Zeitung Heute : Alles nur kopiert?

Die Chinesen haben in den 90er Jahren ein ausgedientes russisches Sojus-System gekauft – und weiterentwickelt

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Das Raumschiff, mit dem China heute seinen ersten Astronauten ins All schicken will, ist nach Einschätzung von Experten weitgehend eine chinesische Eigenentwicklung. Allerdings basiere es auf dem sowjetischen SojusTyp. „Es lässt sich mit Recht sagen, dass, wenn die Außenhülle abgenommen wird, ,Made in China’ auf allem innerhalb des Raumschiffs zu lesen ist“, sagt der britische Raumfahrtexperte Phillip Clark. Entgegen der weit verbreiteten Vorstellung, dass China nur alles kopieren kann und diese Art Technologie nicht beherrscht, folgt „Shenzhou 5“ nach Angaben von Experten lediglich den technischen Systemen Sojus und Apollo, statt das Rad neu zu erfinden.

So ist das chinesische Raumschiff größer und leistungsfähiger als etwa der Sojus-Typ. Es besteht aus einem Orbiter, einem Gerätemodul und der Kapsel für die Rückkehr. Anders als Sojus-Raumschiffe hat „Shenzhou 5“ vier Sonnensegel. Damit wird eine bessere Stromversorgung erreicht. Auf 36 Quadratmetern werden 1,3 Kilowatt erzeugt, drei Mal so viel wie bei Sojus und ähnlich viel wie bei dem zentralen Basismodul der russischen Raumstation Mir. Insgesamt ist es 7,8 Tonnen schwer und 8,65 Meter lang.

Nach der Rückkehr der Kapsel kann der Orbiter bis zu acht Monate im Weltall verbleiben, kommt dann von seiner Umlaufbahn ab und verbrennt in der Erdatmosphäre. Er dürfte Ziel des nächsten Fluges werden, da er für Andockmanöver benutzt werden kann. „Es lassen sich mehrere davon verbinden, um eine kleine Raumstation zu bauen“, sagte der unabhängige amerikanische Raumfahrtexperte James Oberg. An der Spitze können optische Instrumente zur Beobachtung der Erde montiert werden. An der Unterseite hat der Orbiter sogar eine Ausstiegsluke für eventuelle Weltraumspaziergänge. In dem hinteren Gerätemodul finden sich das Hauptantriebssystem, der Treibstoff sowie Luft- und Wasservorräte.

Die Landekapsel erinnert noch am ehesten an das Sojus-System. Mitte der 90er Jahre hatte China eine ausgeschlachtete Kapsel in Russland erworben. Doch soll die 3,2 Tonnen schwere chinesische Kapsel mehr als zehn Prozent größer sein und bis zu vier Astronauten Platz bieten. Vor der Landung öffnet sich ein Hauptfallschirm und der Hitzeschild wird abgesprengt. Triebwerke werden gezündet, um die Kapsel abzubremsen. Der US-Raumfahrtexperte Oberg meint: „,Shenzhou’ hat Fähigkeiten, die die US-Raumfahrtbehörde Nasa auch gehabt hat, aber aufgab, als die Raumfähren gebaut worden sind.“ Nach der Katastrophe mit der „Columbia“ im Februar 2003 gäbe es ein Umdenken. „Die Nasa wird sich bewusst, dass sie jetzt ein neues Raumschiff wie die ,Shenzhou’ bauen muss.“ Tsp/dpa

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