Zeitung Heute : Als das Flüchten noch geholfen hat

Volker Sielaff

Wenn man zum Weggehen geschaffen ist, dann kann es zu einem Lebenszustand werden, einer Kraft, der man vertrauen darf - der flexible Mensch in seiner positiven Variante, der, nicht gehetzt von den Zwänge seines Alltags, in der Lage ist, sich immer wieder neu zu erfinden. Als hätte man nicht ein, sondern viele Leben. Doch wieviele Leben hat man? "Du weißt, dass man nur ein Leben hat..", sagt Julian zu seinem Bruder Paul, um sich im nächste Augenblick zu korrigieren: "Ich bekomme noch eines." Und er braucht noch eines, dieser Julian in Daniel Kehlmanns neuem Buch, zumindest noch eine letzte Chance; sein Erfinder, der Autor, will es so.

In der Schule hat Julian von Thule gehört, jenem unbekannten Ort, der auf alten Karten als von Drachen bewohnt ("hic sunt dragones") bezeichnet wurde. Ultima Thule, der fernste Ort. In Zeiten, da noch das letzte Thule nur ein paar Flugstunden von uns entfernt liegt, verlagert Kehlmann es kurzerhand in die Seele: Julian, der Angestellte einer Versicherung, ist sich selbst das unerforschte Gebiet.

Er ist einer, der nie weggegangen, aber immer vor sich davongelaufen ist. Das Davonlaufen ist sein sein Metier. Dieses Motiv ist nicht neu bei Kehlmann. Auch die Hauptpersonen seiner ersten beiden Romane, der Zauberer Beerholm in "Beerholms Vorstellung" und der Physiker Mahler in "Mahlers Zeit", mussten sich mit Wirklichkeitsverlusten herumschlagen und hatten schlicht: Angst vor dem Leben.

Daniel Kehlmanns Geschichte vom fernsten Ort beginnt nun da, wo die meisten Bücher enden. Eine Geschäftsreise nach Italien nutzt der junge Versicherungsangestellte Julian, um sich endgültig davonzumachen. Er inszeniert einen Badeunfall: erst einmal überzeugend abtreten, mag er sich denken, um beim nächsten Mal alles richtig zu machen. Das ist eine originelle Versuchsanordnung, und Kehlmann hält uns natürlich im Ungewissen darüber, ob der Badeunfall wirklich stattgefunden hat oder es sich nur um einen Traum unseres krisengeschüttelten Helden handelt. Julian ist unzufrieden mit der Welt. Während seinem hochbegabten Bruder Paul, einem Softwareentwickler für Computerspiele, alles wie von selbst zuzufalle scheint, schmerz ihn, den mit Kurzsichtigkeit geschlagenen, schon seine leibhaftige Anwesenheit.

Selbstauslöschungsphantasien wie diese spuken in seinem Kopf herum: "Er versuchte, sich auszumalen, dass er nicht mehr da wäre, nirgendwo, an keinem Ort; und er begriff, dass er sich eben das nicht ausmalen konnte, dass er in seiner Vorstellung immer anwesend sein musste, auf irgendeine Art, und sei es versteckt oder verwandelt in ein Gespenst." Der fernste Ort, für Julian ist das gleichbedeutend für die Sehnsucht, nicht anwesend, körperlos zu sein.

Vernunft ist ein schlechter Ratgeber

Nur einmal, so erfahren wir, wäre Julian das verdammte Leben fast geglückt. Er hatte eine Rede zu halten und war abgekommen von seinen schwerfälligen Notizen und hatte plötzlich angefangen zu improvisieren, zu erfinden: "Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, dass sich mit dem Leben etwas anfangen ließ."

Aber wieder sollte alles anders kommen, denn statt ein lukratives, aber allzu bequemes Angebot auf eine "Versorgungsstelle" an der Universität abzulehnen und den Weg des sich selbst erfindenden Lebens zu wählen, sieht er sich bald gezwungen, diese doch anzunehmen. Denn Clara, seine Freundin, ist von ihm schwanger, und sie drängt ihn auf das sichere Gleis. Da erscheint es dann folgerichtig und beinahe symbolhaft, das Claras Kind stirbt, nachdem Julian gerade sein Leben neu ausgerichtet hatte. Vielleicht ist die Vernunft ja doch ein schlechter Ratgeber und straft uns mit Vergeblichkeit.

Von diesem Moment an läuft wieder alles schief in Julians Leben. Seine Mutter bringt sich um, er verliert seinen Job an der Universität und ist abermals auf fremde Hilfe angewiesen. Und wieder ist es sein Bruder Paul, der eine Lösung für ihn parat hat: er bringt Julian bei der Versicherung unter - wo ihm freilich die Schmerzen des Daseins nicht minder zusetzen sollen. Der Rest ist bekannt.

Vielleicht ist es so, wie der Gelehrte Vetering, über den Julian forscht, in einem seiner Briefe geschrieben hatte: "Nicht die trübe Parabel von dem Maler, der in seinem Bild verschwindet, im Gegenteil: ein Wanderer, der langsam und ohne Ungeduld seinen Weg durch eine winterliche Landschaft sucht. Doch während er geht, fühlt er die Luft um sich zu Ölfarbe gerinnen..."

Um dieser Erstarrung zu entkommen, ist Julian ins Wasser gegangen, untergegangen auf Probe vielleicht, und wie in einem bösen Traum umschlingt ihn, während er vor unseren Augen zu ertrinken droht, alles Unbewältigte. Aber kann man auf Probe untergehen? Die Frage, ob sich in einem zweiten Leben, gesetzt man bekäme noch eines, irgendetwas besser machen ließe, hat sich schon Max Frisch,in seinem Stück "Biografie: ein Spiel", gestellt. Er hat sie negativ beantwortet. Bei Kehlmann bleibt doch zumindest am Ende ein Rest Hoffnung übrig: "...er hatte es in der Hand, für einen unendlich kurzen Augenblick, als etwas, eine Bewegung seines Körpers oder auch nur eine Regung seines Willens, alles auflöste."

In der starken Anfangszene des Buches sind schon sämtliche Motive enthalten, die Kehlmann auf den folgenden Seiten ausführt und geschickt moduliert. Als Deja-vu-Ungeheuer wird Julian ihnen auf der unendlichen Reise zu seinem zweiten, womögich wirklichen Leben, zu jenem Ultima Thule der Seele, wiederbegegnen.

Ob das Kokettieren Daniel Kehlmanns mit Unterweltsujets im zweiten Teil des Buches der Geschichte wirklich nützt, darf bezweifelt werden. Aber die magische Beschreibung dieses Todes durch Ertrinken, die in ihrer Eindringlichkeit und suggestiven Kraft an einige Erzählungen des Argentiniers Julio Cortázar oder an die Imaginationen eines Jorge Luis Borges erinnert, zählt zum Besten, was man in der deutschen Gegenwartsliteratur heute findet. Das Leben ist wie ein langsames Ertrinken: in dieser Prosa kann man daran sogar Gefallen finden.

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