Zeitung Heute : Alles im Eimer?

Der Tagesspiegel

Von Rainer W. During

Spandau. Werden Spandaus Grünanlagen jetzt zu Schmuddelflächen? Im Bezirk wurde Mitte März mit dem Abbau der Müllbehälter in den Grünanlagen begonnen. Zunächst verschwinden rund 250 der insgesamt 700 Abfallbehälter in den Randbereichen, weil in den angrenzenden Straßen meist Alternativen der Berliner Stadtreinigung hängen. Mittelfristig will der Bezirk bis zu 400 000 Euro im Jahr einsparen. Baustadtrat Carsten-Michael Röding (CDU) setzt auf die Einsicht der Parkbesucher, die ihren Abfall wieder mitnehmen oder gleich zu Hause lassen sollen.

In jedem der acht Reviere des Natur- und Grünflächenamtes (NGA) sind zwei Touren mit jeweils einem Fahrzeug und ein oder zwei Mitarbeitern unterwegs, um den Müll einzusammeln. Wöchentlich entstehen bei der Leerung der Spandauer Abfallbehälter Kosten in Höhe von rund 16,50 Euro, hat Röding errechnet. Das ist mehr als der dreifache Preis für eine dreimal so große, 120-Liter-Hausmülltonne der Stadtreinigung. Im Jahr summiert sich der Aufwand für den Bezirk auf etwa 600 000 Euro. Für die Behälter an den Badewiesen und die Beseitigung illegaler Mülldeponien fallen noch einmal 660 000 Euro an. Durch Einsparungen bei Personal- und Sachmitteln könnten 400 000 Euro jährlich gespart werden, so das Bezirksamt.

Der stellvertretende Leiter des Grünflächenamtes, Klaus Burkhardt, spricht von einem „erzieherischen Rückbau“. „Die Leute sollen Zeit haben, sich an die Neuorganisation zu gewöhnen und schon zu Hause überlegen, ob sie den Schokoriegel in Originalverpackung mitnehmen oder lieber eine Tupperdose mit Apfelstückchen.“ Letztendlich sollen nur die Müllbehälter an den Spielplätzen stehen bleiben, denn „kleine Kinder lassen sich nicht so leicht organisieren wie Erwachsene“.

„Wir können der Bevölkerung mehr zutrauen als man allgemein glaubt“, ist Burkhardt überzeugt. Eine Umfrage zur Qualität der Spandauer Grünanlagen habe ein deutliches Bekenntnis zur Mitarbeit ergeben. Stadtrat Röding verweist obendrein auf den Umweltaspekt. In den eigenen Mülltonnen können die Bürger ihre Abfälle getrennt entsorgen, was in den Parks nicht möglich ist. Das eingesparte Geld soll für den Erhalt der Grünflächen und die Anschaffung neuer Spielgeräte genutzt werden.

Vorreiter beim Abbau der Müllbehälter sind die Berliner Forsten, die nach süddeutschem Vorbild damit Mitte der 90er Jahre im Grunewald begannen. Die Aktion ging einher mit dem Appell an die Waldbesucher, Verantwortung zu übernehmen. Dennoch gab es „eine komplizierte Übergangszeit“ von ein bis zwei Jahren, sagt Sprecher Marc Franusch. Da türmte sich der Abfall insbesondere an den ehemaligen Standorten der Sammelkörbe. Inzwischen hat sich das Müllaufkommen im Grunewald halbiert. Sukzessive wird der Abbau der Behälter jetzt in anderen Bereichen fortgesetzt. Ob sich das Konzept aus dem Wald auf die innerstädtischen Parks übertragen lässt, bleibt abzuwarten.

„Für Neukölln ist das kein Thema“, sagt Sven Lenhart, Referent von Baustadträtin Stefanie Vogelsang (CDU). „Unser Natur- und Grünflächenamt ist der Auffassung, das ist nicht der richtige Weg.“ „Wir werden keine Müllbehälter abbauen“, so auch Reinickendorfs Baudezernent Michael Wegner (CDU). Ganz im Gegenteil will man hier das Umweltbewusstsein der Bürger fördern, indem bei einem Pilotprojekt am Schäfersee gezielt Entsorgungsstationen angeboten werden. „In Charlottenburg-Wilmersdorf planen wir nichts Vergleichbares“, betont Klaus Knittel. Der Leiter des Amtes für öffentliches Bauen hält es für „problematisch“, die Bürger plötzlich mit ihren Abfällen sich selbst zu überlassen, zumal das Müllproblem „explosionsartig zugenommen“ habe.

Als „sehr radikale Maßnahme“ bezeichnet der Tempelhof-Schöneberger Baudezernent Gerhard Lawrentz (CDU) das Vorgehen seines Kollegen Röding. Trotz knapper Mittel will er die Entsorgung weiter gewährleisten. „Ich fürchte sonst landet noch mehr Müll im Park“. In Treptow-Köpenick sieht Baustadtrat Michael Schneider (PDS) das Spandauer Projekt ebenfalls skeptisch. „Für uns ist das kein gangbarer Weg, so wird der Müll nur viel großflächiger verteilt“, sagt er. Ein Modellprojekt will dagegen Stadtrat Uwe Stäglin (SPD) demnächst in Steglitz-Zehlendorf starten. Gemeinsam mit einer „Agenda 21-Initiative“ soll der geeignete Park festgelegt werden, in dem die Aktion dann mit ausführlicher Bürgerinformation begleitet wird. Die Spandauer Aktion ist „zu begrüßen“, findet der Leiter des Straßen- und Grünflächenamtes von Mitte, Harald Büttner. Auch hier gebe es Grünanlagen, die geeignet erscheinen. „Noch sind wir nicht so weit“. Voraussetzung sei auch ein Einvernehmen zwischen Politik und Bevölkerung.

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