Zeitung Heute : Alles in Asche

Eine kleine Familie, eine schöne Wohnung – dann kam das Feuer. Möbel verbrannten, Kleider, Bücher, Dias, der Lieblingsteddy. Und die Versicherung will nicht zahlen.

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Von Cornelia Heim 28. Januar 2006 . Es ist Sonnabend, vier Uhr nachmittags: Wir sind vom Schlittschuhlaufen zurück und Jesper (sechs) badet. Plötzlich rieseln schwarze Flocken auf uns. Aus dem Heizstrahler im Bad schnellt eine Stichflamme hervor. Ich ziehe am Zugseil, der Strahler geht aus, die Flamme sackt zusammen. Der Spuk, so scheint es, ist vorbei.

Fünf Minuten später ist in unserem Leben nichts mehr, wie es war.

Im Kinderzimmer ist Jesper fast fertig mit Anziehen. Da höre ich ein lautes Knistern. Ich renne in den Flur: Rauch quillt aus dem Bad. Tausend Gedanken in einer Sekunde. Nach außen dringt: „Feuer, Feuer, Feuer!“, hysterisch. Unser Sohn rennt raus, mit nackten Füßen in den Schnee. Die Nachbarn von gegenüber reißen die Türe auf. Ich greife die Dokumentenmappe, den Geldbeutel, schmeiße alles vor die Tür, hetze nach unten. Wo ist das Kind? Zerre es in die Nachbarwohnung. Wir füllen Eimer mit Wasser, versuchen zu löschen. Der Junge weint. Endlich, die Feuerwehr. Irgendwann steht der Einsatzleiter vor mir. „Ihre Wohnung ist unbewohnbar, voller krebserregender Schadstoffe. Fassen Sie nichts an, holen Sie nichts heraus. Die Kriminalpolizei wird Ihre Wohnung versiegeln.”

Muss mich setzen, spüre mit einem Mal die Kälte. Was wird aus uns?

Freunde nehmen uns mit, kochen Spaghetti mit Tomatensoße. Gegen ein Uhr nachts kommt mein Mann zurück. Als es bei uns brannte, hat Jochen weit entfernt seinen Bruder beerdigt. Wir schlafen zu dritt in einem Bett. Die Nähe tut gut.

29. Januar . Es ist Sonntag. Jochen bringt ayurvedischen Glückstee vom Bäcker mit. Er findet, wir hatten genug Pech. Seitdem trinke ich täglich eine Tasse davon. Wir fahren zum Hauptbahnhof. Dort haben Geschäfte sonntags geöffnet. Kaufen das Nötigste: Zahnbürsten, Winterstiefel.

2. Februar . Gestern war die Polizei da. In ihrem Protokoll wird stehen: „Eigenverschulden nicht feststellbar.“ Heute muss ich in die Wohnung, die ich bisher gemieden habe wie eine ansteckende Krankheit. Männer wühlen in unseren Sachen. Brandsanierer. Sie packen ein, was zu gebrauchen ist. Dann muss renoviert werden. Drei Männer arbeiten ohne Schutzkleidung. Ich ziehe einen Einmalschutzanzug und die Atemmaske über. Wie ein Alien bewege ich mich von Raum zu Raum, spüre keine Nähe mehr. Die Diele ist schwarz und voller kaputter Dinge. Dias aus gemeinsamen Urlauben: Seychellen, Australien, Amerika, mehr als 200 Konzerttickets: Genesis 1977, Pink Floyds „The Wall“-Tour 1981, Bob Marley in Kassel, die Stones im Wembley-Stadion, Peter Gabriel 1987 im Madison Square Garden. Ein Teil von einem selbst, weg, aus der Seele amputiert.

Im Bad: Handtücher, Handy, Teppich – alles Kohlenstaub. Mein Schmuck, der erste Ring von Jochen, weg. Die Decke muss abgestützt werden, latente Einsturzgefahr, die Nachbarn über uns mussten ihre Wohnung verlassen. In der Küche die Reste vom Frühstück, der Mohnkuchen vom Biobäcker, von einer dunklen Rußschicht überzogen. Unser Zuhause ein abstoßender Fremdkörper. Das Kinderzimmer: die Kuscheltiere, Robbie, die weiße Lieblingsrobbendame, nicht sanierungsfähig, die Brio-Bahn ausrangiert. Das Feuer hat keine Rücksicht genommen auf Sentimentalitäten. Die Männer hier tun es auch nicht. Es ist kalt.

8. Februar . Vor dem Haus steht ein Container, gefüllt mit unseren Sachen. Angekokelt, schwarz. Passanten bedienen sich. Meine Mutter sagt, das ist wie nach dem Krieg. Ein Freund hat seine kleine Wohnung geräumt. Tütenweise schleppen wir Einkäufe heran: vom Fön bis zu den Schienbeinschonern, bestellen Matratzen, Hochbett, Waschmaschine – die Euros rinnen durch die Finger.

Wir kriegen’s ja wieder. Tun wir doch? Ich funktioniere. Bin stark, wenn der Sohn Angst zeigt. Arbeite. Abends schreiben wir Listen: Totalschadens- und Übernahmelisten. Geld haben wir noch nicht bekommen von der großen norddeutschen Versicherung, die alles unbürokratisch regeln will. Die Eltern helfen. Nachts schlaflose Stunden. Tags recherchiere ich bei Baubiologen und Verbraucherschützern die gesundheitlichen Nachwirkungen eines Brandes und merke, wie mir der Gedanke immer weniger gefällt, in unsere alte Wohnung zurückzugehen.

14. März . Unser Hausrat ist gereinigt. Zur Abnahme Treffen in einem Lager mit den Brandsanierern L. und M. sowie dem Schadensbeauftragten unserer Versicherung, Herrn Q. In einem Flachbau liegt unser Hab und Gut in der linken Ecke. Macht nicht viel her. Wir halten die Nase dran. Die Experten sagen, wenn man den Brand nicht mehr rieche, sei alles gut. Sie sagen auch, oft rieche man etwas, weil das Gehirn traumatische Erlebnisse speichere. Also schnüffelt Jochen, der war ja nicht da. Fernseher, Sofas, Kleidung sind beim Elektrosanierer oder in der Textilreinigung. Es hängt ein ganzes Gewerbe an so einem Brand. Alle zehn Minuten brennt in Deutschland eine Wohnung. Brandursache Nummer eins: durchgeschmorte Kabel. Unser Bauernschrank steht in der Ozonkammer. Ozon soll die Rußpartikel zersetzen. Am leichtesten zu sanieren ist Geschirr. Da reicht ein Gang in der Spülmaschine. In offenporige Oberflächen wie unlackierte Hölzer zieht Ruß, und am Ruß haften Schadstoffe, vor allem polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe. Früher habe ich Kleider nicht in die chemische Reinigung gebracht, aus Sorge vor giftigen Substanzen und Schadstoffen.

27. März . Endlich. Wir bekommen einen ersten Vorschuss von der Versicherung. Ich stutze. Auf der Überweisung steht: „Zahlung unter Vorbehalt.“ Ach ja, die Kosten für den Brandsanierer gehen von unserer Versicherungssumme ab. Das ist uns neu. Wie so vieles.

13. April . Morgens klingelt das Telefon. Herr G. von der Kriminalpolizei. Der Staatsanwalt habe ein Ermittlungsverfahren eröffnet. Mir schwirrt der Schädel. Wieso? „Er verdächtigt Sie der fahrlässigen Brandstiftung.” Mich? Was? Ich sage, was man im Fernsehen so sagt: „Ohne meinen Anwalt äußere ich mich nicht.” Ich bin doch das Opfer! Ohne meinen Anwalt. Habe ich denn einen?

Wochen später erfahre ich, wie ein Gutachter, bestellt von der Gebäudeversicherung der Vermieterin, den Brandhergang rekonstruiert: Die Badezimmertür sei mit dem Heizstrahler „in Überdeckung geraten“, so dass die daran hängenden Handtücher sich entzündeten. Brandursache sei also der mangelhafte Sicherheitsabstand von Tür zu Heizstrahler. Fahrlässigkeit. Wieder komme ich mir vor wie im Film. Die Tür konnte den Strahler überhaupt nicht berühren. Und es hingen auch keine Handtücher daran. Will mich wehren. Nur wie? Der Gutachter heißt es, sei unabhängig. Er bekommt sein Geld aber von den Versicherungen.

1. Mai. Die verseuchte Wohnung ist renoviert. Wir ziehen trotzdem nicht ein. Wir haben was Neues im selben Viertel gefunden. Wir wollten den Neustart. Vor allem für den Sohn, der immer noch nicht alleine in ein Badezimmer geht. Der Neuanfang motiviert, er kostet aber auch. Und immer noch kein weiteres Geld von der Versicherung.

22./23. Mai . Einzug ins neue Zuhause. Das Restgut kommt zurück. Manches stinkt immer noch. Lieb gewonnene Dinge fehlen. Der Bauernschrank wird lackiert, um den Brandgeruch zu versiegeln. Ein ständiges Prioritätensetzen. Was ist noch wichtig? Erst die Zwangsentrümpelung – und nun werfen wir selber weg. Dinge, die wir einst wie Schätze hüteten. Unsere Bücher riechen nach der Katastrophe, von der wir die Nase voll haben. Raus damit.

24. Mai . Wir baten per Mail die Versicherung um weitere Schadensbegleichung, die Kosten laufen uns davon. Herr Sch. schreibt, sie hätten uns bereits per Post mitgeteilt, dass sie ihre Zahlungen einstellen würden, solange das Ermittlungsverfahren laufe. Den Brief haben wir nie erhalten. Kein Geld, und jetzt? Die Eltern, wieder mal.

6. Juli . Brief der Gebäudeversicherung der Vermieterin: Sie erhebt Schadenersatzansprüche. Die Sanierung unserer alten Wohnung sowie der über uns und die Renovierung von Teilen des Treppenhauses soll ich bezahlen. Schließlich könne man nicht mehr ausschließen, dass ich eine Mitschuld am Brand trage. Nein. Nein! NEIN! Ich hole fortan keine Post mehr aus dem Briefkasten.

1. August . Die Polizei hat Jochen als Zeugen einbestellt. Er soll eine Aussage machen, über die räumlichen Gegebenheiten im ehemaligen Badezimmer. Bevor er aussagt, weist ihn der Polizeibeamte darauf hin, dass der Staatsanwalt mitteilt, wenn er bei seiner bereits schriftlich gemachten Behauptung bliebe, würde er vom Zeugen zum Beschuldigten. Jochen bleibt bei unserer Darstellung. In der Akte finden sich Fotos des Gutachters, die unsere Badezimmertür tatsächlich in Deckung mit dem Heizstrahler zeigen. Ein Schock. Dann fällt Jochen auf: Die Tür ist gar nicht an ihrem Platz, hängt nicht in der Angel. So läuft das also? Unsere Wahrheit: Altbauwohnung, alte Stromkabel, Kurzschluss, Brand.

22. August . Jesper wird eingeschult. Wir treffen den Nachbarn, der am Unglückstag als Erster zu löschen begann. Er sagt: „Blödsinn, die Tür hat noch gar nicht gebrannt.“ Ich informiere den Anwalt. Der beantragt sofortige Zeugenvernehmung.

13. September . Kurzes Schreiben der Staatsanwaltschaft: Das Ermittlungsverfahren wird eingestellt. Wir überlegen, den Gutachter zu verklagen, wegen des Verdachts auf Falschaussage. Doch ich will nicht mehr. Ich will nur noch, was uns zusteht, und dann Ruhe.

2. November . Das Abschlussgespräch mit der Hausratversicherung. Wir einigen uns mit Herrn Q. auf eine faire Summe, alles wird notiert und unterschrieben. Das Geld, verspricht er, wird spätestens Ende nächster Woche auf unserem Konto sein, Herr Q. hat Prokura. Am Abend stoßen wir mit Sekt an. In unserem neuen Wohnzimmer, in dem nur das Sofa von damals ist. Das Böse sei besiegt, glaubt Jochen. Ich sage: „Ich habe kein gutes Gefühl.“

14. November . Immer noch kein Geld da. Mailanfrage an Herrn Q. Keine Antwort.

17. November . Eine Mail von Herrn Sch. Man fordere die Ermittlungsakte noch mal an, wir hätten sicher Verständnis, dass man bis dahin keine Zahlung vornehmen könne.

20. November . Jochen stellt Herrn Sch. zur Rede. Im Telefonat erklärt dieser, die Versicherung wolle prüfen, ob man eventuell zivilrechtlich gegen mich vorgehen könne. Jochen schreibt zurück, verweist auf die Abschlussvereinbarung, fordert ein Ende der Verzögerungstaktik und binnen 24 Stunden ein Gespräch mit dem Vorgesetzten.

21. November . Tatsächlich, der Chef von Sch., Herr A., ruft an und verspricht, den ihm unbekannten Fall zu prüfen und am nächsten Morgen zurückzurufen.

22. November . Herr A. meldet sich. „Ich könnte jetzt vieles sagen“, sagt er, „aber was ich sagen möchte, ist: Entschuldigung.“ Herrn Sch. sei ein „schrecklicher Irrtum“ unterlaufen. Herr A. versichert, wir würden das Geld sofort erhalten, plus extra Zinsen. Zwei Minuten später kommt ein Fax mit schriftlicher Bestätigung. Zwei Tage später ist das Geld da. Neun Monate und 27 Tage nach dem Brand.

18. Januar 2007 . Unser Versicherungsagent, Herr H., schreibt uns per Mail: Nachdem der Schaden nun beglichen sei, werde uns unsere Versicherung jetzt kündigen.

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