Zeitung Heute : Alles giga

Von Martin Kilian

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Die Hälfte meiner Arbeit – ach was: zwei Drittel, nein, drei Viertel – ist vergebliche Liebesmüh’. Ein Don Quixote der Tastatur bin ich, dessen erbärmliche Fingerübungen meistenteils Ereignissen gelten, die es überhaupt nicht gibt. Weil man in Washington nämlich zum Chronisten einer virtuellen Realität wird. Mit donnerndem Trommelwirbel wird etwas proklamiert – und dann passiert nichts.

Für Lohnschreiber wie mich ist das eine bittere Pille. Siehe zum Beispiel das Washingtoner Großereignis der Vorwoche, nämlich G.W. Bushs Rede zur Lage der Nation, in welcher der Präsident die Welt mit einem Plan galaktischen Ausmaßes überraschte: Spätestens 2025 soll kein Öl mehr aus dem Nahen Osten importiert werden. Sofort rief der Chef, dessen rechtes Ohr dauerhaft auf die Frenquenz von CNN eingestellt ist, bei mir an und verlangte 5000 Zeilen. Die Saudis, sagte er, würden bald in Monte Carlo mit einem Blechnapf in der Hand Almosen erbetteln. Die Bildredaktion lieferte umgehend retuschierte Bilder der Wüste, auf denen keine Pipelines mehr zu sehen waren.

Kaum aber war die Arbeit beendet und hatten schwerste Rückenschmerzen eingesetzt, winkten diverse Leute in Washington, darunter der Energieminister, müde ab: Nein, war nicht so gemeint, ’tschuldigung, rein symbolisch, lesen Sie doch bitte das Kleingedruckte! Ebenso dürfte es der „Initiative zur Stärkung amerikanischer Wettbewerbsfähigkeit“ (4500 Zeilen) oder dem „nationalen Projekt zur Förderung des Handkusses“ (7500 Zeilen) ergehen. Ungemein frustrierend ist die Arbeit in einem Gemeinwesen, das mit überlebensgroßen Proklamationen, Konzepten und Entwürfen überschüttet wird. Kaum ein Tag vergeht ohne die Ankündigung eines immensen Vorhabens, ja eines geschichtlichen Anlaufs, neben dem der Bau der Pyramiden oder der Nachweis der Schwerkraft glatt verblasst.

Irgendwann kündigte der Präsident an, dass wir nächstens zum Mars fliegen werden. Ich schrieb Bände darüber. Mittlerweile erinnert sich niemand mehr an die „Mars-Initiative“. Schließlich reicht das Geld der NASA bestenfalls für einen Flug von Cap Canaveral nach Miami. Als John F. Kennedy regierte, war auf solche Ankündigungen noch Verlass. Wir fliegen zum Mond, sagte der, worauf mein Vorgänger in Washington 10 000 Zeilen schrieb – bekanntlich nicht umsonst.

Heutzutage gilt es hingegen abzuwägen, so etwa bei G.W. Bushs Bekanntgabe, das „Böse“ abzuschaffen. In freudiger Erregung schreibt man sich für nichts und wieder nichts die Finger wund, denn Jahre später geht es allerorten unverändert böse zu und strecken sich die Menschen gegenseitig die Zungen heraus.

Dabei ist der amerikanische Enthusiasmus für historische Großprojekte so wunderbar und überzeugend, dass europäischer Zynismus daran zerschellt. Auch infiziert diese Begeisterung jeden, der damit in Berührung kommt. In meinem Freundeskreis versteigen sich die Leute ebenfalls zu staunenswerten Proklamationen. Guten Morgen, heute werde ich 40 Pfund verlieren! Immer noch falle ich darauf herein, eile zum Telefon und sage: „Joe, hast du gehört, Bill wird heute 40 Pfund abnehmen!“ Und selbstverständlich bin ich längst selbst auf diesen Trip gekommen; manchmal proklamiere ich die tollsten Sachen, um im Mainstream der amerikanischen Enthusiasmen mitschwimmen zu können.

So stammt etwa die Prognose, die NASA werde Sachsen-Anhalt vor 2030 auf den Mond schießen, von mir. Und dass die Menschheit Paris Hilton 2014 nach St.Helena verbannen wird: Auch das habe ich gesagt. Obendrein möchte ich an dieser Stelle im Geiste amerikanischer Giga-Projekte mitteilen, dass die neue Autobahn von Lissabon nach New York nun doch sechsspurig ausgebaut wird, um Staus in der Nähe der Azoren zu verhindern.

Und zur Einweihung im März 2067 werden Angus Young und AC/DC mit einem bunten Potpourri ihrer beliebtesten Schlager aufspielen. Irre, was?

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