Zeitung Heute : Als Bonn am Amazonas lag

„Herr Bundeskanzler, ich schlage Diskusfische vor“, sagte Hans Jochen Brecht einst – und das Kanzleraquarium wurde zum Symbol der Ära Kohl. Doch was ist aus den Garanten von Gemütlichkeit und Gleichmaß geworden? Sind die Fische noch am Leben, und was für ein Leben ist das?

Harald Martenstein

Helmut Kohls Ära ist jetzt ziemlich genau fünf Jahre her. Damals schien in Deutschland alles noch in bester Ordnung zu sein. Rentenkrise, Steuerkrise, Glaubwürdigkeitskrise, solche Dinge hat Helmut Kohl wohl einfach ausgeblendet. Wenn man ihn damals besorgt auf die Zukunft angesprochen hätte, dann hätte er bestimmt erwidert: „Ich finde es ganz und gar unerträglich, was Sie da unterstellen.“ Seine Welt war heil, weil er sie so haben wollte. Manche Leute haben Sehnsucht nach ihm. Hans Jochen Brecht nicht.

Helmut Kohl konnte sehr unangenehm werden, sagt Hans Jochen Brecht. Kohl war extrem ungemütlich. Alle waren sie so. Alle veränderten sie sich, wenn eine Kamera in der Nähe war. Sie lächelten dann, aber falsch. Auch Willy Brandt. Letztlich musst du nämlich eine bestimmte Art Mensch sein, um Kanzler zu werden, diese Art Mensch hat ein falsches Lächeln und kann unangenehm werden. Hans Jochen Brecht weiß das, weil er alle Kanzler seit Brandt aus der Nähe kannte. Er ist der Mann, der eigenhändig Helmut Kohls Fische getötet hat, einen nach dem anderen und zwar mit dem Messer.

Als Kohl abgewählt war, packten sie im Büro zusammen, die Mineraliensammlung des Kanzlers, die Münzsammlung des Kanzlers, die kleinen Elefanten von Juliane Weber, der Vorzimmerdame. Juliane Weber fragte Brecht, ob er die Fische haben wolle. Kohl hatte keinen Platz oder keine Lust oder nicht genug Zeit, jedenfalls wollte er das Kanzleraquarium nicht haben.

Blutdrucksenkende Maßnahme

Das Aquarium war ein Symbol seiner Ära – Kohl, wie er in eine Strickjacke verpackt, Sandalen an den Füßen, in sein Aquarium hineinschaut. Gemütlich, ein bisschen spießig, weltvergessen. So hatte es den Anschein. Kohl sagte in den Interviews gerne, dass ihn die Fische an das Leben und an die Politik erinnern. Sie jagen sich, und dann vertragen sie sich wieder. Es gibt schüchterne, und es gibt dreiste, bösartige, langweilige und feige. Ein Aquarium genau wie das Leben, nur eben kleiner und bunter. Jetzt wollte er das nicht mehr sehen.

Brecht hat die Fische in Abwesenheit des Kanzlers immer gefüttert, und er war auch zuständig für Wasserwechsel und Algenabkratzen. Ein Beamter des Bundesgrenzschutzes, der sich im Kanzleramt um Organisationsfragen zu kümmern hatte, Auswertung der ausländischen Presse, Terminplanung, solche Sachen. Morgens früh, vor sieben, nahm er sich immer das Aquarium vor, so früh, um den Kanzler nicht zu stören. Brecht arbeitete, als Kohl kam, schon eine halbe Ewigkeit im Kanzleramt. Er findet die Unterschiede zwischen den Kanzlern in Stil und Charakter nicht so furchtbar groß, wie sie in der Presse immer erscheinen. Er unterscheidet sie an den Arbeitszeiten. Kohl saß meistens von sieben Uhr bis 23 Uhr im Büro. Helmut Schmidt, das hieß neun Uhr morgens bis drei Uhr nachts.

Brecht war Aquarianer. Kohl hatte als junger Erwachsener lange ein Aquarium besessen, bis er Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz wurde. Jetzt wollte er wieder eines, zur Beruhigung, und um sich an das Leben der Menschen da draußen zu erinnern. 1984 war das. Kohl und Brecht setzten sich zusammen. Brecht sagte: „Herr Bundeskanzler, ich schlage Diskusfische vor.“ Sehr groß, repräsentativ. Richtige Kanzlerfische. Aber Kohl wollte es bescheidener, unkomplizierter. Keine Großmachtträume. Fische für die Bonner Republik. Also komponierte ihm Brecht ein Südamerikabecken, etwas ganz Pflegeleichtes, mit Panzerwelsen, Neons, Rotkopfsalmern und Scalaren. Dazu Schrägsteher. Die Schrägsteher haben Helmut Kohl vielleicht an die FDP erinnert.

Nach Hund und Katze sind Aquarien die Nummer drei in der deutschen Hitparade der Haustiere. In drei Millionen Aquarien leben 85 Millionen Zierfische. Ärzte behaupten, dass längeres Hineinschauen in ein Aquarium blutdrucksenkend wirkt. Als Kind wollte Helmut Kohl ein Krokodil. Stattdessen gab es bei ihm zu Hause Stallhasen.

Jetzt also die Frage von Juliane Weber: Nimmt Brecht die Fische? Er sagt ja. Obwohl ihn ein Südamerikabecken aquaristisch nicht interessiert. Aber es sind schließlich die Kanzlerfische. Er schenkt sie weiter an den Aquarienverein „Scalare“ in Bad Neuenahr, nur eine halbe Stunde weg von Bonn, aber schon in Rheinland-Pfalz. Dort war er mal eine Zeit lang Vorsitzender. Das Kanzleraquarium ist in Bad Neuenahr für eine Phase der Geschichte die größte Sehenswürdigkeit. Brecht gibt bis zu 60 Interviews am Tag, im Vereinslokal drängen sich die Schaulustigen. Sie haben dort 21 zum Teil prachtvolle Becken, aber alle wollen zuerst die Kanzlerfische sehen.

Christoph Stölzl meldet sich in Bad Neuenahr, damals Direktor des Deutschen Historischen Museums. Stölzl will die Fische als lebendes historisches Monument für Berlin. Er plant eine originalgetreue Replik des Kohlbüros für sein Museum. Die Aquaristikfirma Juwel bietet an, ein täuschend ähnliches Becken zu bauen. So könnten beide ein Kanzleraquarium haben, Bad Neuenahr und Berlin. Aber Stölzl verlässt das Museum. Sein Nachfolger hat an Kohls Aquarium kein Interesse.

Überhaupt beginnt jetzt der Faktor Zeit zu wirken. Die Besucher werden seltener. Interviewanfragen bleiben aus. Die Kanzlerfische werden älter. So ein Zierfisch lebt vielleicht fünf Jahre. Die Scalare, inzwischen riesengroß, fangen an, im Becken wie Betrunkene umherzutaumeln und gegen die Scheiben zu stoßen, im irrtümlichen Glauben, dass gleich hinter dem Kanzlerbecken der Amazonas anfängt. Sie sind senil. Brecht fängt sie mit dem Netz heraus, einen nach dem anderen, und rammt ihnen ein Messer schräg in die Kiemen. Gnadentod. Er fühlt nichts dabei. Man könnte sie auch in heißes Wasser werfen oder einfrieren, aber das wäre grausamer.

Die Toten werden immer artgenau ersetzt, also ein Scalar für einen Scalar, ein Schrägsteher für einen Schrägsteher. Ein Laie würde immer noch denken: Es ist das Original. Aber im Aquarienverein stellen sie immer lauter die Sinnfrage.

Bad Neuenahr ist eine kleine Kurstadt inmitten von Weinbergen, berühmt ist vor allem der Rotwein. Am Bahnhof steht das Motto der Stadt: „Immer heiter/ Gott hilft weiter/ Froher Muth/ Gesundes Blut.“ Gegenüber vom Bahnhof liegt das Hotel „Zum Ännchen“, ein paar Meter weiter steht schon das ehemalige Rathaus von 1895, ein schlossartiges Gebäude. Im Erdgeschoss ist der Aquarienverein untergebracht. Brecht, inzwischen im Ruhestand, trägt einen weißen Rauschebart und Lederweste, eine leicht freakige Aura umgibt ihn. Stimmt es, dass er lange in der CDU war und wegen der Frauenquote ausgetreten ist? „Ja. Die Frauenquote ist ungerecht.“ Hat er mal mit Kohl darüber geredet? „Ja. Kohl hat gesagt: Das muss sein. Wir müssen aus politischen Gründen die Frauenquote haben, egal, ob es uns gefällt oder nicht.“ Brecht fand diese Haltung ganz und gar unerträglich. Er ist zum Politiker nicht geeignet.

Sie haben im Verein zurzeit junge Nattern, zehn Stück. Und Piranhas. Man hört ja oft: Piranhas werden am besten mit Rinderherz gefüttert. Aber mit Rinderherz werden sie viel zu fett, sagt Brecht. Dann kommen wir zum rückenschwimmenden Kongowels. Er sieht ziemlich hässlich aus, aber er schwimmt nun mal auf dem Rücken. Deswegen hat er Fans. Gegenüber vom Kongowels: Das Kohl-Aquarium. Relativ klein. Ein Unterschrank aus hellem Holz. Unauffällig. 240 Liter.

„Es sieht inzwischen anders aus. Andere Fische. Vor einem Jahr haben wir es umgestaltet“, sagt Brecht. „Es ist jetzt ein Australienbecken. So etwas fehlte uns noch. Es kamen einfach keine Besucher mehr.“ Und Kohl? Hat er sich mal gemeldet? „Nein, nie.“ Eine Weihnachtskarte, sagen wir mal, an Bimbes, den Lieblings-Scalar? „Nein. Aber das ist normal. Der Aquarianer entwickelt zum einzelnen Fisch in der Regel keine emotionale Beziehung. Das Aquarium ist mehr wie ein lebendes Bild.“

Die Schnabelwelse weiden noch

Seltsam. Als Kohl in Bonn regierte, galten Aquarien als spießig. Kaum war Kohl weg, galten Aquarien plötzlich als hip, zum Beispiel im Nachtleben der neuen Hauptstadt. 1998: Ende der Ära Kohl. 1999: Eröffnung des Shark-Clubs in Berlin, mit großem Haibecken. 16000 Liter. Vielleicht ist es die kalte Aura, das Unemotionale, weshalb das Aquarium in Berlin plötzlich wieder modern wurde. Reptilien sind sogar noch moderner. Gerade wurde in Berlin das Dom-Aquarée eröffnet, eine Million Liter, 2500 Fische, darunter Hundshaie, mit einem Aufzug, der mitten durchs Wasser fährt. So kriegt endlich auch die Berliner Republik ihr Symbol-Aquarium. Und der Unterschied zwischen der Politik in Bonn und der Politik in Berlin entspricht ja wahrscheinlich wirklich dem Unterschied zwischen einem Scalar und einem Hundshai.

Jetzt die entscheidende Frage. Leben noch Fische, die zusammen mit Helmut Kohl regiert haben? Gibt es noch ein Überbleibsel der Ära Kohl? Wer ist der letzte Kanzlerfisch? Brecht überlegt lange. „Ja. Wir haben sie vor einem Jahr umgesetzt. Zwei. Ein Pärchen.“

Wir gehen ein paar Meter weiter. Da. Wow. Die sind aber groß. „Diese Art hier wird ungewöhnlich alt“, erklärt Brecht. „15 Jahre oder mehr. Es sind Schnabelwelse.“ Helmut Kohls letzte Fische sind erdbraun, haben lange Fühler und flatterige Flossen, wie Fahnen. „Schnabelwelse gehören zu den so genannten Rasplern. Sie weiden die Algen ab. Sie sind gutartig, langsam, vielleicht langweilig, außer, wenn sie ihr Gelege bewachen. Da kriegen sie Temperament.“ Und, haben sie sich schon vermehrt? „Aber ja. Oft.“ Man spürt, dass es ihn nicht mehr interessiert.

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