Zeitung Heute : Als der 11. September nur ein Datum war

Wie war es im New York der späten 70er und frühen 80er? Deborah Harry, Sängerin von Blondie, erinnert sich: „Ich war ein Groupie.“

Deborah Harry

Ich lebe seit meiner Jugend in Manhattan. Schon als Kind war ich immer sehr aufgeregt, wenn meine Eltern mich mit nach New York genommen haben. Wir haben uns dann die Schlittschuhläufer angesehen oder ein Musical angeguckt. Dann haben wir meistens irgendwo toll gegessen. Das erschien mir damals alles so exotisch. Meine Eltern waren allerdings keine so großen New York-Fans.

Als ich dann in New York versucht habe, mich als Kellnerin und Musikerin durchzuschlagen, fanden meine Eltern das nicht so großartig. Meine Mutter hat sich natürlich gewünscht, dass ich einen tollen Jungen heiraten würde, dass ich abgesichert leben könnte und glücklich werde. Sie hat sich gewünscht, dass ich ein Leben führe, wie sie es tut. Ist ja klar. Aber sie konnten mich natürlich nicht davon abhalten, das zu machen, was ich mir in den Kopf gesetzt hatte. Naja doch – sie hätten mich anbinden können.

Bloß nicht glücklich

Ich habe damals immer eine LP von „Cal Tjader“, dem südamerikanischen Jazzer gehört. Meine erste überhaupt. Das war meine New York-Musik. Die Platte kannte ich in- und auswendig, ich glaube, ich habe sie tausendmal gespielt.

Ich habe einmal gesagt, dass New York in den letzten Jahren immer synthetischer geworden ist. Damit meinte ich, dass die Leute, die in den letzten Jahren nach New York kamen, meistens Computerleute waren. Und mit dieser neuen Bevölkerungsschicht haben sich in New York auch die Werte, die Lebensstile sehr verändert. Die Preise sind enorm angestiegen, das macht es für Musiker und Künstler natürlich verdammt schwierig zu leben. Die Szene hat sich verlagert. Es gibt sie noch, aber kleiner. Ein paar Bands sind immer noch da, sie sind allgegenwärtig und sie spielen. Das ist sehr schön.

Um kreativ zu sein, darf man nicht zu fett und zu glücklich sein. Man muss kämpfen, die Dinge müssen ein bisschen kontrovers und chaotisch sein, finde ich. Nur aus dem Chaos kommen neue Ideen. Das ist in der Geschichte schon immer so gewesen.

Der größte Übeltäter war unser Ex-Bürgermeister Giuliani. Er hat der Stadt diese ganzen provokativen Aspekte genommen. Er hat die Clubs geschlossen, hat Tanzverbote erlassen, hat die Sex-Shops am Times Square vernichtet. Er scheint so provinziell in vielen Dingen zu sein. Zum Beispiel, was Sexualität angeht. Er war nicht besonders entwickelt oder human in dieser Hinsicht. Vielleicht könnte man sogar unmoralisch dazu sagen. Er hat eine sehr begrenzte Sicht der Dinge.

Er hat New York wirklich verändert, das merkt man auch jetzt noch. Viele Menschen mussten die Stadt aus finanziellen Gründen verlassen. Er hat New York irgendwie blöd und benommen gemacht. New York wurde immer mehr ein Ort, in den Menschen ziehen, um ihre Kinder groß zu ziehen. Giuliani hat die Stadt natürlich sehr sicher gemacht. Aber mit dieser Sicherheit ist es auch sehr blöd geworden.

Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre das niedrigere Mieten, eine reifere, oder sagen wir europäischere Sicht der Prostitution, legale Prostitution. Und dann würde ich mir private Spielhöllen wünschen. Clubs, die irgendwie sophisticated sind. Das würde die Stadt wieder etwas anregender machen.

Ich weiß, dass es in Brooklyn einige sehr gute Clubs und Partys gibt. Aber ich bin da noch nie so richtig ausgegangen. Ich gehe meistens einfach in die Bar, die am nächsten an meiner Wohnung liegt. Das letzte Mal, dass ich aus war, das war, um die Strokes zu sehen, auf einer Party. Und davor habe ich eine Reggae Band gesehen. Death irgendwas. Marc, nee, ich kann mich an den Namen nicht mehr erinnern. Aber das war gut. Und ich habe „Candy Ass“ gesehen, aber ich erinnere mich nicht mehr, wo das war.

Der Club als Klassenzimmer

Der Club, den ich natürlich am besten kenne, ist das CBGB. Es ist fast so, als ginge ich in mein altes Klassenzimmer. So vertraut ist mir das alles da. Es gab diese eine verrückte Nacht, als wir, also Blondie, dort gespielt haben. Wir waren schon auf der Bühne, der Club war knüppelvoll und plötzlich rief jemand, er habe eine Bombe gefunden, und in der selben Sekunde stand auch schon die Feuerwehr draußen vor der Tür. Und die drückten sich mit ihren dicken Anzügen und den Helmen durch den übervollen Raum. Die Leute bekamen Panik, alle schrien durcheinander, aber es ist nichts passiert. Es war falscher Alarm.

Wenn ich heute ausgehe, zum Tanzen, dann gehe ich gerne ins „Don Hills“, unten in Tribeca. Als ich jünger war, in den 60ern, da war ich ein richtiges Groupie. Ich bin zu jeder Band gegangen, die ich sehen konnte. Etwas später war meine absolute Lieblingsband die „New York Dolls“. Die haben Gott sei Dank fast immer in New York City gespielt. Hinterher reisen musste ich meiner Lieblingsband also nie. Ich wollte damals einfach dabei sein, vielleicht den einen oder anderen kennen lernen.

Es hat allerdings etwas gedauert, bis ich mich gut gefühlt habe. Ich kannte damals, so frisch in der Stadt, keinen Menschen, musste neue Freunde finden und herauskriegen, was ich eigentlich wollte in New York City. Dieser Umzug war aufregend, beängstigend und wundervoll. Alles in einem.

Ich glaube, man kann sagen, dass ich sehr ehrgeizig bin. Also ehrgeizig in dem Sinne, dass ich Dinge erreichen will. Aber es geht mir dabei nicht so sehr um den Erfolg. Ich mag es, wenn Dinge klappen, wenn ich Herausforderungen standhalte. Naja, ein bisschen war das damals so. Ich musste den Anfang durchhalten.

Wenn ich die junge Debbie von damals heute treffen würde, dann würde ich ihr Mut machen. Ich würde ihr raten, Spaß zu haben und einfach weiter zu machen, mit dem, was sie tut. Ich war damals natürlich viel, viel unsicherer als heute.

Und ich habe es durchgehalten. Mittlerweile sind fast die Hälfte meiner Bekannten gestorben. Krankheiten, Drogen. Ich glaube ich hatte bislang einfach Glück.

Deborah, genannt Debbie, Harry wurde 1945 in Miami, Florida, geboren, in den 60ern schlug sie sich in New York als Sekretärin, Kellnerin und als Playboy-Bunny durch. 1973 lernte sie den Kunststudenten und Gitarristen Chris Stein kennen, mit dem sie ein Jahr später Blondie gründete. Die Band spielte zu Beginn vor allem im CBGB in New York. 1976 haben sie ihr erstes Album aufgenommen, „Blondie“.

Am Montag, den 3. November, spielt Debbie Harry und Blondie in der Columbiahalle, am 7. in Köln. Ihr neues Album heißt „The Curse of Blondie“.

Die Bilder auf der Seite sind dem großartigen Fotoband „blank generation revisited - the early days of punk rock“ entnommen, über den der „Rolling Stone“ schrieb: „So sah die Musik aus!“ Der Band ist erschienen bei Schirmer Books, Simon & Schuster MacMillan, New York.

Aufgezeichnet von Kerstin Kohlenberg

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben