Zeitung Heute : Als Dankeschön eine selbstgemachte Zeitung

ANNETTE KÖGEL

Da stehen sie nun um das Schreibtisch-Chaos herum und gucken erwartungsvoll. "Ihr müßt euch das unheimlich laut und hektisch vorstellen: Die Leute rufen quer durch den Raum, Telefone klingeln, und die Kollegen am Produktionstisch bitten lautstark, schneller zu schreiben." Ziemlich laut und hektisch. Die Schüler der Ernst-Adolf-Eschke-Schule werden die Atmosphäre in einer Lokalredaktion trotz ihres dolmetschenden Lehres nie wirklich nachvollziehen können: Sie sind gehörlos. Den Tagesspiegel haben sie dennoch auf ihre Weise kennengelernt - wie die insgesamt 5500 Jugendlichen aus 230 Klassen von Berliner Oberschulen, die in diesem Schuljahr am "Klasse!"-Medienprojekt teilnahmen.Wie kommt es eigentlich, daß jeden Tag genau soviel passiert, wie in eine Zeitungsausgabe paßt? "Was machen Sie, wenn die Informationen nicht reichen? Wie hoch ist Ihre Auflage im Vergleich zu anderen Zeitungen? Wie lange arbeiten die Redakteure? Und wieviel verdient man so als Journalist des Tagesspiegels?" Fragen wie diese, die die Klasse 8b der Paul-Natorp-Oberschule bei ihrem Verlagsbesuch an der Potsdamer Straße stellte, beantwortete das Projektteam während dieses Schuljahres bei Führungen von mehr als 80 Klassen durch den Verlag oder bei Besuchen im Unterricht.Wenn man vier Wochen lang jeden Morgen die Zeitung auf dem Schultisch vorfindet, werden junge Leser eben auch neugierig auf das, was hinter den Kulissen passiert. Die "Klasse!"-Klasse von Karin Gerstel von der Moabiter Moses-Mendelssohn-Gesamtschule war auch im Unterricht besonders eifrig. Jeder Schüler legte einen eigenen dicken Ordner mit Berichten, Fotos und Grafiken aus dem Tagesspiegel an - das ordentliche Inhaltsverzeichnis nicht zu vergessen. Hakan Ficici beispielsweise sammelte alles rund um die Polizei. Jetzt weiß Hakan inzwischen auch, wer sich hinter Kürzeln wie "weso" oder "ADN" versteckt. Patrick Franzke archivierte den Wetterbericht - die Lehrerin bat ihn, Begriffe zum Thema zu assoziieren: "Sonne, T-Shirt, Wasser, Himmel, Kälte" und vieles anderes mehr hat Patrick auf eine Seite geschrieben. Einmal mußte Patrick Franzke lachen: als die Prognose versehentlich an zwei Tagen hintereinander mit "Mittwoch" übertitelt war.Warum solche Flüchtigkeitsfehler im sekundenschnellen Zeitungsalltag mitunter doch durchrutschen - das können sich die Schüler jetzt vorstellen - nicht zuletzt nach dem Durcharbeiten der "Klasse!"-Unterrichtsmappe. Eine "hervorragende Grundlage" für den Unterricht sei diese Zusammenstellung über journalistische Stilformen, Medien und Meinung, den Berliner Zeitungsmarkt, den Tagesspiegel und praktische Tips für den Unterricht, lobte eine Lehrerin aus Hellersdorf.Auch die Pädagogen engagierten sich über das übliche Maß hinaus. Möglicherweise auch deshalb, weil sie die Überzeugung von Schulverwaltungsstaatssekretär Klaus Löhe teilen: "Wer den Umgang mit der Tageszeitung lernt, lernt fürs Leben." Viele Pädagogen hefteten Artikel, die die Schüler zu den monatlichen Sonderseiten im Tagesspiegel verfaßten, an Pinnwände, ließen "in AGs und Einzelarbeit" Vergleiche zwischen Zeitungen erstellen und baten ihre Schützlinge, als Klassenarbeiten Kommentare oder Meldungen zu schreiben. Die Schüler vom Schöneberger Rheingau-Gymnasium überreichten dem Tagesspiegel als Dankeschön eine selbstgefertigte Sonderausgabe."Die Schüler sind recht sicher im Umgang mit der Presse geworden, wie sich auch Monate später zeigt. Also rundherum erfreulich", bilanzierte ein Projektlehrer. Für einen anderen ermöglichte das Tagesspiegel-Medienprojekt "die Zeitungszustellung für eine Schülerpopulation, die sonst fast keine Printmedien kennt!" Wie im ersten Projektjahr 1997/98 - damals hatten sich noch 4000 Jugendliche in 153 Klassen beteiligt - wollten auch diesmal etliche Institutionen in Berlin und Brandenburg mitmachen: Behörden, Vereine, freie Träger.Bei einer Gruppe drückten wir die Augen zu: der Klasse von David Michael Conway, Castle Rushen High School, Isle of Man - der Deutschlehrer erbat die Unterlagen für den Unterricht. Manchmal landete auch Post von jungen Autoren im Fach, die nicht in eine "Klasse!"-Klasse gingen. "Wenn ihnen unser Text gefallen hat und Sie gern noch einen Text zu einem anderen Thema haben wollen, würden wir uns sehr freuen", schrieben etwa zwei Mädchen. Ein Modeinstitut bat um die Zuschriften der jungen Leser zur Seite "Mode und Konsum" - die Angaben der Jugendlichen wurden anonym für einen Vortrag ausgewertet. Die Schulverwaltung bat für Unterrichtsmaterial zum Thema Gewalt um Einblick in die Schülertexte dazu. Schüler baten für Referate um Texte aus dem Tsp-Archiv.Der Andrang war enorm: Jeden Monat erreichten die "Klasse!"-Redaktion mehr als 200 Zuschriften zu Themen wie Drogen, Ausbildung, Multikulti oder Freizeit. Auch Journalisten-Organisationen wie die Initiative Tageszeitung und ihr "Drehscheiben"-Magazin wollten mehr über die Tagesspiegel-Initiative wissen. Die Bundeszentrale für politische Bildung lud die "Klasse!"-Redaktion zu einem Tagungsvortrag. Das Projekt bringt eben vieles. Nicht zuletzt die Erkenntnis bei Redaktionsbesuchen, das man auch ohne Worte viel sagen kann.

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