Zeitung Heute : Alles, was ihnen heilig ist

Nach den Anschlägen gegen Schiiten droht im Irak jetzt ein Bürgerkrieg

Susanne Fischer[Bagdad]

Der kleine Junge sieht aus, als schliefe er. Die Hände sind über dem Bauch gefaltet, die Augen geschlossen. Die anderen Opfer im zentralen Leichenschauhaus von Bagdad wirken weniger friedvoll. Ihre Körper sind zerfetzt, verbrannt, von drei Männern sind nur die Köpfe eingeliefert worden. Ein Mann um die 50 verlässt mit versteinertem Gesicht das Gebäude. Er hat gerade seine Schwester identifiziert. Die Wucht der Explosion am heiligen Schrein im Bagdader Schiitenviertel Kadhimija hat ihren Schädel schwer deformiert, ihr Bruder hat sie trotzdem erkannt. Mit leerem Blick nimmt er draußen am Schalter entgegen, mit welchen Papieren er zurückkommen muss, um sie für ihre Beerdigung abzuholen. Nebenan vor dem Krankenhaus des Gesundheitsministeriums ist lautes Wehklagen zu hören. Eine Frau in Schwarz sitzt auf dem Bordstein, schlägt sich mit den Händen auf die Brust, sie ruft: „Amerikaner, warum seid ihr hier? Was tut ihr mit unserem Land?“ Seit dem Morgen, sagt ein Mitarbeiter des Krankenhauses, seien bereits tausende Menschen hier gewesen auf der Suche nach ihren Angehörigen. Sie ziehen von Hospital zu Hospital und schließlich, wenn sie keine Hoffnung mehr haben, zum Leichenschauhaus. 25 Körper warten am Nachmittag dort noch auf Identifizierung.

Wie viele Opfer es gab an diesem schwarzen Tag im Irak, weiß niemand genau. Insgesamt neun Explosionen sollen am Dienstagvormittag fast gleichzeitig Kerbela und Kadhimija erschüttert haben. Zeitpunkt und Orte der Attacken lassen keinen Zweifel, wem die Bluttaten galten: Die Schiiten feierten in Kerbela und Kadhimija Aschura, den zehnten Tag des heiligen Monats Muharram, an dem sie Imam Husseins gedenken. Im islamischen Kalender der Schiiten ist dies einer der höchsten Feiertage. Ist dies der Beginn des lange gefürchteten Bürgerkriegs zwischen den von Saddam unterdrückten Schiiten, die nun an die Macht drängen, und den einst machtvollen Sunniten, die sich an den Rand gedrängt sehen?

So kalkuliert und präzise koordiniert die Doppelanschläge in Kerbela und Bagdad am heiligsten Tag der Schiiten waren, so verworren bleibt auch am Nachmittag noch die Frage der Täterschaft. Anklagen gegen Sunniten sind kaum zu hören. Stattdessen werden ausgerechnet jene, die mit absoluter Sicherheit nicht in Frage kommen, vor dem Schrein in Kadhimija, in den Krankenhäusern, auf den Straßen verantwortlich gemacht: „Amriki! Amriki!“, brüllen die Menschen, Amerikaner steckten dahinter. Denn nur sie, so die krude Argumentation der Wütenden, hätten die technische Möglichkeit zu solch einer verheerenden Anschlagsserie, könnten Bomben, Raketen, Panzerfäuste unbemerkt in die Nähe der Moscheen bringen.“

Polizeisergeant Faleh Basary, Chef der Einheit, die den Schrein von Kadhimija bewachen sollte, hat Glück gehabt. Er wird im Jarmuk-Krankenhaus nur wegen eines gebrochenen Fußes behandelt. Im Chaos am Ort der Explosion fuhr ihn ein Auto an, als er gerade eine Verwundete barg. „Ich habe genau gesehen, was passiert ist“, behauptet er. Aus einem Hotel gegenüber vom Schrein seien drei Panzerfäuste auf das Heiligtum abgefeuert worden. Andere Verletzte im Krankenhaus wollen Selbstmordattentäter gesehen haben, wieder andere berichten von Sprengsätzen, die am Boden explodiert seien. Hat die Polizei das Hotel gestürmt? „Wir wollten, aber die Badr-Brigaden haben uns nicht gelassen. Und dann kamen die Amerikaner, die Badr-Männer eröffneten das Feuer auf sie, und alles ging nur noch durcheinander.” Die Badr-Brigaden sind der bewaffnete Arm der Schiitenpartei „Oberster Rat für die Islamische Revolution im Irak“. Immer häufiger stellen sie, an Universitäten, vor Moscheen, bei öffentlichen Versammlungen, das Sicherheitspersonal. Auf die neue Polizei verlässt sich im Irak niemand gern. Den Anschlag aber konnte auch die Schiiten-Miliz nicht verhindern.

Egal, wer dahinter steckt, ihr mutmaßliches Ziel haben die Anschläge schon erreicht: Angst, Misstrauen, Hass zu säen. Hass auf die Amerikaner, aber auch zwischen Sunniten und Schiiten.

Allen Anschlägen auf US-Truppen, Polizeiwachen, Botschaften zum Trotz ist das Schlimmste, was dem Irak geschehen kann, bislang ausgeblieben: ein Bürgerkrieg. Solange die radikalen Sunniten ihre Anschläge vor allem gegen die Besatzer richten und die schiitischen Führer ihre gut organisierte Anhängerschaft unter Kontrolle halten, bleibt die brüchige Ruhe erhalten. Aber nach dem Mordanschlag auf Ajatollah Bakir al Hakim im September ist dies nun der zweite, vom Symbolwert her kaum zu überbietende Angriff auf alles, was den Schiiten heilig ist. Umgekehrt kam nach dem Sturm auf eine Polizeiwache im sunnitischen Falludscha vor ein paar Wochen das Gerücht auf, am Tatort seien Ausweise der schiitischen Badr-Brigdaden gefunden worden.

Das Misstrauen zwischen den beiden Gruppen ist groß, und Anschläge wie die von gestern könnten es in offenen Hass umschlagen lassen. Schon seit Wochen warnen intern US-Militärs vor einem steten Aufrüsten und einer Radikalisierung schiitischer Gruppen, die mit Vergeltungsschlägen auf ihre mutmaßlichen sunnitischen Gegner einen Bürgerkrieg auslösen könnten.

Was zur Frage zurückführt: Wer steckt dahinter? Aller Wahrscheinlichkeit nach radikale Sunniten, die Al Qaida ideologisch nahe stehen. Ein demokratischer, US-freundlicher, nicht streng islamisch regierter Irak, der von einer schiitischen Mehrheit regiert wird, ist das Letzte, was sie wollen.

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