Zeitung Heute : Alles Plastik

Christoph Marschall

Wie weit reicht Europa? Die Frage lässt sich nicht anhand eines Filmes beantworten. Sie gehört aber zur folgenden Geschichte: einer Geschichte geweckter Erwartungen und merkwürdiger Missverständnisse.

Kino ist hochpolitisch, kann Identität stiften, jedenfalls in Osteuropa. Der Sturz des Kommunismus hat den Bedarf an Ideologie sogar verstärkt - an einer neuen, nationalstaatlichen. In Polen wurden in den letzten Jahren die berühmtesten Klassiker neu verfilmt. "Mit Feuer und Schwert" sowie "Pan Tadeusz" zeigen mit Selbstironie ein versöhnlicheres Bild der "Erzfeinde" Russland und Ukraine. Den Code können auch Westeuropäer verstehen, die wenig von Polens Geschichte wissen, und sich dabei noch gut amüsieren.

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Und nun der außer Konkurrenz laufende ukrainische Beitrag "Gebet für Hetman Mazepa". Der Berlinale-Palast ist am späten Freitagabend zu zwei Drittel gefüllt, mehrheitlich mit Ukrainern. Nach und nach gehen viele deutsche Gäste. Am fehlenden Verständnis der Historie wird es nicht gelegen haben, die wird erklärt: Mazepa steht für eine kurze Periode relativer ukrainischer Souveränität Anfang des 18. Jahrhunderts. Im russisch-schwedischen Krieg 1708/09 verbündet sich Hetman mit Schwedenkönig Karl XII., um die volle Unabhängigkeit von Moskau zu erreichen. Zar Peter der Große siegt in der Schlacht von Poltava und rächt sich grausam.

Es ist die wilde Abfolge mystifizierender Bilder, die irritiert, die fast rauschhafte Darstellung von Gewalt und Vergewaltigung, die theatralischen Szenen, die übertrieben, und die opulenten Inszenierungen, die doch billig wirken mit den falschen Juwelen und gold übermalten Trauben, die den Charme von Plastik ausstrahlen. Dazu eine verwirrende Kameraführung, die Schwindel auslöst. Unnötig oft ist nackte Haut zu sehen - stellt man sich in Kiew so Westkino nach der sexuellen Befreiung vor?

Die Ukraine als die wehrlose Schönheit, die in der Geschichte immerfort von bösen Nachbarn vergewaltigt und ausgeplündert wurde, vor allem von den Russen. Deren Schicksal so ungerecht ist, dass selbst Verrat in den eigenen Reihen eher aufgezwungen als selbstverschuldet ist. "Gebet für Hetman Mazepa" ist eine politische Standortbestimmung im Jahr zehn der Eigenstaatlichkeit. Und dafür erstaunlich antirussisch und mit erschreckend wenig Distanz zur eigenen Rolle.

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