Zeitung Heute : Als Adenauer seine Wahl verschlief

Für Schröder und Stoiber ist der Ablauf des heutigen Tages bis ins letzte Detail geplant

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Von Robert Birnbaum

Vor langen Zeiten war ein Wahltag nur für die Bürger nicht ein Tag wie jeder andere. Von Konrad Adenauer ist die Anekdote überliefert, dass sich der alte Herr am Wahlsonntag friedlich zu Bett begab und erst am nächsten Morgen die frohe Botschaft bekam: „Herr Bundeskanzler, Sie sind immer noch Bundeskanzler.“ Erst Kurt Georg Kiesinger wartete am Wahlabend ungeduldig im Amt auf die allmählich eintrudelnden Ergebnisse der Wahlkreise und ließ sie der Übersicht wegen auf einer Deutschland-Karte mit roten oder schwarzen Fähnchen markieren.

Die Nachfolger können von solchen Idyllen nur träumen. Ihr Wahltag ist von früh bis spät öffentliches Ereignis – Ausnahmezustand selbst für Spitzenpolitiker. Vielleicht gerade deswegen aber schleicht sich beim Amtsinhaber wie beim Herausforderer ein Hauch von Adenauer in den Tagesplan. Es gilt das ungeschriebene Gesetz, dass der künftige Kanzler vor der Entscheidung noch mal demonstrativ ausspannt.

So vermerkt das Kanzler-Tagesprotokoll: Aufstehen im heimatlichen Hannover, Frühstück mit Frau Doris und Tochter Klara. Um Elfe geht der Bürger Gerhard Schröder wählen. Im Kaiser-Wilhelm- und Ratsgymnasium wartet ein halbes hundert Journalisten auf den unspektakulären Akt. Auch der anschließende Familienbesuch im Zoo bleibt kaum ganz privat.

Nach dem Mittagessen bricht Schröder nach Berlin auf; ab 15 Uhr will er im Kanzleramt sein. Etwa um die gleiche Zeit wird Edmund Stoiber in Berlin erwartet. Beide warten dort auf die Prognosen der Wahlforscher, die sie schon weit vor Schließung der Wahllokale vertraulich übermittelt bekommen. Ob sie in den Parteizentralen von SPD und CDU bald nach 18 Uhr oder erst später vor Anhänger und Presse treten, hängt davon ab, wie klar die Wahl ausgeht. Letzter fester Termin ist die Fernsehrunde der Parteichefs um 20:15 Uhr. Der wichtigste Teil des Tages spielt aber im Verborgenen: Jene Telefonate, in denen die Vorentscheidung für eine Koalition fällt.

Stoibers Tag verläuft vergleichsweise viel weniger privat, was aber nicht an ihm liegt, sondern am Oktoberfest. Der Kandidat geht nach dem Frühstück mit Frau Karin in Wolfrathshausen schon um neun Uhr wählen, in der Grund- und Hauptschule seines Heimatorts. Eine Stunde später muss er in München sein. Beim Trachten- und Schützenumzug fährt traditionell der Ministerpräsident auf dem Wagen mit. Das wird er auch an diesem Sonntag. Allein um Missverständnissen vorzubeugen. Wenn Stoiber Kanzler wird, braucht Bayern einen neuen Regierungschef. Und wer auch immer an seiner Stelle auf dem Wagen säße – gemunkelt würde.

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