eingelagert oder verdunstet in die Atmosphäre.Dann ist es erst wieder verfügbar, wenn es durch den hydrologischen Kreislauf auf die Erde zurückgelangt ist.

Wasser hingegen, das getrunken oder von der Industrie verbraucht wird, kommt sofort in Form von Haus- oder Industrieabwasser in die Natur zurück.Und genau darauf fußt ein recht dramatischer Vorschlag eines kürzlich vorgelegten UN-Berichts: Länder mit großem Wassermangel sollten überlegen, ob sie ihr knappes Wasser vorzugsweise für hochwertigere Nutzungen, beispielsweise in der Industrie, einsetzen und nicht wie bisher auf den Anbauflächen ausgießen.Dies wäre hydrologisch sinnvoll.

Daraus ergeben sich Chancen und Risiken.So könnten sich dauerhafte Handelsbeziehungen zwischen den betreffenden Ländern entwickeln, was langfristig beiden Seiten nutzt.Andererseits sind solche Länder eben vom guten Willen ihrer Nachbarn abhängig.

Und wenn Wasservorräte gar Ländergrenzen überschreiten, wird ein Ausgleich noch schwerer: Eingriffe der Menschen in einem Teil des Wasserversorgungsgebiets können die Nutzer in den anderen Teilen (sprich: im anderen Land) beeinträchtigen.Dies gilt vor allem für die Menschen stromabwärts.

Auf der Welt gibt es mehr als 300 internationale Flußläufe.Trotz ihrer unübersehbaren Bedeutung für Wirtschaft und Umwelt existieren nur sehr wenige internationale Vereinbarungen und Konventionen für den gerechten und dauerhaften Gebrauch der Vorräte in den jeweiligen Versorgungsgebieten.Und das ist kein Wunder, denn es kann sehr schwer sein, solche Übereinkünfte zu entwickeln.Schließlich müssen oft nationale Interessen der einzelnen Anliegerländer zugunsten eines größtmöglichen Nutzens für alle Bewohner zurückgedrängt werden.

Aber daran wird letztlich kein Weg vorbeiführen.Schließlich wächst die Weltbevölkerung ebenso stetig wie die Städte und Ballungsgebiete.Und damit steigt der Bedarf am Lebensmittel Wasser und an Nahrungsmitteln.Die Regierungen der Uferstaaten werden über kurz oder lang also gezwungen sein, sich mit der gerechten und dauerhaften Nutzung der grenzüberschreitenden Gewässer zu befassen.

Je früher sie das machen, desto besser wäre es für sie.Schon jetzt ist ein deutlicher Zusammenhang zwischen dem Zustand der Süßwasservorräte innerhalb eines einheitlichen Versorgungsgebiets und dort herrschenden Gesundheitsmängeln sowie einer schlechten sozioökonomischen Lage generell erkennbar.Das heißt: Regionen, die dauerhaft mit gutem Wasser versorgt sind, kommen auch mit den anderen großen Gesundheits- und Wirtschaftsproblemen gut zurecht.

Die Arbeit der jeweiligen Länder wie auch der UN-Organisationen muß deshalb darauf zielen, die Gesundheit der Bevölkerung, die Landwirtschaft, die Energieversorgung und den Städtebau nicht nur isoliert zu fördern, sondern die übergreifende und multidisziplinäre Natur der Süßwasservorräte im Auge zu behalten.Dies setzt unter anderem voraus, daß diese Organisationen mehr und effektiver zusammenarbeiten und diese Zusammenarbeit besser koordinieren - ein erstrebenswertes Ziel ist das auf jeden Fall.

Ebenso wichtig ist es natürlich, parallel dazu die Technik zu beschaffen, mit deren Hilfe der gegenwärtige und zukünftige Bedarf an Trinkwasser besser und auf kostengünstige und verläßliche Weise bereitgestellt werden kann.

Nur wenn es uns gelingt, dem Querschnittscharakter der Wasserprobleme in einem einheitlichen Versorgungsgebiet gerecht zu werden - was vor allem die Nachbarn an einem internationale Gewässer betrifft - werden wir alle in der Lage sein, eben jenes "Glas Wasser" genießen zu können, das uns die Natur dann auch weiterhin bereitstellt.

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