Zeitung Heute : Alles Gute kommt von draußen

Deutschlands Export lebt von der Produktion im Ausland. Für den Arbeitsmarkt hier ist das eine Chance

Bernd Hops

Eine Studie des Bundesfinanzministeriums zeigt: Produktionsverlagerungen ins Ausland schaffen im Inland zusätzliche Arbeitsplätze. Ist das ein Weg aus der Krise?

Und es gibt doch Hoffnung für den Standort Deutschland. Und für die hiesigen Arbeitsplätze. Das hat zwar oft nicht den Anschein, denn kaum eine Woche vergeht, in der Unternehmen nicht mit der Verlagerung von Arbeitsplätzen ins billigere Ausland drohen. Aber gerade das, der Jobexport, schafft und sichert Arbeitsplätze hier zu Lande. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommt eine Studie des Bundesfinanzministeriums, die in dieser Woche veröffentlicht wird. Wie kann das sein? Wie geht das?

Die Antwort hat mit der außerordentlichen Bedeutung des Exports für die deutsche Wirtschaft zu tun. Da mögen die Arbeitgeber noch so sehr über zu teure und zu unflexible Beschäftigte klagen – Deutschland ist Exportweltmeister. 2003 hat kein Land so viele Waren ins Ausland verkauft wie wir, nicht die USA und auch nicht das aufstrebende China. Selbst der starke Euro konnte dem deutschen Export kaum etwas anhaben: Die Ausfuhren sind auch 2004 jeden Monat im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen.

Während in Deutschland immer noch nicht ausreichend konsumiert wird, ist der Export beinahe allein verantwortlich dafür, dass dennoch Wachstum zu verzeichnen ist. Waren aus Deutschland sind international gefragt, ihre Produktion hier zu Lande wegen hoher Lohn- und Lohnnebenkosten aber besonders teuer – ein Widerspruch? Nein. Die Begründung dafür liefert die Studie des Finanzministeriums. Sie klingt paradox: Es ist eben die Arbeitsplatz- und Produktionsverlagerung, die deutsche Produkte wettbewerbsfähig macht. Denn immer mehr im Ausland produzierte Teile stecken in den aus Deutschland ausgeführten Waren. 1991 machten sie nach Schätzung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie noch 26 Prozent der Wertschöpfung der Exporte aus, heute etwa 40 Prozent. Das hilft auf dem Weltmarkt, lässt den Export noch weiter wachsen und sorgt für Beschäftigung auch in Deutschland.

Der prominenteste Zeuge für neue Jobs durch die Nutzung der Vorteile einer Produktionsverlagerung ins Ausland ist die Automobilindustrie. Beispiel Porsche: Das neue Modell Cayenne besteht zu fast 90 Prozent aus Teilen, die in der slowakischen Hauptstadt Bratislava hergestellt werden. Zusammengebaut wird der Wagen aber in Leipzig von einigen hundert hiesigen Arbeitskräften.

Jetzt könnte man sich wünschen, Porsche möge noch mehr Jobs in Deutschland schaffen. Man könnte sich auch darüber beklagen, dass Porsche die Bauteile nicht hier produzieren lässt. Bloß: Würde das Unternehmen das tun, könnte es sich den Cayenne gleich ganz sparen. Der Wagen wäre mehr als 20 Prozent teurer – und damit zu teuer im internationalen Vergleich. Durch die deutsch-slowakische Kooperation aber ist ein konkurrenzfähiges Produkt entstanden, zum Vorteil der Beschäftigten in beiden Ländern. Bei anderen Konzernen, etwa Volkswagen, mildern die günstigen Verhältnisse in den Auslandswerken den Druck auf die deutschen Beschäftigten. Dank der Auslandsgewinne kann sich ein Unternehmen nämlich teurere Mitarbeiter in Deutschland leisten und muss nicht alte, bewährte Produktionsstrukturen zerschlagen. Deshalb heißt es bei der IG Metall: „Bratislava stabilisiert Wolfsburg.“

Weist der Jobexport also der deutschen Wirtschaft den Weg aus der Krise? Zeigt sich die Globalisierung hier als Chance? Ja, aber nur in begrenztem Ausmaß. Ein Porsche „made in Bratislava“ würde bisher noch auf Skepsis bei den Kunden stoßen. Der deutschen Fertigung wird weltweit nach wie vor eine besonders hohe Qualität zugeschrieben.

Aber Grund zum Ausruhen ist das nicht. Denn die Wahrnehmung ändert sich. Eine jüngst publizierte Umfrage der Unternehmensberatung Roland Berger hat ergeben, dass immer mehr deutsche Industriebetriebe an eine komplette Produktionsverlagerung ins Ausland denken. Und das, weil viele die Fertigungsqualität im Ausland als genauso hoch einschätzt wie die in Deutschland – oder sogar höher.

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