Zeitung Heute : Alles nur Masche

In New York eröffnen Strick-Clubs, Armani setzt auf Selbstgehäkeltes – und zehn Millionen Deutsche stricken wieder. Über das Comeback einer Leidenschaft

Ulf Lippitz

Eigentlich wollte sie sich mal ausruhen. Die Gelenke schonen. Aber was kann sie dafür, wenn der Film so langweilig ist?

Chrissie Kiefer arbeitet als Promoterin für das kleine Berliner Musiklabel „Morr Music“. Sie telefoniert viel, betreut Künstler auf Interviewreisen durch die Republik, und gelegentlich legt sie in Clubs auch Platten auf. Als Freunde sie zu einem Kinobesuch überreden, passiert es – und ausgerechnet bei „Der Herr der Ringe", in dem Film, von dem alle sagen, er sei so gut. Mittelerde versinkt im Schlachtgetümmel – und Chrissie Kiefer in Langeweile. Sie rutscht auf dem Sessel hin und her, pocht mit den Fingern auf die Lehne, und schließlich ist es ihr egal. Sie greift in die Tasche und tut etwas, das noch vor zwei Jahren Entsetzen ausgelöst hätte: Sie holt Stricknadeln und ein Wollknäuel heraus. Während die Orks auf der Leinwand Sturm laufen, strickt Chrissie Kiefer eine Mütze.

In den amerikanischen Bestsellerlisten stehen Strick-Bücher zurzeit ganz weit oben. Die Autorin Lily Chin führt sie an mit ihrem Buch „The Urban Knitter", was so viel heißt wie „Der Stadtstricker". Der Titel erinnert an den Namen der großen Bekleidungskette „The Urban Outfitter", der „Stadtanzieher“, und dass sie auch das kann, eine Stadt oder zumindest einen ihrer berühmtesten Bürger einkleiden, das hat Lily Chin vor kurzem in David Lettermans TV-Show bewiesen. Da strickte sie dem Talkmaster einen Pullover in 50 Minuten. So grobmaschig wie der Pulli war, sah er zwar nicht aus, als überstünde Letterman damit den Winter, aber damit hatte ein Trend seine Vorzeigefrau. Mittlerweile berät Lily Chin Designer wie Ralph Lauren.

Was ist passiert? Stricken, das war doch zum letzten Mal in den 80ern öffentlich zu sehen, in Uni-Seminaren und auf Parteitagen der Grünen, definitiv Glamour-freie Zonen. Damals passte das irgendwie gut ins Weltbild. Man war gegen den Konsumterror, gegen die Entfremdung von der Natur und den natürlichen Ressourcen, auch von traditioneller Produktion, und deshalb griff man lieber selbst zu Nadel und Faden.

Aber heute?

Chrissie Kiefer sitzt in ihrem Büro in der Nähe des Helmholtzplatzes. Obwohl das Büro im Erdgeschoss liegt, dringt viel Licht durch die drei großen Fenster. Chrissie massiert ihre Knöchel, raucht eine Zigarette und überlegt, wie sie Rauchen und Stricken simultan bewältigen kann. Sie hat sich das Stricken selbst beigebracht und zwar ganz unbelastet von historischen Vorbildern: Die frühen 80er Jahre, als die Stricknadel noch Symbol der Linken war, hat Chrissie Kiefer wohl behütet als Kind erlebt. Aber derzeit sieht sie das Phänomen allerorten. Hollywoodstars wie Julia Roberts, Hilary Swank und Cameron Diaz, selbst gestandene Männer wie Russell Crowe und John Malkovich teilen ihr Hobby. Und in den Zeitschriften wird in jeder Ausgabe wieder Strick in allen Variationen gezeigt: Strick von Armani, Donna Karan und Marc Jacobs. Vor kurzem erst hat die junge französische Designerin Katherine Pradeau ein Model mit Strickzeug in der Hand auf den Laufsteg geschickt. Und Stefano Gabbana von Dolce & Gabbana erzählte der „International Herald Tribune" doch tatsächlich: „Es gibt nichts Männlicheres als einen großen handgestrickten Pullover, der aussieht, als wäre er von deiner Großmutter gemacht." Warum ist Stricken heute plötzlich sexy?

Stricken, könnte man antworten, ist ein Symbol. Es symbolisiert Widerstand – und zwar Widerstand gegen die bunte Einheitsware der großen Hersteller. Selbst gemachte Kleidung erlebt eine Wiedergeburt in der Zeit der massenhaft gefertigten Pullover, T-Shirts oder Schals. Im Grunde genommen ist das gar nicht so anders als damals in den 80ern. Es passiert nur unbewusster: aus einem leichten Überdruss heraus, nicht als klarer Protest. Und auch didaktisch kommt dabei etwas herum. Für einen selbst gestrickten Schal muss man etwa 30 Euro für die Wolle einkalkulieren. Das verändert Einkaufsgewohnheiten.

Frodo trägt auch Strick

Die 90er waren durch Synthetik-Stoffe geprägt, modern gemacht durch die Vorreiter der Technoszene etwa oder auch durch den Boom von Science-Fiction-Filmen. Heute heißen die Kino-Helden Harry Potter und Frodo, sie sind Grübler und Zweifler, tragen Woll-Schals und Kutten – und es ist auch die Kleidung aus Wolle, die sie menschlich, individuell und sympathisch macht; nicht zufällig hatten die Ausstatter der Ringe-Trilogie in Neuseeland lange nach einer Weberei gesucht, die Umhänge traditionell herstellt und mit historischen Mustern.

Technik schafft zwar Komfort, aber sie garantiert heutzutage keine Sicherheit mehr, im Gegenteil. Das Misstrauen gegenüber ausgefeilter Technik ist nach den Terroranschlägen des 11. September gestiegen. Viele Amerikaner benutzen seitdem beispielsweise keine Fahrstühle mehr, sondern nehmen lieber die Treppe. Und wie in einer Spirale fördern die ökonomische Krise und die Angst vor neuen Terroranschlägen wiederum die Besinnung auf traditionelle Werte – was zu einem Rückzug ins Private führt.

Vor einiger Zeit schon hat die amerikanische Marktforscherin Faith Popcorn den Begriff „Cocooning" geprägt, der für das Sich-Einigeln in den eigenen vier Wänden steht. Symptome sind die abnehmende Zahl der Fernreisen, die schwindenden Umsätze der Restaurants genauso wie der Bekleidungsindustrie. Man trifft sich zu Hause, kocht wieder selbst, lädt Freunde ein. Oder entdeckt eben das Stricken. Beschrieb die Autorin Martina Kessler in ihrem Buch „Langeweile" aus dem Jahr 2001 das Stricken noch als eine Übung in Genügsamkeit und „edler Langeweile", finden Frauen von heute Vergnügen an der Einfachheit. Die Welt um uns herum ist kompliziert genug.

Vielleicht hängt die Lust an der Wolle aber auch mit den Produktionsbedingungen dieser Zeit zusammen. Wer arbeitet heute schon noch von Anfang bis zum Ende an einem Produkt? Die Anthropologin Paige West interpretiert das wachsende Interesse daran, selber etwas herzustellen, als archaischen Wunsch der Städter, die Früchte ihrer Arbeit zu ernten. Und da gibt es eben ein bisschen Befriedigung, wenn man sieht und fühlt, wie Mütze oder Schal aus eigener Kraft fertig werden. Außerdem fasst sich Wolle gut an. Eine CD ist zum Kuscheln ungeeignet.

Draußen, das ist die harsche und unübersichtliche Realität. Drinnen regiert die Sehnsucht nach der eigenen Façon. Der Trend zum Selbermachen hat der Strickindustrie Umsatzzuwächse von mehr als 20 Prozent beschert, sagt Gert Eberhardt. Er ist Geschäftsführer der „Initiative Handarbeit“, eines Vereins der Strickwarenbranche. Vom „unnatürlichen Boom" der späten 70er Jahre sei Deutschland zwar weit entfernt, aber nun habe sich der Markt auf einem guten Niveau eingependelt, mit Mädchen und jungen Frauen als der am schnellsten wachsenden Fangruppe. Rund zehn Millionen Deutsche, so hat das Umfrageinstitut Emnid ermittelt, stricken. Und etwa 500 000 kommen jedes Jahr hinzu.

Pulswärmer mit rosa Rüschen

Als Chrissie Kiefer vor fünf Jahren damit anfing, hatte sie nur eine Motivation: Sie wollte „eigenes Zeug" machen, Sachen, die man nicht überall finden kann. Keine Frage, das ist eine Typsache, es wird vermutlich nicht jeder zum Stricker geeignet sein – vielleicht am ehesten Menschen, die lieber zuerst über den Flohmarkt wandern, wenn sie ein – möglichst individuelles – Möbelstück oder eine Lampe brauchen. So ging Chrissie Kiefer also in Woll-Läden, besah sich verschiedene Sorten, kaufte Schnittmuster. Und stellte zu Hause erst einmal fest, dass sie die Muster gar nicht lesen konnte. Aber mit der Zeit lernte sie die Tricks: dass zum Beispiel dickes Garn besser zu verarbeiten ist als dünnes, weil man die Fehler nicht so schnell sieht.

„Noch komme ich mir vor wie ein Exot", sagt Chrissie Kiefer. „Aber wenn ich auf Promo-Touren mein Strickzeug raushole, passiert immer dasselbe: Erst werde ich belächelt – und dann kommen die ersten Anfragen." Die Leute wünschen sich extra-lange Pulswärmer mit silbernen Streifen und rosa Rüschen, Pullover, auf denen der Name eingestrickt ist oder weiße Handschuhe mit Firmenlogo in Gold. Ihr größter Erfolg waren mit Fleece gefütterte Fäustlinge. Damit, erzählt sie, habe sie das Herz ihres neuen Freundes erobert.

Chrissie Kiefer arbeitet Tag für Tag mit Mobiltelefonen, Computern und Digitalkameras, in einer schnellen Welt. Stricken hat da etwas fast Meditatives. „Stricken macht süchtig", sagt Chrissie Kiefer. „Ich sitze da und denke: okay, noch eine Reihe und dann noch eine Reihe. Und dann ist es plötzlich vier Uhr morgens." Im Gegensatz zu vielen amerikanischen und britischen Frauen strickt sie allerdings am liebsten allein. Strickerinnen-Kollektive wie im jüngst eröffneten New Yorker „Knit Café" oder dem Londoner „Cast Off Club" sind ihr fremd. Dort versuchen sich Frauen an zweckfreien Woll-Lippenstiften oder Handytaschen aus Wolle.

Im Moment pausiert Chrissie mal wieder. Die Handgelenke schmerzen vom vielen Stricken, und ihr Nacken ist ziemlich verspannt. Wenn sie wieder anfängt, muss sie mit leichtem Training einsetzen. Sie muss aufpassen, dass sie nicht wieder das Strickzeug ins Kino mitschleppt, dass einfach die Begeisterung nicht überhand nimmt – wie das den Lehrern im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh passiert ist. Weil die mehr am Stricken als am Unterrichten interessiert schienen, erließ die Bildungsministerin im vergangenen Sommer ein striktes Strickverbot. Die Lehrer drohten mit Streik.

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