Zeitung Heute : Allzeit und überall aktuelle Infos fürs Handy

Kurt Sagatz

Lange genug hat es gedauert, bis der Werbung für das "mobile Internet" mit der Abkürzung WAP (Wireless Application Protocol) erst die Anwendungen und dann die Geräte folgten. Zwar sind derzeit erst 200 000 Handys mit den integrierten WAP-Browsern verkauft worden - die vielen Siemens S25-Handys nach dem ersten, am Ende doch nicht verfügbaren Standard nicht mitgerechnet, obwohl doch Rennfahrer Mika Häkkinen in Printanzeigen und TV-Spots den Geräten nicht vorhandene WAP-Fähigkeiten zu entlocken wußte. Doch nun soll es richtig losgehen mit dem mobilen Abruf von Börsenkursen, dem Online-Ordern von Hotelzimmern, dem Mitmachen an Internet-Auktionen oder dem einfachen Überfliegen von Nachrichten über das Handy. 3,5 Millionen Geräte bis zum Jahresende in Deutschland, auf diese Höhe hat Christian Huthmacher, Repräsentant des WAP-Forums und Geschäftsführer des Berliner Start-Ups Space2go, die Messlatte für den Erfolg des neuen Mediums gelegt. Auf einer zweitägigen Informationsveranstaltung, die am Montag und Dienstag von der International Communications for Management Group in Berlin veranstaltet wurde, verkündete er das Ende der Lieferprobleme. Vom dritten Quartal an, so Huthmacher, sei dieser Flaschenhals Vergangenheit.

WAP ist nicht gleich Web

Mit dem richtigen Internet darf das neue Medium indes nicht verwechselt werden. Im Gegensatz zum World Wide Web mit den grafisch aufwendigen Seiten müssen WAP-Anwendungen auf Bilder weitgehend verzichten. Auch die Texte fallen eher kürzer aus. Dies hängt vor allem mit der vergleichsweise bescheidenen Übertragungsgeschwindigkeit in den Mobilfunknetzen zusammen. Während mit ISDN 64 000 Bits pro Sekunde übertragen werden und auch schnelle Analogverbindungen kaum langsamer sind, tröpfeln die Daten beim Handy-Abruf mit 9600 Bits pro Sekunde durch den Äther. Im nächsten Jahr soll dieser Engpass zwar durch einen neuen Standard namens GPRS weitgehend beseitigt werden, doch mit den entsprechenden Endgeräten wird nicht vor Ende 2001 gerechnet. Und die übernächste Stufe, der mobile Multimedia-Übertragunsstandard UMTS, für den derzeit die Lizenzen meistbietend versteigert werden, wird wiederum erst mit gehörigem Abstand verfügbar sein.

Die Übertragungskapazität ist überdies nicht der einzige limitierende Faktor für WAP. Vor allem die kleinen Displays der Handys beschränken die Gestaltungsfantasie der Programmentwickler. Aufwendige Webseiten sind darauf nicht darstellbar und auch auf den Organizern gilt die Selbstbeschränkung als oberste Maxime. Gleichwohl sind sich sowohl die Anbieter von WAP-Inhalten als auch die Betreiber der Mobilfunknetze in einem Punkt einig: Die mobile Verfügbarkeit von Informationen wird in Zukunft so wichtig sein, dass WAP dann das bevorzugte Medium zur Bereitstellung von aktuellen News darstellt. Es wird sogar schon von der "Post PC-Ära" gesprochen, zumal weitere mobile Endgeräte absehbar sind. Autos der gehobenen Mittelklasse werden in den nächsten zwei Jahren nicht nur über einen kleinen Navigationscomputer verfügen. Dieser wird auch Programme beinhalten, um mobile Netzinformationen abzurufen oder E-Mails zu empfangen, die man sich dann vorlesen lassen kann.

Dass diese Einschätzung nicht so weit hergeholt ist, wie es sich zuerst anhört, zeigen einige Praxisanwendungen. Zum Beispiel von Financial Times Deutschland und Handelsblatt. Trotz aller Unterschiede in den publizistischen Konzepten versuchen beide Wirtschaftstitel ihre Leser komplett mit den jeweils relevanten Informationen zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu versorgen. Und allzeit verfügbar ist heutzutage nicht der PC, sondern das Handy. Über wap.ftd.de und wap.handelsblatt.com erfahren die mobilen Surfer so auch unterwegs, was sich an den Finanzplätzen ereignet. Dazu werden zum Beispiel beim Handelsblatt alle für die Online-Medien erstellten Meldungen so in einer Datenbank gespeichert, dass sie sowohl über das Web als auch WAP in der, dem jeweiligen Medium angepassten Weise abgerufen werden können. Über das WAP-Angebot des Handelsblatt lassen sich überdies die Kurse von 130 000 Wertpapieren auch unterwegs abfragen.

Genau wie das Radio nicht die Zeitung, das Fernsehen nicht das Radio und das Internet nicht das Fernsehen verdrängt hat, wird es nach Einschätzung der Experten auch zwischen Web und WAP ein ergänzendes Nebeneinander geben. Während WAP für die schnelle Information und die mobile Transaktion (Wertpapiere, Hotelreservierung, Flugzeug- und Bahnbuchung) genutzt wird, steht das Web für die ausführliche Hintergrund-Information bereit. Auch die Personalisierung von WAP-Inhalten - bei der der Nutzer festlegen kann, welche Nachrichten oder Kurse er auf seinem Handy oder Organizer sehen will - wird vorwiegend vom PC- oder Laptop-Arbeitsplatz aus gemanagt. Schließlich ist das Ausfüllen der Formulare und Eingeben von Wertpapierkennnummern an den Tastatur-Geräten komfortabler als mit dem Mobiltelefon.

Wer soll das bezahlen?

Den teilweise recht euphorischen Zukunftserwartungen der Branche - die sich nicht zuletzt darauf stützt, dass weiterhin mehr Menschen ein Handy als einen Internet-fähigen Computer besitzen werden - steht eine ungelöste Frage entgegen. Wie sollen die neuen Angebote finanziert werden? Die klassische Form des Verkaufs von Werbeplatz für Banner ist nur eingeschränkt nutzbar. Wenngleich bereits über so genannte "Interstitials" nachgedacht wird, bei denen zwischen zwei WAP-Seiten jeweils eine Seite Werbung eingeblendet wird. Doch anders als im Web, wo die Werbeerlöse bei rund 50 Prozent liegen, wird bei WAP höchstens mit einer Erlösbeteiligung von 15 Prozent gerechnet, wie Diana Meyer von T-Mobil meint. Das meiste Geld werden so vermutlich auch die Mobilfunkbetreiber über die mobile Online-Zeit erhalten. Weitere 30 Prozent lassen sich über über den Mobil Commerce erlösen. Viele Anbieter von reinen Informationsdiensten gehen damit allerdings leer aus und drängen nun Telekom, Mannesmann, E-Plus und Viag auf eine Beteiligung an den Minutenerlösen - vermutlich jedoch erfolglos. Sie sollen nun die Möglichkeit erhalten, ihre Informationen zu bepreisen, also dafür ein Entgelt zu verlangen. Doch ob das eine Finanzierungs-Alternative ist, muss angesichts der kostenlosen Verfügbarkeit von Informationen im WWW zumindest angezweifelt werden.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!