Zeitung Heute : Alles, was auf der Welt ist

Das Museum der Zukunft bietet mehr als ein Naturalienkabinett

Hannelore Hoch

und Ulrich Zeller

Gigantische Dinosaurier, seltsame Versteinerungen und prächtige Mineralien – der erste Eindruck, der sich dem Besucher beim Betreten eines klassischen Naturkundemuseums bietet, ist geprägt vom morbiden Charme vergangener Zeiten und Welten. Die Vielgestaltigkeit der belebten und unbelebten Natur erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Nur wenigen Besuchern wird bewusst, dass in den Magazinen unermessliche Schätze lagern: Das Museum für Naturkunde verfügt über immense Sammlungen von lebenden und ausgestorbenen Tier- und Pflanzenarten.

Allein die zoologische Sammlung des Museums für Naturkunde zu Berlin umfasst etliche Millionen Exemplare. Sie bilden dennoch nur einen winzigen Ausschnitt der heutigen Biodiversität von 30 bis 100 Millionen Arten. Wollte man alle Arten von Tierarten ausstellen, die gegenwärtig auf der Welt leben, müsste das Gebäude wahrscheinlich die Fläche von ganz Berlin einnehmen.

Arten entstehen immer wieder neu und sterben aus. Deswegen ist die Zahl der Arten, die jemals auf der Erde existiert haben, noch viel größer als die Zahl der heute Lebenden. Sie wird auf fünfzig Milliarden geschätzt.

So wird die Erforschung der Geschichte des Lebens ausgedehnt auf die Erforschung der Erde überhaupt. Offensichtlich bot und bietet nur die Erde in unserem Sonnensystem die Voraussetzungen für die langfristige Evolution lebender Organismen. Zweifellos ist hierfür auch die geochemische Grundlage entscheidend. Forscher vermuten, dass die Wechselwirkung von Mineralien mit ihrer Umgebung für die Entwicklung des Lebens ebenfalls von Bedeutung waren.

Naturkundemuseen mit ihren zoologischen, paläontologischen und mineralogischen Sammlungen sind somit Zentren der Evolutionsforschung. Erklärtes Forschungsziel in diesem Zusammenhang ist es auch, die Dynamik biologischer Vielfalt im Wandel von Umwelt und Nutzung besser zu verstehen. Die Stellung des Menschen im Rahmen des Lebendigen wollen Wissenschaftler ebenfalls exakter zu definieren. Die daraus abzuleitenden Handlungsziele bilden die Grundlage für einen verantwortungsvollen, auf Langfristigkeit angelegten Umgang des Menschen mit der Vielfalt des Lebens.

Dieser neuen Idee einer umfassenden Darstellung des Regelwerks der belebten und unbelebten Natur muss eine moderne Konzeption der Ausstellungen gerecht werden. Den Besuchern soll heute weniger etwas präsentiert werden. Vielmehr sollen sie aktiv einbezogen werden in den Prozess der Erkenntnisgewinnung.

Dabei verwischt sich auch mehr und mehr die scharfe Trennung von Schausammlung und wissenschaftlicher Sammlung, die dem Publikum bisher kaum zugänglich war. Das Museum fördert und intensiviert den Kontakt zwischen Publikum und Wissenschaftlern.

Die Planungen für die umfassende Sanierung des Museums orientieren sich bereits an diesen Entwicklungen. So existiert das Naturkundemuseum der Zukunft schon teilweise in der Gegenwart. Es ist alles andere als ein ausschließlich auf Sammeln und Archivieren ausgerichtetes, großdimensioniertes Naturalienkabinett. Es handelt sich um ein modernes Forschungsinstitut, das mit den entsprechenden theoretischen und infrastrukturellen Voraussetzungen ausgestattet ist. Dessen Relevanz für die Beschreibung und damit für die Erhaltung der natürlichen Ressourcen der Menschheit kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Dinosaurier, Fossilien und Mineralien – sie werden auch im Naturkundemuseum der Zukunft ihren Platz haben. Aber nicht als Kuriositäten, sondern als integrale Bestandteile unseres Verständnisses von der Entwicklung der Erde und der Evolution des irdischen Lebens.

Beide Autoren sind Professoren am Institut für Systematische Zoologie .

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