Zeitung Heute : Alois’ Restaurant

Die Hits der 80er

Bernd Matthies

VON TISCH ZU TISCH

Die Berliner Gastronomie hat nicht viel historische Stätten zu bieten. Insofern ist Siegfried Rockendorfs altes Restaurant in Waidmannslust wichtig: Hier errang er zwei Michelin-Sterne, wurde deutscher „Koch des Jahres“. Doch dort begann auch sein wirtschaftlicher Absturz, kein Wunder, dass die Räume lange leer standen. Jetzt ist ein Nachfolger gefunden: der Wirt vom „Pott und Pann“ um die Ecke. Die spießige Halbeleganz der Rockendorf-Einrichtung wurde durch sanfte Rustikalität mit Bauernschränken und blümeranten Papierservietten ersetzt; Ähnliches gilt für die kulinarische Seite. Auf der Karte stehen die größten Hits der 80er Jahre.

Der Wirt freilich war schon immer ein sonderbarer Geselle. Ein Restaurant betreibt er vor allem, so scheint es, um immer jemanden zum Plaudern zu haben. Der Kellner darf praktisch nichts außer Tellertragen, und so dauert es eine halbe Stunde, bis der Chef endlich aus der Küche kommt und die Speisekarte herausrückt. Wir bestellen, blättern in der Weinkarte, die mit etwa drei Dutzend Weinen von weitgehend unbekannten Winzern nicht wirklich entzückt, und bestellen einen Kaiserstühler Grauburgunder des Jahrgangs 2001, WG Königsschaffhausen. Es kommt alsbald ein Kaiserstühler Weißburgunder, 1998. Nanu? Nein, heißt es, einen Königsschaffhausener Grauburgunder gibt es nicht. Aber er steht doch in der Karte? Nein, sagt der Chef, schauen Sie hier, keiner drin. Doch, sagen wir, schauen Sie, da steht er. Ist ja ein Ding, sagt der Chef, wieso steht der da? Habe ich hier noch nie gesehen, wird auch nicht nachgefragt, muss ich mir eine Notiz machen. Wir haben dann den Weißburgunder getrunken, der ältlich, alkoholisch und fad schmeckte - das kommt davon, wenn man sich die Karte von einem Händler basteln lässt, der alte Gurken unterbringen will.

Na, das Essen war dann ganz gut, wenn man auf Rustikalität steht. Zum gelungenen gebeizten Lachs mit Dilldressing (10 €) gab es - stilgerecht 80er Jahre - trockene Salatblätter sowie dicke, knusprige, innen aber noch arg rohe Rösti. Die treffsicher gewürzte Bouillabaisse mit viel Fisch (9 €) kam in einer Terrine, wurde aber nicht vorgelegt; wir mussten den knallheißen Deckel selbst lupfen. Statt einer Lammstelze kamen zwei, auf Linsen aufgetürmt zu einem appetitverschlagenden Gebirge (16 €). Das Fleisch war ein wenig trocken, die Linsen schmeckten gut, der Sinn der untergemengten glitschigen Austernpilze blieb dunkel. Höhepunkt: Kalbsleber Berliner Art mit Zwiebeln und Äpfeln, wie man sie in dieser ländlich-sittlichen Art kaum besser machen kann (14 €). Schließlich das einzige leidlich interessante Dessert: Topfenknödel. Dass sie unkommentiert mit Pflaumen kamen statt mit dem in der Karte angekündigten Apfelragout, nahmen wir mit erschöpftem Fatalismus hin.

Ja, ich weiß. Dieser autokratische Wirtshaus-Stil hat viele Anhänger, und die gebotene Preis-Qualitäts-Relation ist in Ordnung. Deshalb gibt es auch viele Stammgäste, die diesen Bericht mit Unverständnis lesen werden. Ich kann mich ihrer Begeisterung nicht anschließen.

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