Zeitung Heute : Alles im Fluss

Thomas Gack[Brüssel]

Die EU-Kommission hat am Mittwoch ihr erstes Grünbuch zur Meerespolitik vorgestellt. Darin warnt sie vor einer Ausbeutung der Ozeane. Welche Gefahren drohen den Weltmeeren in Zukunft?


Noch liegt die EU weltweit ganz vorne, wenn es um die wirtschaftliche Nutzung der Meere geht. Jeder zweite EU-Bürger lebt in einem Küstengebiet und aus diesen Regionen kommen zwei Fünftel der gesamten Wirtschaftsleistung. Die Aktivitäten reichen von der Fischerei über die Schifffahrt und den Tourismus bis zur Energiegewinnung. So werden zum Beispiel 40 Prozent der Schiffe, die auf den Weltmeeren unterwegs sind, in Europa gebaut. Und allein mit dem Tourismus, vor allem auf den Kreuzfahrtschiffen, werden jedes Jahr 72 Milliarden Euro umgesetzt.

Allerdings ist die Ressource Meer bedroht. Zu diesem Schluss kommt das erste Grünbuch der EU zur Meerespolitik, das Kommissionspräsident José Manuel Barroso am Mittwoch in Brüssel vorstellte. Demnach ist die Schifffahrt eine der Hauptquellen der Luftverschmutzung in Europa. Die Emission von Treibhausgasen durch Schiffe liegt bereits jetzt höher als die gesamte Emission des Flugverkehrs in der EU. Steuert die Politik hier nicht entschieden gegen die absehbare Entwicklung, wird die Luftverschmutzung durch Schiffe im Jahr 2020 sogar höher sein als alle TreibhausgasQuellen an Land zusammengenommen. Das hätte verheerende Folgen für die europäische Klimapolitik.

Meeresbiologen fürchten außerdem, dass die Überfischung der europäischen Gewässer bald zur Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen ganzer Küstengebiete führen wird. Noch arbeiten in der EU 526 000 Menschen im Fischereisektor, noch hat die EU den größten Markt für verarbeitete Fischerzeugnisse. Gelingt es nicht, zu einer nachhaltigen Fischereipolitik überzugehen, ist ein ganzer Wirtschaftssektor in Gefahr – und mit ihm die Verarbeitungsindustrie, der Schiffbau, die Wartungs- und Ausrüstungsbetriebe. „Die beschleunigte Abnahme der biologischen Vielfalt der Meere durch Umweltbelastungen, Auswirkungen des Klimawandels und Überfischung sind Warnsignale, die wir nicht ignorieren können“, heißt es in dem Grünbuch.

Aus diesem Grund strebt Barroso eine gemeinsame Meerespolitik der Europäischen Union an. Dazu sei eine Koordinierung, beispielsweise zwischen Umweltschutz und Wirtschaftspolitik notwendig. Schließlich spielten Schifffahrt und Häfen im internationalen Handel eine Schlüsselrolle: 90 Prozent des Außenhandels der EU und mehr als 40 Prozent des europäischen Binnenhandels werden nach Angaben der EU-Kommission auf dem Seeweg abgewickelt. „Es geht uns in erster Linie darum, unsere natürliche Ressourcen zu erhalten. Gerade in Zeiten, in denen die europäische Wirtschaft Wachstumsprobleme hat, müssen wir gleichzeitig auch alles tun, um das enorme Potenzial der Meere nachhaltig zu nutzen“, sagte Barroso.

Der EU-Kommission schwebt ein gemeinsames Vorgehen in den Bereichen Seefahrt, Umweltschutz und Hafenpolitik vor. Barroso bemängelte, dass die USA, Kanada und Japan in diesen Punkten viel weiter seien. „Das ist das erste Mal, dass wir überhaupt auf europäischer Ebene darüber nachdenken“, sagte Barroso.

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