Zeitung Heute : Allmächtige Die

Sie kann Präsidenten ins Weiße Haus reden. Ihre abgelegten Blusen sind Devotionalien. Macht sie Diät, bewegt das die Nation. Oprah Winfrey wird in in den USA verehrt wie eine Göttin.

Am Montag hat sie ein halb verhungertes, behindertes Mädchen aus den Händen seiner überforderten Mutter befreit. Am Dienstag hat ihr Innenarchitekt die verschimmelte Küche einer Soldatenfamilie in einen stahlglänzenden Gourmet-Schrein verwandelt. Am Mittwoch gestand ihr der Schauspieler Dennis Quaid exklusiv, woran seine neugeborenen Zwillinge beinahe kurz nach der Geburt gestorben wären. Am Donnerstag las sie einigen prügelnden Ehemännern die Leviten. Am Freitag stellte sie 24 Millionen Fernsehzuschauern ihr neuestes Familienmitglied vor: den obersüßen blonden Cockerspaniel-Welpen Sadie, und es sollte doch bitteschön jeder so ein niedliches Hündchen aus einem überfüllten Tierheim adoptieren. Am Sonntag wäre dann eigentlich ihre Heiligsprechung fällig gewesen, aber am Wochenende ist sie leider nicht auf Sendung.

Oprah Gail Winfrey: Ihr Status kommt in Amerika dem einer Gottheit ziemlich nahe. Sie ist allgegenwärtig, unantastbar, und ihr Wort wird Religion. Obama mag der neue Messias der Amerikaner sein, aber Oprah ist die Obama-Mama, die Gottesmutter. Barack Obama nannte sie „die einflussreichste Frau des Landes“, und er weiß, wovon er spricht: Im Vorwahlkampf lag der Außenseiter aus Illinois so lange hinter Hillary Clinton, bis Oprah sich öffentlich für ihn aussprach. Eine Universitätsstudie hat errechnet, dass die Talkshow-Diva ihm mit ihrer Fangemeinde mindestens ein bis zwei Millionen Extrastimmen verschafft hat. Ohne Oprah wäre jetzt Hillary die Präsidentin.

Obama hätte ihr dafür einen Sitz im Senat verschafft, Oprah winkte ab, für so etwas ist sie zu beschäftigt. Sie vertritt Obama aber gerne mal, etwa in der Sitzung des Olympischen Kommitees, um ihrer beider Heimat Chicago auf der Rangliste der Kandidaten-Städte nach oben zu pushen.lOprah kann Präsidenten ins Weiße Haus reden, Gesetze in Kraft talken und Bücher zu Bestsellern quatschen. Wie Plato, Herkules und Madonna ist sie längst in den Olymp jener Unsterblichen aufgestiegen, die keinen Nachnamen mehr brauchen. „Vanity Fair“ schrieb, sie hätte mehr Einfluss als jeder Universitätspräsident, Politiker oder Religionsführer, „mit Ausnahme des Papstes“. Dabei wirkt die übergewichtige Schwarze in ihren hochhackigen Kroko-Stiefeln vor der Kamera so entspannt, zugewandt und gelöst wie sonst nur lorem ipsum die beste Freundin in intimsten Stunden.

In den weitläufigen Studios an der Carpenter Street in Chicago moderiert Oprah seit 22 Jahren die meistgesehene Talkshow der Fernsehgeschichte. Zwar sinkt die Quote in Amerika seit einigen Jahren, aber die Show wird in 144 Länder übertragen, vor allem in arabischen Staaten wird sie immer populärer. Dabei ist die Show nur das Sahnestückchen in ihrem Medienimperium. Die Multimilliardärin hat zusätzlich zu ihrer Talkshow, ihrer Produktionsfirma Harpo (Oprah rückwärts gelesen), ihrem Radiosender und ihren erfolgreichen Printmedien in diesem Jahr auch noch einen Fernsehsender übernommen, das Oprah Winfrey Network (OWN).

„Own“ heißt auf Deutsch „besitzen“, und wenn er Anfang 2010 auf Sendung geht, gehört Oprah endgültig die ganze Nation. Das ist in Deutschland ohne Beispiel: Selbst wenn wir die Meinungsmacht von Angela Merkel, Anne Burda und Anne Will hoch drei rechnen würden, ergäbe das noch keine Oprah.

Wenn Oprah auf Diät geht, hungert halb Amerika. Wenn sie öffentlich ankündigt, keine Burger mehr zu essen, bricht der Umsatz der Rindfleischindustrie um zehn Prozent ein. Selbst ihr Fitnesstrainer, ihr Psychotherapeut und ihre beste Freundin sind nun Stars mit eigenen Sendungen, denn alle wollen wissen, wie man schöner, netter, erfolgreicher, kurz: wie Oprah wird.

In der Boutique schräg gegenüber dem gigantischen Fernsehstudio ist so manches Schnäppchen zu machen. Glitzernde Gianfranco-Ferré-Blusen in Übergröße mit tiefem Dekolleté und strassbesetzte Prada Pumps, Größe 40, gibt es hier zum halben Preis. Wer so was tragen kann, hat Glück gehabt. Hier verkauft Oprah Devotionalien aus ihrem Kleiderschrank. Während ansonsten eher bleistiftdürre, blasse Mittdreißigerinnen die Bildschirme regieren, betont die 55 Jahre alte Oprah ihre Kurven und 40 Kilo Übergewicht noch extra mit lsexy Designer-Hüllen. Barbara Hoy, eine pensionierte schwarze Putzfrau aus dem Westen Chicagos, hat gerade eine cremefarbene Bluse für 40 Dollar gesichtet. Ein Schildchen weist sie als original Oprah-Bluse aus. Die grauhaarige Rentnerin ist begeistert, als sie Flecken unter den Achseln entdeckt, womöglich Beweis dafür, dass Oprahs Arme die Bluse tatsächlich berührt haben. Bis auf den Schweiß kommen Gläubige an diese Heilige heran, aber weiter eben nicht.

Die reichste farbige Frau Amerikas ist geschätzte 2,8 orbes und Time als „mächtigste Frau der Welt“ bezeichnet. Sie gewann den Titel „Idol Amerikas“ noch vor Superman und Elvis. Was auch immer Oprah in den letzten 20 Jahren angefasst hat, wurde zu einem amerikaweiten Erfolg. Michaela Haas

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