Zeitung Heute : Aloha in Berlin

Das Paradies in der Großstadt heißt Tiki – ein Kult um Blumenhemden, Cocktails und polynesischen Pop. Vor 50 Jahren zog diese Mode in amerikanische Bars und Lounges ein – nun grassiert das Hawaii-Fieber in Berlin.

Bodo Mrozek

An kalten Regentagen, wenn der Wind durch Straßen und Mäntel fegt, dann hadern selbst überzeugte Großstädter mit ihrer tristen Umgebung. Sehnsüchtig bleibt der Blick an den Auslagen von Reisebüros hängen, an Fototapeten mit Palmen, Sandstränden, bunten Cocktails, Blumenkränzen und exotischen Schönheiten. Diese städtische Sehnsucht nach einem paradiesischen Ur-Zustand hat viele Namen. Für manche heißt sie Neckermann oder TUI und führt geradewegs zum Flughafen. Andere können getrost daheim bleiben, denn ihr irdisches Paradies findet sich mitten in der Großstadt. Es heißt Tiki.

Lange Zeit blühte der Tiki-Kult im Verborgenen. Wie in einer verschworenen Geheimgesellschaft tauschte man im Internet Adressen, Cocktail-Rezepte und alte Schallplatten. In den vergangenen Jahren aber erwachte der Tiki-Kult zu neuer Blüte, und neuerdings findet man in vielen Städten neue Tempel des urbanen Kultes. Berlin mausert sich derzeit zum deutschen Zentrum der Bewegung.

Einer Zusammenkunft der Tiki-Gemeinde konnte kürzlich beiwohnen, wer den Weg ins Tabou am Kreuzberger Maybachufer fand. Rund 200 Jünger feierten dort die Eröffnung eines Tiki-Rooms. Man trug Hawaiihemden, exotische Blumen im Haar, T-Shirts mit den Namen der goldenen Surf-Spots Huntington, Malibu oder Waikiki, dazu Strohhüte und Party-Feze. Auf der Bühne räkelte sich in einem einsamen Lichtkegel eine üppige Schönheit auf einem Barhocker, ihre langen Beine steckten in einem Nixenschwanz mit aufgemalten Fischschuppen. Dass der Gesang der Dame manchmal etwas quietschte und die Frisuren der begleitenden Boy-Band nicht von Sonne und Salzwasser gebleicht, sondern mit einem herkömmlichen Fön in Form gebracht waren, störte dabei kaum. Denn im Tabou stimmt sonst einfach alles: das Bambus-Dekor, die Kugelfischlampen, die Wandgemälde mit Hawaiimädchen. Alles ist dort so authentisch, dass man erst auf den dritten Blick sah, dass die Farbe kaum trocken war.

Um den Tiki-Kult zu erklären, muss man aber weit in die Geschichte reisen. Zum Beispiel bis ins Hollywood des Jahres 1937. Damals, die Prohibition war gerade vorbei, zog der Gastronom Ernest Beaumont-Gantt aus New Orleans an die amerikanische Westküste. Wie ein Alchimist arbeitete er fieberhaft an dem flüssigen Gold, nach dem es der dürstenden Gesellschaft verlangte: Rum. Aus dem verpönten Seemannsgetränk mixte er hochprozentige Cocktails und servierte sie in ausgehöhlten Ananasfrüchten. Seine Bar am McCadden-Place gestaltete Beaumont-Gantt, der sich bald „Don the Beachcomber“ nannte, als Südseeparadies aus tropischen Hölzern und exotischen Pflanzen. Gebinde aus Kokosnüssen und Bananen hingen von der Decke, Speere, Kanus und andere primitive Gegenstände schmückten die Wände, und von Zeit zu Zeit ging ein künstlicher Regenschauer nieder wie ein tropischer Wolkenbruch. Die Idee der Südseebar war so erfolgreich, dass „Don the Beachcomber“ während des Zweiten Weltkriegs in Chicago als erstes Franchise-Unternehmen angemeldet wurde und es bis zum Tod des Gründers 1987 auf 16 Filialen brachte. Prunkstücke in der Ausstattung waren holzgeschnitzte Figuren mit maskenhaft stilisierten Gesichtern: die Tikis.

Tiki ist in der polynesischen Mythologie nicht nur der erste Mensch, sondern auch ein Phallussymbol. Auf den Südseeinseln stehen in Stein und Holz gehauene Tikis im Urwald und finden sich als Schnitzereien an Hauswänden. „Wer sie je gesehen hat, fühlt sich von ihnen verfolgt wie von einem Fiebertraum“, schrieb der Kunsthistoriker Karl Woermann um die Jahrhundertwende. Diesem seltsamen Zauber konnten sich auch andere Polynesienreisende nicht entziehen: „Kon Tiki“ nannte der Abenteurer Thor Heyerdahl sein Floß, mit dem er sich 1947 von Peru aus 7800 Kilometer weit an den Strand der Inselgruppe Tuamoto treiben ließ, um seine Theorie der Besiedlung Polynesiens von Lateinamerika aus zu beweisen.

Diese Inselgruppen, allen voran Hawaii und Tahiti, galten schon vorher als irdisches Paradies. „Man sollte oft wünschen, auf einer Südseeinsel als so genannter Wilder geboren zu sein, nur um einmal das menschliche Dasein ohne falschen Beigeschmack, durchaus rein zu genießen“, sprach 1828 Goethe zu Eckermann. Und Joseph Banks, der als Naturforscher 1768 mit der „Endeavour“ des Entdeckers James Cook in See gestochen war, notierte: „Auf der Insel Otaheite (Tahiti), wo Liebe die Hauptbeschäftigung ist, der bevorzugte Luxus, oder genauer gesagt der einzige Luxus der Einwohner, sind Körper und Seelen der Frauen perfekt geformt.“ Genährt durch immer neue Reiseberichte aus dem Wunderland der Palmenstrände, in denen barbusige Inselschönheiten eine nicht unwesentliche Rolle spielten, entwickelten Großstädter den „Primitivismus“ als Leitbild der entfremdeten Moderne. Paul Gauguins Südseebilder waren durch Tiki inspiriert und Pablo Picasso soll beim Anblick der Sammlung primitiver Kunst im Pariser Musée d’Ethnographie du Trocadéro ausgerufen haben: „Nun weiß ich, warum ich Maler geworden bin!“ Seit 1910 war auch Picasso stolzer Besitzer eines Tiki-Götzen von den Marquesa-Inseln.

Die hohe Zeit des Tiki-Kultes aber waren die 1950er Jahre. Das Wirtschaftswunder und die neue Rolle der USA als militärisch und ökonomisch führende Weltmacht brachte einen ungekannten Hedonismus hervor. Ein Gastronom namens Victor Bergeron hatte bereits 1934 in der Bucht von Oakland eine Bar in einer selbst gebauten Strandhütte eröffnet, das Hinky Dinks. Er unternahm Forschungsreisen in die Welt des Genusses und spionierte auf Kuba und in Louisiana die Top-Barkeeper seiner Zeit aus, um eine karibisch-kreolische Trinkkultur zu entwickeln. Dazu ließ er exotisch gewürzte Spieße und Fleischplatten servieren.

Angeregt von Don the Beachcomber, nannte sich der geschäftstüchtige Selbsterfinder fortan Trader Vic. Durch eine Tuberkulose hatte Bergeron alias Vic ein Bein verloren, nun behauptete er, ein Hai habe es gefressen. Seine Gäste unterhielt der Lebemann gerne, indem er überraschend einen Eispickel durch die Hose in sein Holzbein schlug. 1949 eröffnete Trader Vic Lokale in Seattle, dann in San Francisco, Beverly Hills, Chicago, New York, Havanna und Portland. Später gab es „Trader Vic’s“ auch in St. Petersburg, Vancouver, London und München. Kein anderer hat wohl so zur Globalisierung des Tiki beigetragen, wie Trader Vic. Er war kulinarischer Berater von United Airlines und verkaufte seinen Namen bis nach Honolulu. Durch die Zusammenarbeit mit großen Hotelketten wie dem Hilton entstand ein weltweites Tiki-Imperium. Noch im vergangenen Jahr eröffnete ein Trader am Berliner Gendarmenmarkt.

Wer einen Trader Vic’s besuchen möchte, muss seitdem nicht mehr nach München oder L.A. reisen. Der späte Ableger der weltberühmten Tiki-Kette gibt sich im Souterrain des Hilton-Hotels redlich Mühe, dem großen Namen gerecht zu werden. Die Cocktails sind dort so gut wie teuer, das gediegene Interieur allerdings ist wenig hawaiianisch.

Heute wieder populäre Cocktails wie der Zombie oder der Mai Tai, erfunden von Trader Vic, sind originäre Schöpfungen der Tiki-Kultur. Dabei geschah in Tiki-Bars nie viel. Ältere Herrschaften mit Hornbrille und Hawaiihemd wärmten sich dort am prasselnden Kaminfeuer oder dem Anblick spärlich bekleideter Inselbewohnerinnen, die für die Gäste tanzten. Der Exotismus diente dem prüden Amerika als Legitimation für harmlose Erotik. Die Tiki-Architekten entwickelten dabei eine erstaunliche Fantasie, die an Ludwig II. von Bayern erinnert: raffiniert beleuchtete Lavagrotten, künstliche Wasserfälle, Teiche und Flüsse. Der berühmte A-Frame, der spitze Winkel hawaiianischer Strohhütten, harmonisierte perfekt mit den Heckflossen und Raketenflügeln des Space Age und zierte Bowlingbahnen und Motels.

Mit der Politisierung der späten 60er Jahre ging die Tiki-Kultur allmählich unter, einzig Wellenreiter huldigten noch mit Tiki-Amuletten dem Mythos vom sorgenfreien Strandleben in der Großstadt. Heute haben die Überreste der polynesischen Popkultur Seltenheitswert. Streichholzbriefchen mit Hula-Mädchen, Cocktailspieße, Trinkgefäße in Form von Götzen (Mugs) sind Sammlerstücke, die exorbitante Preise erzielen. Der Schauspieler Leonardo DiCaprio soll über eine vorzügliche Sammlung an Tiki-Mugs verfügen. Der berühmteste Sammler von Tiki-Devotionalien ist aber ein Deutscher. Fast alles, was wir über Tiki wissen, verdanken wir Sven A. Kirsten. Seit Jahrzehnten sammelt der Kameramann, der sich selbst als urbaner Archäologe versteht, Artefakte des beinahe ausgestorbenen Kultes.

Kirsten bewohnt in Los Angeles im Ortsteil Silver Lake ein hübsches Holzhaus im Bungalowstil mit Blick auf den See. Am Gartentor grüßen mannshohe Skulpturen eines der letzten Tiki-Schnitzer, auf der Veranda hängen die typischen Kugellampen in Netzen. Zwischen den schön getäfelten Wänden befindet sich das größte private Tiki-Archiv der Welt, Kirsten führt denn auch bescheiden den Titel einer Tiki-Weltautorität. Mit der Kamera bereist er regelmäßig die polynesischen Inseln, um archäologische Götzenbilder aufzuspüren. Aber auch den urbanen Tikikult der 50er Jahre mit seinen Wandbildern nackter Hula-Mädchen oder die Barhockerproduktion der Firma Witco im Leopardenlook untersucht er quasi-wissenschaftlich. Die Ergebnisse trägt er der internationalen Tiki-Gemeinde vor, etwa im „Oceanic Arts“, einem gigantischen Lagerhaus für nachgemachte Tiki-Ausstattungen. Seine Ergebnisse hat Kirsten im „Book of Tiki“ (Taschen-Verlag) publiziert.

Als die Tiki-Welle nach Berlin schwappte, war auch Kirsten dabei. Die Initialzündung des neuen Berliner Südseekultes war die Eröffnung des Rock-A-Tiki-Shops vor vier Jahren in Prenzlauer Berg. Die Tikifans Annika und Alex Graalfs verkaufen dort Cocktailshirts mit Knöpfen in Form von Martinigläsern, Jeans im Stil der Fünfziger und andere Accessoires. Während der Tikikult bisher eher von Rock’n’Roll-Fans gepflegt wurde, obwohl diese Musik damals gegen das spießige Herumsitzen in Kitsch-Bars aufbegehrte, sind nun neue Tiki-Orte entstanden.

Das Tiki Heart in Kreuzberg bietet seit einigen Monaten typische Tiki-Küche an: Gegrilltes in rosafarbener Kokos-Marinade mit viel Ananas, Mango und Safran. Man sitzt in einer Bambusidylle und an der Fassade droht ein grimmiger Tiki-Götze in die kalte Großstadtwelt, wie der Torwächter einer exotischen Gemütlichkeit, in der man hervorragend überwintern kann.

Absolut stilecht kommt das Tabou daher. Anders als bei der Rock-A-Tiki-Lounge, die einmal im Monat im Delicious Doughnuts (Rosenthaler Str. 9, Mitte) Surf-Bands wie die Tiki Tiki Bamboos einlädt, legen die DJs dort dezente Hintergrundmusik mit Hawaii-Gitarre und Ukulele auf. Bei der Eröffnung spielten die Bali Ha’is aus Berlin Exotica-Musik im Stile eines Martin Denny. Später ließen die Fluff Girls, junge weibliche Tiki-Fans aus Kanada, bei einer Burlesque-Strip-Show fast alle Hüllen fallen, und es war so originalgetreu, dass man meinen konnte, man habe eine Zeitreise ins goldene Zeitalter des Tiki unternommen. Mit einer Ausnahme: Das Publikum stand eng vor der Bühne gereiht wie bei einem traditionellen Konzert und applaudierte frenetisch der seichten Hintergrundmusik.

Früher, in der Zeit des Tiki, war die Musik genauso beiläufig, wie heutzutage der tropfsteinartige Wandputz in einer Pizzeria. Aber wer weiß, vielleicht wird die deutsche Pizzeriakultur ja auch eines Tages zum Kult einer Epoche erklärt. Bis dahin flüchten wir uns lieber in tropische Großstadtparadiese. Trendsetter allerdings sollten schon mal mit dem Sammeln von Korbflaschen und O-Sole-Mio-Schallplatten beginnen.

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