Zeitung Heute : Als Bundesgebiet fühlen

Brigitte Grunert

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Die Berlinerinnen können von Glück sagen, dass sie in dieser Stadt zu Hause sind. Es geht ihnen nämlich ökonomisch besser als den Frauen „im Bundesgebiet“. Diese Botschaft hat uns der Senator für Wirtschaft, Arbeit und Frauen mit dem Frauenbericht 2006 vermittelt. Beim Lesen musste die Rentnerin lachen. Gehört Berlin etwa nicht zum Bundesgebiet? Schon gut, typischer Fall von Freudscher Fehlleistung, gemeint ist der Bundesdurchschnitt. Doch die Rentnerin fühlte sich gleich in alte Zeiten versetzt, als Berlin kein Teil des Bundesgebiets war, West-Berlin verfassungsrechtlich nicht, Ost-Berlin sowieso nicht.

Berlin und das übrige Bundesgebiet, sagte man im Westen, um die Bindungen (West-)Berlins an den Bund zu betonen, oder Berlin und Westdeutschland, um die Nichtzugehörigkeit zur Bundesrepublik zu kaschieren. Man sagte Ost-Berlin und die DDR, um den Viermächte-Status ganz Berlins zu unterstreichen. Im Osten hieß es hingegen: Berlin, Hauptstadt der DDR – im Unterschied zu Westberlin. Ach ja, die Bindestrich-Philosophie, die gab es auch. Ohne Bindestrich stand Westberlin im Osten für eine selbstständige politische Einheit. Mit Bindestrich war West-Berlin für den Westen ein Teil des Ganzen.

Auch Harald Wolf, der heutige Senator für Wirtschaft, Arbeit und Frauen, war kein Westberliner, sondern West-Berliner und fuhr nach Westdeutschland (oder scherzhaft nach Wessiland). Klar, dass er den westlichen Sprachgebrauch verinnerlicht hat. Als die Mauer fiel, war er ein führender Kopf der Alternativen Liste, später ging er zur PDS.

Recht hatte der damalige Regierende Bürgermeister Walter Momper, als er nach dem 9. November 1989 dazu aufrief, die Mauer auch in den Köpfen abzubauen, aber die Rentnerin von heute verstand das damals noch nicht. Denn sie meinte, sie habe die Mauer niemals im Kopf gehabt. Die alten Zeiten sind schon so lange vorbei. Nur das alte Vokabular wird man nicht los, nicht mal in der Politik und in den Amtsstuben. So ist das mit der Macht der Gewohnheit.

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