Zeitung Heute : Alles gebongt

Der Tagesspiegel

Von Holger Wild

Die Deutsche Mark sieht ihrem Ende entgegen. Ab Freitag werden die meisten Geschäfte sie nicht mehr annehmen; dann ist das Euro-Zeitalter zur Gänze angebrochen. Eine Frage aber bewegt die Menschen auch zwei Monate nach der Einführung des neuen Geldes noch am meisten: Der Euro hat doch alles teurer gemacht – oder?

Über „alles“ aber ist schwer zu sprechen. Das Statistische Landesamt hat einen Anstieg der Lebenshaltungskosten von Januar 2001 bis Januar 2002 von 2,1 Prozent festgestellt. Doch darin sind ebenso Steuer-Erhöhungen eingeflossen wie Euro-unabhängige Preissteigerungen: die bei Frischgemüse etwa, was durch den harten Winter in Südeuropa erklärt wird.

Wir haben daher einen kleinen Test gestartet. Am 6.Februar baten wir unsere Leser um Einkaufsbons aus dem letzten Jahr. Mit diesen würden wir dann in genau dieselben Geschäfte gehen und die heutigen Preise für die damals gekauften Artikel vergleichen. Nur eine Stichprobe, gewiss; aber ein ungefähres Bild über Preisveränderungen bei den Dingen des täglichen Bedarfs würde sich schon ergeben.

Die Resonanz war beeindruckend. Bons über Bons flatterten uns in die Redaktion, von Geschäften aus allen Ecken Berlins. Vier davon in möglichst breiter Spanne haben wir ausgewählt: die Lebensmittelabteilung von Karstadt am Tempelhofer Damm (stellvertretend für die hö herpreisigen Filialisten); ein Lidl-Markt in der Neuendorfer Straße in Spandau (für die Billig-Ketten); ein Getränke-Hoffmann (als Getränkehändler); eine Drospa-Filiale am Kurfürstendamm (für Haushaltswaren). Und zogen mit der Liste los.

Das Ergebnis überraschte uns dann selbst ein wenig: Wenn man von frischem Obst und Gemüse absieht, sind nur sehr geringe Preisveränderungen festzustellen. Was einer unserer Leser etwa am 22.Juni für 33,90 Mark bei Lidl in Spandau erwarb, hätten wir für 17,07 Euro bekommen. Das entspricht genau 33,38 Mark – der gleiche Einkauf von Tiefkühlnahrung, Milchprodukten und Katzenfutter wäre heute also sogar geringfügig billiger.

Auch bei Getränke Hoffmann war kein Preissprung seit der Euro-Einführung zu beobachten. Eine Halbliter-Flasche Krombacher-Bier kommt heute 65 Cent, das wären 1,27 Mark. Mitte Dezember zahlte unsere Leserin 1,28 Mark. Pilsener Urquell kostet 0,69Cent – das wären 1,35 Mark. Im Dezember mussten noch 1,47 Mark für den halben Liter des tschechischen Biers bezahlt werden. Eine Literflasche Cola ist heute für 89Cent zu haben, das entspricht 1,74 Mark – 1,75 waren es im Dezember.

Bei Drospa hätten acht von den zehn Drogerieartikel, die eine Leserin am 26.Oktober gekauft hat, statt zusammen 14,64 Euro nun 14,91 Euro gekostet. Immerhin 52 Pfennig mehr oder 3,78 Prozent. Zwei Artikel mussten wir aus der Rechnung heraus nehmen, weil die Diskrepanz zwischen Oktober und Februar so unerhört ist, dass dahinter ein Sonderangebot oder ein Buchungsfehler stecken muss. Zwei Tuben Zahnpasta unterschiedlicher Marke kosteten damals je 0,99Mark. Und wü rden jetzt mit 2,99 Euro zu Buche schlagen: Fast eine Versechsfachung des Preises!

Ein Ausreißer begegnet uns auch bei unserem vierten Einkauf, bei Karstadt in Tempelhof. Haselnusskerne, Schälerbsen, Eier und Sauerkraut kosten heute fast genauso viel wie Anfang Dezember. Nur eine Flasche Sekt, „Kessler Gold“, die stieg heftig im Preis: von 9,99Mark auf 6,59Euro (12,89 Mark). Vermutlich war das damals ebenfalls ein Sonderangebot.

Die Euro-Teuerung also alles nur Einbildung? Nicht unbedingt. Die großen Ketten, die Lebensmittelmärkte, haben die Preise im wesentlichen nur umgerechnet, nicht erhöht (Ausnahme: Obst und Gemüse). Sie stehen in einem so harten Wettbwerb, dass sie sich anderes kaum erlauben dürften. Da die Bons unserer Leser ganz überwiegend aus solchen Geschäften kommen, ist das Ergebnis vielleicht auch nicht einmal wirklich überraschend.

In anderen Marktsegmenten aber hat der eine oder andere die Gelegenheit zur Preiserhöhung doch relativ schamlos genützt. So ein Elektro-Markt im Märkischen Viertel, bei dem ein Tagesspiegel-Leser für eine Kohlensäurepatrone zur Sodawasser-Bereitung neuerdings 8,45Euro zahlt – statt vordem 15 Mark (7,67Euro). Oder auch – besonders hübsch – ein Fernseh- und Waschmaschinendienst, auf den uns ebenfalls ein Leser hinwies. Jener verlangte für Anfahrt und Kostenvoranschlag im letzten Jahr 2,50 Mark. Jetzt steht auf der Briefkasten-Werbung 2,50Euro. Merkt ja keiner.

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