Zeitung Heute : Alles, was Recht ist

Im EFB-Masterstudiengang lernen Pädagogen und Sozialarbeiter, mit Kinderarbeit, Erniedrigung von Frauen und Zwangshochzeiten umzugehen

Nellie Krickhahn

Kinderarbeit in indischen Steinbrüchen, Beschneidungen von Mädchen in Äthiopien, Zwangsheiraten – wer an missachtete Menschenrechte von Kindern und Jugendlichen denkt, hat Bilder aus fernen Ländern vor Augen. „Dabei gibt es auch in Deutschland Minderjährige, die ihre Kinderrechte nur mit Einschränkung genießen“, sagt Brigitte Wießmeier, Professorin an der Evangelischen Fachhochschule Berlin (EFB). Sie denkt dabei an vagabundierende Flüchtlingskinder sowie an Kinderehen und Zwangsheiraten. Die sind in Deutschland zwar offiziell verboten, werden aber dennoch geduldet.

„Hier ist die Gesetzgebung gefordert. Es kann nicht sein, dass die Bundesrepublik einerseits die Kinderrechtskonvention unterschreibt, sich aber nicht daran hält“, sagt Wießmeier. Der Studiengang „Master of Social Work - Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession" greift diese Thematik auf und will sie in der wissenschaftlichen Lehre und in die Berufspraxis einfließen lassen. Konkret heißt das: „Sozialarbeiter dieser Fachrichtung können dafür sorgen, dass die Menschenrechte umgesetzt werden.“

Aufgrund ihrer bisherigen Ausbildung sind Sozialarbeiter keineswegs Profis auf dem Gebiet der Menschenrechte. Mit dem neuen Studiengang, der im Mai 2005 akkreditiert wurde, soll sich das ändern. 100 Sozialarbeiter haben die Chance bislang genutzt, bereits der fünfte Jahrgang hat sich zum Studium eingeschrieben. Die Ausbildung ist über deutsche Grenzen hinaus populär: Viele Studierende kommen aus dem deutschsprachigen Ausland. Denn weder in Österreich, noch in der Schweiz gibt es einen derartigen Lehrgang. Ein Mammutprojekt, das vier Berliner Hochschulen gemeinsam stemmen: Neben der EFB beteiligen sich auch die Alice Salomon Fachhochschule (ASFH), die Katholische Hochschule für Sozialwesen (KHSB) und das Institut für Rehabilitationswissenschaften der Humboldt Universität an dem Angebot.

Voraussetzung für diesen berufsbegleitenden Masterstudiengang sind ein erster Studienabschluss und mindestens zwei Jahre Berufserfahrung. Ein Drittel aller Studierenden kommen aus dem Bereich Frauenarbeit, ein weiteres Drittel arbeitet mit Behinderten. Anne Thiemann hatte sich nach zehn Jahren Berufstätigkeit zum Pilotstudiengang immatrikuliert. Sie sammelte Erfahrungen in beiden Fachbereichen: Sowohl in der Jugend-, als auch in der Frauenarbeit. „Als ich meine letzte Stelle verloren hatte, interessierte ich mich wieder für wissenschaftliches Arbeiten“, sagt die 43-jährige Sozialarbeiterin. „Dabei hat mich vor allem gereizt, dass die Ausbildung Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession sehr breit angelegt ist.“ Dass es diesen Studiengang überhaupt gibt, geht auf das Engagement der inzwischen 71-jährigen Sozialarbeiterin und Hochschullehrerin Silvia Staub-Bernasconi zurück.

Menschenrechtsbildung hieße, Wissen über die besondere Situation von gefährdeten Gruppen in der Gesellschaft zu erlangen, schreibt die Dozentin Staub-Bernasconi in einem Aufsatz. Die sozialen Rechte der Randgruppen zu thematisieren war ihr ein großes Anliegen. 1998 kam die Schweizerin als Professorin an die TU Berlin, seit 2002 ist sie Lehrgangsleiterin und Koordinatorin des Studiengangs Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession. Als Vorsitzende des „Zentrums für postgraduale Studien Sozialer Arbeit“ hat sie den Masterstudiengang maßgeblich konzipiert. Das auf vier Semester angelegte Studium gliedert sich in sechs Module mit insgesamt 18 Lehrveranstaltungen, die berufsbegleitend in der Regel als viertägige Blockseminare angeboten werden. Im fünften Semester wird die Thesis erstellt, die später eine Basis für die wissenschaftliche Dissertation sein kann.

„Wir stehen mit der Verbindung von Sozialer Arbeit und Menschenrechtsprofession noch ganz am Anfang“, sagt Anne Thiemann. „Aber das Studium sensibilisiert dafür, zu sehen, was nicht in Ordnung ist.“ Die Menschenrechte sollten als Grundlage dafür dienen, eine Welt mit gemeinsamen Wertmaßstäben zu schaffen. Heute arbeitet die Absolventin im Deutschen Institut für Menschenrechte. Dort bildet sie Pädagogen und andere Fachkräfte aus, entwickelt Lehrmaterial und versucht das Thema auch an außerschulischen Orten bekannt zu machen: in Jugendclubs etwa. „Wirklich gesucht werden wir Absolventen momentan leider nicht“, sagt Thiemann. „Das gibt der Arbeitsmarkt nicht her.“ Dazu müsse der Studiengang wohl noch bekannter werden. Nellie Krickhahn

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