Zeitung Heute : Alles Roger?

Nun geht er zu Springers „Welt“: Roger Köppel ist 38 Jahre alt, Chefredakteur der Schweizer „Weltwoche“, sein Herz schlägt rechts. Seine Feinde rühmen seine Kreativität. Seine Freunde sagen, er könnte an seiner Kälte scheitern.

Stephan Lebert[Zürich]

Chefredakteur Köppel sagt, er mag am liebsten dramatisch erzählte Geschichten, „bei denen man nicht mehr aufhören kann zu lesen“.

Dann versuchen wir das mal.

An diesem grauen Züricher Morgen kommt Roger Köppel direkt aus der Klinik. Seine Freundin ringt dort mit dem Tod. Er sagt, irgendeine Infektion, „keiner weiß, was es genau ist. Unglaublich, was einem diese Ärzte alles erzählen.“ Er sagt auch: „Das wäre auch mal eine Geschichte: Wie Ärzte reden“.

Wir treffen uns um 9 Uhr 30 am Eingang des Verlagshauses, das in einem sehr hässlichen Industriegebiet liegt, ein paar Kilometer abseits vom Zentrum. Glück gehabt, sagt ein Kollege von Köppel, denn manchmal verabrede er sich schon morgens gegen sieben Uhr. Der sei nämlich ein Verrückter, der um vier Uhr aufstehe und als Erstes zwei Stunden rudere auf irgendeinem See. Köppel sagt, Unsinn, was da alles immer für ein Quatsch über ihn erzählt werde. Was er häufig tue, sei lediglich joggen, morgens so um sechs Uhr. Wenn er das sagt, klingt es so wie: Was halt jeder so macht. Wir stehen am Aufzug. Jung sieht er aus, jünger als seine 38 Jahre. Ein schmaler Junge mit Brille und Anzug.

Wer ist Roger Köppel? Er ist Chefredakteur der „Weltwoche“, einer Schweizer Wochenzeitung, in der Bedeutung dort etwa vergleichbar mit der deutschen „Zeit“. Und nun wird der Schweizer Mitte des Jahres Chefredakteur der „Welt“, dem journalistischen Flaggschiff des Verlags Axel Springer in Berlin. Wer nun eine Vorstellung bekommen möchte, was da für einer auf Leser und Redaktion zukommt, der muss sich mit Köppels Geschichte in der Schweiz beschäftigen. Als er vor drei Jahren anfing, stand es schlecht um die „Weltwoche“, die Auflage ging zurück, die jährlichen Verluste von rund acht Millionen Schweizer Franken stellten die Zukunft des Blattes akut in Frage. Der bisherige Besitzer gab auf und verkaufte an eine Eigentümergruppe um den Verleger Jean Frey. Bis heute ist das immer wieder Ursache für Spekulationen: Wer sind die Besitzer der „Weltwoche“?

Drei Jahre später. Roger Köppel hat der „Weltwoche“ ein neues Format verpasst, aus der großen Zeitung wurde ein kleines Magazin. Er hat die interne Ressorteinteilung aufgelöst, macht hochwertigen, einfallsreichen Journalismus. Die Auflage steigt, das Anzeigenaufkommen ist trotz Wirtschaftskrise gewachsen. Die „Weltwoche“ macht wieder Gewinn. Eine Erfolgsstory. Köppel ist im Moment so etwas wie ein Star.

Was diese Figur über eine Medienstory hinaus interessant macht, ist eine Mischung aus berechtigten Vorwürfen und eher emotionalen Behauptungen, die sich um ihn ranken – und die zu einer grundsätzlichen Frage führen: Wie muss heutzutage einer beschaffen sein, der erfolgreich nach der Macht greift? Gibt es im Jahr 2004 so etwas wie einen Prototypen der Macht?

Der Hauptvorwurf lautet: Köppel hat das einst liberale Blatt nach rechts gedreht. Die „Weltwoche“ hat beispielsweise in extremer Weise Partei für den Schweizer Rechtsausleger und Milliardär Blocher ergriffen, diesen höchst umstrittenen Politiker, der in Sachen Wirtschaft ein scharfer Neoliberaler ist, und auch gerne mit ausländerfeindlichen Ressentiments spielt. Köppel hat sich persönlich kurz vor der Wahl ausdrücklich für Blocher ausgesprochen. Nach dessen Sieg führte Köppel ein großes Gespräch mit ihm. Das Thema Ausländerfeindlichkeit wurde nicht mal erwähnt.

Aus Prinzip dagegen

Ach, sagt Roger Köppel, darüber würden doch alle Medien immer mit ihm reden, genau deshalb wollte er das nicht tun. Alle Journalisten hätten Blocher von Beginn an verteufelt, „da reizt es mich schon vom Prinzip her, dagegen zu halten“. Wenn er Blocher für einen gefährlichen Mann hielte, ginge das natürlich nicht, „aber das tue ich nicht“. Besonders in der Schweiz gebe es im Journalismus so einen Gleichklang, „alle denken und schreiben immer dasselbe. Einer erklärt etwas für korrekt, und alle folgen ihm“. Das sei sicher ein Grundbedürfnis von ihm: Gegen diesen Mainstream, „gegen diese Art von Denkverbot anzukämpfen“.

Es heißt auch, Köppel habe bei dem altgedienten Italienkorrespondenten Johannes von Dohnanyi eine Titelstory über Berlusconi bestellt, und zwar eine positive, eine, die erklären sollte, warum so viele Italiener Berlusconi toll finden. Ja, sagt Köppel, das stimmt, „ich wollte nicht die tausendste kritische Geschichte über ihn lesen, sondern ich wollte wissen, was ist an dem Mann dran, was ist seine Magie.“ Die Idee der Zeitschrift „Economist“, Berlusconi sozusagen offen den Krieg zu erklären, fand er auch gut, „hätte ich mir auch vorstellen können, ist uns aber nicht eingefallen. Ich hatte eben diese andere Idee“. Richtig ist, dass Dohnanyi diese Geschichte nicht geliefert hat, „weil ich“, sagt der Korrespondent, „einfach keine im Prinzip positive Geschichte über Berlusconi schreiben konnte und wollte.“ Und richtig ist auch, dass Dohnanyi einige Zeit später entlassen wurde. Nein, ruft Köppel, das habe nun gar nichts miteinander zu tun. Die wirtschaftlichen Zeiten seien nun mal schwierig, und „ich musste die Redaktion verkleinern. Ich schätze Johannes von Dohnanyi, aber es musste halt sein.“

Überraschung als journalistisches Prinzip: So findet man andere Zugänge zur Wirklichkeit. Das klingt gut und ist sicher auch ein Grund, warum die „Weltwoche“ zuweilen so lesenswert ist, wenn sie beispielsweise ein ganzes Heft unter das Motto Optimismus stellt. Auf der Titelseite steht: „Kein Grund zur Panik“ – und dann werden fünf Gründe aufgezählt, erstens: „Der Welt geht es besser“, und viertens: „Colin Powell ist noch da“.

Aber müsste „Überraschung“ nicht bedeuten, dass auch, vielleicht etwas überspitzt formuliert, eine positive Geschichte über Fidel Castro erscheint? Im Prinzip sei das durchaus denkbar, aber nein, „ich bin schon ganz klar ein Wirtschaftsliberaler“. Gegen diese Ideologie werde nicht verstoßen. Und, ja, es stimme schon, dass ihn derzeit mehr Themen und Ideen interessieren, die man eher der rechten politischen Ecke zuordnen könne.

Vielleicht ist das ja ein rechter Zeitgeist: Wo man früher gerne gesagt hat, hinter jedem Vermögen steckt ein Verbrechen, fahndet man heute nach dem Guten, Faszinierenden am großen Vermögen, an der wirtschaftlichen Macht.

Er sagt, er orientiere sich sehr stark am angelsächsischen Journalismus. Aber ist es nicht so, dass einer der wichtigsten Leitsätze gerade dieses Journalismus die Kontrolle der Mächtigen sei? Davon redet Köppel nie. Er widerspricht: Kein Blatt habe sich derart mit dem politischen Establishment in der Schweiz angelegt. Und die Großen der Wirtschaft? Über deren Verfehlungen liest man eher weniger in dieser Zeitung. Blocher soll selbst Anteile an der „Weltwoche“ besitzen, zunächst hat er sogar damit kokettiert, dass ihm „höchstens das Kreuzworträtsel gehört“. Heute lässt er verlauten, er sei weder direkt noch indirekt an dem Blatt beteiligt. Kann es aber vielleicht wirtschaftlich für eine Zeitung von Interesse sein, eine gewisse Nähe zu den Konzernen zu suchen? Köppel sagt, er sei zwar ein Vollblutjournalist, aber er möchte nicht völlig ausschließen, einmal auf die Seite der Wirtschaft zu wechseln.

Roger Köppel sitzt in seinem Büro, das bescheidener nicht sein könnte und das er nun bald verlassen wird: ein gläsernes Einzimmerabteil mit Bücherregal und Besucherstuhl, draußen das Großraumbüro. Mit einer Redaktion, die sich stark verändert hat, seit der neue Chef da ist. Reihenweise hat sich Köppel von teilweise sehr prominenten Mitarbeitern getrennt, auf gelegentlich sehr ruppige Art. So soll er diese letzten Gespräche gerne einleiten, er habe zwei schlechte Nachrichten, „die erste: Sie müssen gehen. Die zweite: Und zwar sofort“. Die jahrzehntelange Chefsekretärin, eine Institution des Blattes, brach nach einem solchen Gespräch weinend zusammen. Ja, sagt Köppel, diesen Fall habe er falsch eingeschätzt, er glaube zwar heute noch, er habe ihr einen fairen Auflösungsvertrag angeboten, „aber die emotionale Komponente habe ich nicht gesehen, das war ein Fehler“. Im Ganzen verstehe er aber die Aufregung nicht: Er musste sich aus wirtschaftlichen Gründen von Leuten trennen und auch aus fachlichen, „das ist wie in einer Band, wenn ein Bandleader nicht mag, wie einer der Musiker Gitarre spielt, muss der eben gehen“. Das Schweizer Arbeitsrecht lässt derartige Gedanken leicht in die Tat umsetzen. Wenn er höre, die Stimmung in der Redaktion sei früher besser gewesen, könne er nur antworten, „ja, kann so sein, aber damals hat die Zeitung auch ein paar Millionen Franken verloren“.

Man tritt diesem Mann sicher nicht zu nahe, wenn man feststellt, Einfühlungsvermögen ist nicht gerade seine Stärke.

Er kommt auf den frühen Verlust seiner Eltern zu sprechen, durch Tod und Trennung, er war noch ein kleiner Junge. Natürlich habe ihn das geprägt. Und dann sagt er etwas sehr Eigenes: Er habe sich früh überlegt, ob es nicht auch etwas Positives haben könne, wenn man kein ausgeprägtes persönliches Beziehungsgeflecht habe, wenn man auf eine gewisse Weise wurzellos sei.

Ein Angebot aus Harvard

Köppel hatte ein Angebot, Geschichte in Harvard zu lehren. Doch dann kam das Angebot von der „Weltwoche“, „das hat mich mehr gereizt“. Er sagt, er lese nicht viel Zeitung, sondern hauptsächlich Sachbücher. Machiavelli interessiere ihn, Ian Kershaw, Hans-Ulrich Wehler. Im Moment interessiere ihn besonders die Periode der schottischen Aufklärung. Wenn Romane, dann von Philipp Roth, Friedrich Dürrenmatt, Paul Auster. Filme? Tarrantino, Lawrence von Arabien, Eissturm von Ang Lee. Und die Musik von Miles Davis. Unser Gespräch endet mit dem Hinweis der Sekretärin, er dürfe nicht vergessen, er müsse jetzt mittags einen Vortrag vor einem Züricher Elite-Club halten.

Sogar ihm Wohlgesonnene meinen, er müsse aufpassen, nicht an der eigenen Härte, Kälte zu scheitern. Sogar seine Feinde rühmen seine Kreativität. Ist das alles der Stoff, aus dem sich heutzutage Karrieren entwickeln? Oder ist bei so viel Ablehnung und Kritik der Sturz bereits programmiert? Seine nächste Station bei der „Welt“ wird vielleicht schon bald darüber Auskunft geben.

Schließen wir mit einem Happyend. Die Freundin von Köppel hatte ein paar dramatische Tage in der Klinik zu überstehen. Das ist vorbei, es geht ihr wieder gut.

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