Zeitung Heute : Alles in Farbe

Der Tagesspiegel

DIE TRENDS DER CEBIT 2002 – 13. BIS 20. MÄRZ IN HANNOVER

Von Kurt Sagatz

Als Siemens vor rund drei Jahren das S25-Handy auf den Markt brachte, war der Münchner Konzern seiner Zeit voraus. Zum einen, weil zwar eine WAP- Software vorhanden war, das dazugehörige Netz aber noch fehlte – und später, als das Netz mit einiger Verzögerung endlich stand, die Software veraltet war. Zum anderen, weil das etwas größer als die Konkurrenz daherkommende Farbdisplay zwar fast ein Alleinstellungsmerkmal des Siemens-Handys war, der Wettbewerb solchen Multimedia- Schnickschnack seinerzeit noch nicht als Verkaufsargument erkannt hatte.

Inzwischen kann sich kein Handy-Hersteller und kein Organizer- Produzent diese Zurückhaltung mehr leisten. Zur CeBIT 2002 vom 13. bis zum 20. März in Hannover heißt es nun vielmehr: Alles in Farbe. Fast so wie 1969, als Willy Brandt auf der Funkaustellung in Berlin die Austrahlung des farbigen Fernsehprogramms per rotem Knopf startete. Nun also, im Jahr 2002, geht auch bei den mobilen Digitalprodukten nichts mehr ohne Farbdisplays, denn monochrome Anzeigen scheinen nicht mehr in die bunte Multimedia-Welt zu passen.

Die farbliche Darstellung ist mehr als ein Werbe-Argument für die mit der Absatzschwäche kämpfende Handy- und Computer-Industrie. Farbe ist vielmehr die Voraussetzung für die vielen neuen Funktionen, mit denen man dem Konsumenten den Kauf neuer Endgeräte schmackhaft machen will. Vor allem auf Multimedia-Messaging setzen im Mobilfunksegement die Hardware-Hersteller, Netzbetreiber und Dienste- Anbieter große Hoffnungen. Der Siegeszug der SMS schreit geradezu nach einer Fortführung mit den Mitteln moderner Technik. Nicht mehr nur einfache Textmitteilungen, als 160-Zeichen-Nachricht mit dem dicken Daumen getippt, sondern Bild-Botschaften, Musikgrüße oder später, mit UMTS, spontan aufgenommene Video-Filmchen sollen den SMS-Hype über die nächsten Jahre retten. Zwar werden auf der CeBIT 2002 die Handys der nächsten UMTS-Generation nur vereinzelt zu sehen sein – der Dammbruch dieser Technik steht erst im nächsten Jahr an – doch der Weg steht fest. Nur wenn die Industrie klar machen kann, wofür man die Breitband-Handys braucht, wird UMTS zum Erfolg. Und das geht nur in Farbe. Schwarz-weiße Online-Games oder grobkörnige Monochrom-Bilder als Multimedia- Messages werden im Consumer-Segment bald nur noch schwer zu verkaufen sein. Einziger Schwachpunkt der neuen Handy-Generation könnte indes der Energiehunger der farbigen Displays sein.

Was für die Handys gilt, trifft gleichermaßen für die PDAs zu, die Personal Digital Assistents. Längst sind die Organizer, ob nun mit dem Palm-Betriebssystem oder dem abgespeckten Windows der Pocket PCs, so leistungsfähig wie die Desktop-Computer der vorletzten Generation. Doch was nutzt so viel Leistung, wenn die Fotos nur in Schwarz-Weiß, die Landkarten oder Straßenbilder nur in Monochrom-Grün und die Web-Videos nicht in Farbe auf den Displays erscheinen. Wer die PDAs nur als Organizer zum Verwalten von Adressen und Notizen benutzt, kann darauf verzichten, mobiles Computing hingegen erlaubt keine Abstriche. Gefragt sind hochauflösende Bilder mit der richtigen Farbtiefe. Je größer jedoch die Farbdisplays sind, desto mehr Energie verschlingen sie. Immerhin werden zur CeBIT Geräte gezeigt, die ohne Hintergrund-Beleuchtung auskommen, weil sie das vorhandene Tages- oder Kunstlicht nutzen können.

Bei aller Begeisterung für die neue Multimedialität der kommenden Gerä tegeneration kommt der weiteren Senkung des Energieverbrauchs dennoch eine besondere Bedeutung zu. Mobilität bedeutet nicht nur, dass man auch unterwegs auf möglichst viele digitale Funktionen zurückgeifen kann, sondern auch eine grö ßtmögliche Unabhängigkeit von der Steckdose. Schließlich sollen vor allem die High-End-Organizer oder die neuen tasturlosen Tablet-PCs gerade im professionellen Umfeld eingesetzt werden, wo Arbeitsausfälle wegen schwacher Akkus nicht hinzunehmen sind, egal ob nun in Farbe oder Schwarz-Weiß.

Mehr zum Thema: www.cebit.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!